Helmut Kohl: Deutschland und Europa nehmen Abschied

Europäischer Trauerakt in Straßburg, Requiem im Speyerer Dom und militärisches Ehrenzeremoniell. Der Abschied von Altkanzler Kohl endete am Samstagabend mit der Beisetzung im engsten Familien- und Freundeskreis.

Trauer | Speyer - 02.07.2017

Als Kind fand er im Speyerer Dom Zuflucht vor den Weltkriegsbomben - als Bundeskanzler kam er mit Präsidenten und Monarchen zurück: Für Helmut Kohl war der Kaiserdom Sinnbild der europäischen Einheit und des Friedens.

Nun hat Deutschland dort Abschied vom Kanzler der Einheit genommen. Die Spitzen der Bundesrepublik, internationale Staatsgäste und zahlreiche Weggefährten erwiesen Kohl die letzte Ehre. Hunderte verfolgten bei regnerischem Wetter die Liveübertragung des Requiems im angrenzenden Domgarten auf einer Großleinwand.

Sie alle erhielten das von Witwe Maike Kohl-Richter ausgewählte Totenbild: neben einem Porträt des am 16. Juni verstorbenen Ehrenbürger Europas ein Romani-Guardini-Zitat "Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens".

"Danke für Europa!"

"Ich bin mit Kohl groß geworden und war längst nicht mit allem seiner Entscheidungen einverstanden. Aber klar ist, dass jetzt ein großer Politiker von der Weltbühne abgetreten ist", so Marcus Hofmann, der die Trauerfeiern mitverfolgte. Mitglieder der Jungen Union präsentieren ihre schwarz-weißen Plakate "Danke für Europa!" und "Danke für die deutsche Einheit!". Auch Familien mit Kinderwagen waren gekommen.

Begonnen hatten die Abschiedszeremonien am Vormittag im Straßburger Europaparlament. Weggefährten, Bundeskanzlerin Angela Merkel und europäische Spitzenpolitiker würdigten Kohl für sein Engagement für Frieden, die Einheit Deutschlands und die europäische Versöhnung. Es war der erste europäische Trauerakt in der EU-Geschichte.

Helmut Kohl im Porträt
Altkanzler Helmut Kohl starb am 16. Juni 2017.
 KNA

Von Straßburg wurde Kohls Sarg dann per Hubschrauber nach Ludwigshafen überführt. Der Trauerzug fuhr durch Kohls Heimatstadt, wo rund 1.000 Passanten die Straßen säumten. Die letzte Etappe schließlich führte per Schiff "MS Mainz" auf dem Rhein nach Speyer, begleitet von drei Helikoptern im Formationsflug. Ein Ehrenbataillon der Bundeswehr brachte den mit der Bundesflagge verhüllten Sarg in den Dom, wo Bischof Karl-Heinz Wiesemann das Requiem leitete.

Dort saß die Witwe zwischen dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton und Jean-Claude Juncker, dem Präsidenten der Europäischen Kommission. Wiesemann würdigte in seiner Ansprache nicht nur "einen wahrhaft großen Staatsmann", sondern ging auch auf die Situation der Angehörigen ein. Er sprach von Kohl-Richters Engagement für den erkrankten Ehemann und erinnerte an die Söhne und Enkel, die Vater und Großvater verloren haben. Ohne auf den familiären Streit direkt einzugehen, sagte Wiesemann: "Uns berührt und erschüttert das Große wie auch das nach Erlösung Rufende, das diesen Tod umgibt."

Zum live in der ARD übertragenen Gottesdienst hatten aus Sicherheitsgründen nur geladene Gäste Zutritt. Insgesamt waren in Speyer und Ludwigshafen weit mehr als 1.000 Polizisten im Einsatz. Bis zum Abend verzeichneten sie keine besonderen Ereignisse. Auch der Malteser Hilfsdienst, der mit 40 Helfern rund um den Dom angerückt war, sprach von einem ruhigen Tag. "Wenn es so heiß wie vor einigen Tagen gewesen wäre, hätten wir sicher mehr zu tun gehabt", so Einsatzleiter Heiko Hoffmann.

"Jesu meine Zuversicht"

Letzte öffentliche Etappe des langen Trauertags bildete das militärische Abschiedszeremoniell auf dem Domvorplatz. Die Kaiserglocke des Domes läutete, das Musikkorps der Bundeswehr spielte Händel, den Trauerchoral "Jesu meine Zuversicht", die Nationalhymne und schließlich das "Lied vom guten Kameraden". Soldaten senkten vor dem Sarg die Truppenfahne - genau dort, wo Kohl im Oktober 1998 mit der militärischen Ehrenbezeugung des "Großen Zapfenstreichs" als Bundeskanzler verabschiedet worden war.

Seine letzte Ruhestätte fand der Pfälzer am Samstagabend nicht im Ludwigshafener Familiengrab an der Seite seiner ersten Ehefrau Hannelore, sondern auf dem Speyerer Domherrenfriedhof im Schatten der deutsch-französischen Friedenskirche Sankt Bernhard. Nur der engste Familien- und Freundeskreis nahm an der von Wiesemann geleiteten Beerdigung teil. Künftig soll Kohls Grab vom Adenauerpark aus für Besucher zugänglich sein.

Von Volker Hasenauer und Michael Jacquemain (KNA)

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Für den verstorbenen Altkanzler war der berühmte Speyerer Dom ein Stück Heimat. Viele Stationen seines Lebens sind mit dem Gotteshaus verbunden - nun wurde ihm dort auch die letzte Ehre erwiesen.

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