Wenn aus privater Trauer eine öffentliche wird

Am Samstag findet die Totenmesse für Altbundeskanzler Helmut Kohl statt. Im Vorfeld gab es ein großes mediales Interesse. Theologe Winfried Haunerland spricht über angemessene Formen des Trauerns.

Trauer | Glaube - 30.06.2017

Frage: Herr Haunerland, was sagen Sie zu der öffentlichen Trauer um Helmut Kohl?

Haunerland: Grundsätzlich sollte man den staatlichen Akt und die kirchliche Feier auseinanderhalten. Das öffentliche Ereignis lässt manchmal die eigentlich Trauernden aus dem Blickfeld geraten. Davon unterscheidet sich der Anspruch der Begräbnisliturgie deutlich. Die eigentliche Leistung des Gottesdienstes wird es sein, eine Gemeinschaft zu stiften. In anderen Worten, der feierliche Ritus gibt den Menschen in dieser traurigen Situation Halt. Das Besondere an der katholischen Liturgie ist aber, dass sie keine aktive Trauerarbeit leistet. Die Trauernden selbst sind nicht die Adressaten der Liturgie, denn die Liturgie ist ein Dienst am Verstorbenen. Die Liturgie begleitet zwar die Trauergemeinschaft, aber ohne sie vom Ritus her permanent aktiv trösten zu wollen.

Frage: Kommt um diese Feierlichkeiten der persönliche Abschied in der Familie nicht zu kurz?  

Haunerland: Das ist ein spannender Punkt bei der Trauer um Personen, die im öffentlichen Interesse stehen. Das heißt, es geht hier nicht nur um die Trauer der engsten Angehörigen, sondern eine ganze Gesellschaft ist vom Tod dieser Person betroffen. Unabhängig davon, ob es ein echtes Trauern ist oder eine respektvolle Betroffenheit. Trotzdem war der Verstorbene vielen Menschen wichtig und insofern können ein feierlicher Staatsakt und eine große Trauerzeremonie dabei helfen, den Abschied öffentlich zu vollziehen. Nach der öffentlichen Begräbnismesse wird der engste Freundeskreis persönlich Abschied auf dem Friedhof und beim Begräbnis nehmen. Es ist gut, wenn das losgelöst von der Öffentlichkeit stattfindet. Die Dreiteilung der Trauerfeierlichkeiten in einen gesellschaftlichen Akt, eine religiöse Feier und einen persönlichen Abschied ist gut nachvollziehbar.

Frage: Leider wurden damit auch im Vorfeld die zerrütten Verhältnisse in der Familie publik…

Haunerland: Es ist natürlich eine Tragik, wenn der Schmerz über den Verlust eines Menschen öffentlich ausgetragen wird und die Familie des Verstorbenen sich unter medialer Beobachtung gegenseitig Vorwürfe macht. Dieses Verhalten ist menschlich verstörend, kommt aber häufiger vor. Unabhängig von der Familie Kohl, zu der ich nichts sagen möchte, kann der Verlust eine zerstörerische Dynamik anstoßen. Die Trauer um einen Verstorbenen wird nicht gemeinsam durchgestanden, sondern findet ihren Ausdruck in gegenseitigen Verletzungen und in Verbitterung. In solchen Situationen zeigt sich auch, warum es hilfreich sein kann, wenn das kirchliche Begräbnis von der größeren Gemeinschaft der Kirche, also in gewisser Weise von außen getragen wird und keiner von den wirklich Betroffenen gezwungen ist, seine Gefühle miteinzubringen, so dass das Risiko gar nicht besteht, andere dadurch noch mehr zu verletzen. Ich finde aber, dass alle am Grab des Verstorbenen stehen sollten, die es sich von Herzen wünschen, auch wenn nicht alle Familienprobleme damit gelöst sind.

Winfried Haunerland ist Priester und Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.
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Frage: Was halten Sie von der Aufbahrung des Toten zu Hause?

Haunerland: Das ist je nach Vorschrift bis zu 24, 36 oder 48 Stunden erlaubt und wird mittlerweile auch wieder häufiger praktiziert. Es gibt natürlich aus hygienischen Gründen Vorgaben, wie lange ein Toter ohne Kühlung verbleiben darf. Ich denke, dass es eine gute Tradition ist, den Toten nicht sofort vom Bestatter abholen zu lassen, sondern so auch weit angereisten Familienmitgliedern noch die Chance zu geben, sich persönlich im vertrauten Umfeld verabschieden zu können. Voraussetzung ist natürlich, dass die Menschen auch zu Hause sterben. Früher war es auf dem Land noch üblich, die Verstorbenen auch für einige Tage aufzubahren. Neben dem Toten wurde gegessen und getrunken. Der Tod war mitten im Leben präsent.

Frage: Sollte man einen Verstorben nicht mit mehr Respekt behandeln?

Haunerland: Es gibt je nach kulturellen Gepflogenheiten ganz unterschiedliche Formen der Trauer. Ich weiß aus Berichten, dass in anderen Ländern bei der Beerdigung geklatscht oder sogar getanzt wird. Auch das ist eine Weise der Respektbezeugung gegenüber dem Verstorbenen. In anderen Kulturen gehört zum Beispiel lautes Weinen und Schreien zu einer Trauerfeier dazu. Auch unsere Ausdruckformen von Trauer sind kulturell geprägt. Aber ich beobachte zunehmend, dass die Menschen in der Öffentlichkeit keine Gefühle zeigen wollen oder Angst davor haben, in Tränen auszubrechen. Häufiger finden Beerdigungen nur im engsten Familienkreis statt. So gibt man anderen Trauernden keine Gelegenheit, auch an der Beerdigung teilzunehmen und auf diese Weise vom Verstorbenen Abschied zu nehmen. Man schließt entferntere Bekannte und Freunde sozusagen von der Trauer aus. Aber da in der Stadt die Beziehungen weniger dicht sind, ist es vielleicht auch nicht zu vermeiden, dass unsere städtische Begräbniskultur anonymer geworden ist.

Frage: Das heißt, die Trauer sollte öffentlicher werden?

Haunerland: Es ist jedenfalls nicht nur ein Zugewinn, dass die Trauer bei uns sehr auf den privaten Bereich beschränkt wird. Das gemeinsame Weinen hat auch eine reinigende Funktion und kann gemeinschaftsstiftend sein. Gegenseitige Anteilnahme hilft und tröstet. Dadurch kann neue Verbundenheit erwachsen. Als Kind habe ich noch erlebt, dass Männer eine Trauerbinde um den Arm trugen, wenn jemand aus der Familie verstorben war, und so auch öffentlich ihren Verlust anzeigten. Das ist heute kaum mehr üblich. Man trauert in der Familie, vielleicht wenn man die Verstorbenen auf dem Friedhof besucht, aber am nächsten Tag wird erwartet, dass die Menschen wieder "funktionieren“ und das Leben normal weitergeht. Aber was, wenn die Trauer einen lähmt oder sogar aus der Bahn wirft? Von Perikles soll der Satz stammen: "Ein Volk wird so beurteilt, wie es seine Toten bestattet". Das hat auch etwas mit einem würdevollen Umgang mit der Trauer und der Trauerfeier zu tun.

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Frage: Aber wenn nun jemand erst gar nicht an der Trauerfeier teilnehmen will …

Haunerland: Natürlich hat jeder das Recht, sich so zu verhalten, wie es für ihn am Besten ist. Bemerkenswert ist allerdings die Beobachtung, dass es eine zusätzliche Belastung sein kann, wenn das Begräbnis erst nach längerer Zeit oder vielleicht überhaupt nicht stattfinden kann. Das kann Auswirkungen auf den Trauerprozess haben. Wenn der Tote bestattet ist, hat er seinen Platz gefunden und seine Ruhe auf dem Friedhof. Zumindest äußerlich ist eine bestimmte Phase des Trauerprozesses zwischen Tod und Bestattung nun zu einem Ende gekommen. Der Friedhof erlaubt es mir dann, den Toten zu besuchen, aber auch wieder wegzugehen und mich zu distanzieren, also wieder ins Leben zurückzukehren.

Frage: Verweigert man sich damit auch der Trauer?

Haunerland: Die Entscheidung, nicht zu einem Begräbnis zu gehen, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Das kann im Einzelfall durchaus  später eine Belastung sein. Dennoch kann es im Einzelfall gute Gründe dafür geben. Als Priester weiß ich, dass es gelegentlich Beerdigungen ohne Angehörige gibt, obwohl es Angehörige gibt. Es ist tragisch, wenn die Angehörigen das Gefühl haben, nichts mehr mit dem Verstorben zu tun haben zu wollen. Aber darüber sollte niemand von außen urteilen. Das gilt erst recht jetzt, wo viele an den näheren Umständen des Begräbnisses des früheren Bundeskanzlers interessiert sind. Ich bedauere es für die Familie Kohl, dass sie ihre Verwundungen und Schwierigkeiten nicht untereinander und bei sich klären können und dass ihnen diese Intimität nicht geschenkt wird. Man kann nur allen Trauernden wünschen, dass sie versöhnt Abschied nehmen können und einander verzeihen.

Frage: Wie könnte eine Versöhnung stattfinden?

Haunerland: Wenn wir Abschied von Verstorbenen nehmen, bleibt häufig etwas, was nicht mehr gesagt werden konnte. Vielleicht haben die Menschen keinen Draht mehr zueinander gefunden, weil Spannungen nicht auszuräumen waren oder weil noch Rechnungen offen waren. Das ist immer unglaublich traurig. Im kirchlichen Begräbnisritual kommt deutlich zum Ausdruck, dass wir an Gott all das, was unversöhnt geblieben ist, abgeben können, auch das, was wir dem Verstorbenen schuldig geblieben sind, aber auch das, was der Verstorbene vielleicht anderen schuldig geblieben ist. Dieser Gedanke, dass bei Gott alles aufgehoben ist, ist sehr tröstlich.  

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Pfarrer Bernd Kemmerling über die Einmaligkeit jeder Beerdigung.
 katholisch.de

Frage: Immer wieder hört man von verschiedenen Ritualen, wie zum Beispiel dem Verstorbenen noch einen letzten Brief zu schreiben. Was halten Sie davon?

Haunerland: Diese sogenannten neuen Rituale ergänzen manchmal die offiziellen Riten, sie treten aber manchmal auch an die Stelle der alten Ausdrucksformen. Ausdruck der Verbundenheit war und ist für einen gläubigen Menschen das Gebet für den Verstorbenen. Aber auch dieses Gebet bekam in der Kerze, die ich für einen Verstorbenen anzünde, ein greifbares Symbol. Insofern verstehe ich die Suche nach handfesten Zeichen, also Briefe an den Verstorbenen oder auch Dinge, die dem Verstorbenen mit in den Sarg gegeben werden. Vielleicht zeugen ja auch diese neuen Rituale von einer Grundsehnsucht und einer großen Hoffnung auf die Auferstehung. Insofern ist es gut, wenn wir durch das Brauchtum geprägte oder auch neue Formen haben, die in der Trauer entlasten und Ausdruck der Hoffnung sein können. Eine Trauerfeier sollte aber mit Ritualen nicht überladen werden.

Frage: Welches Ritual meinen Sie zum Beispiel?

Haunerland: Ich finde zum Beispiel den Gesang wunderschön, der nach der Verabschiedung kurz vor dem Verlassen der Trauerhalle gesungen werden kann: "Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem. Die Chöre der Engel mögen dich empfangen und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.“ Das ist ein Bild für den Weg, den der Verstorbene nun ohne uns gehen muss, denn auf diesem Weg können wir die Toten nicht mehr begleiten. Da heißt es für uns, endgültig loszulassen. Gott nimmt die Verstorbenen nun an seine Hand.

Frage: Und der Verstorbene lebt in unserer Erinnerung weiter…

Haunerland: Nur zum Teil, denn schon in ein oder zwei Generationen wird sich an die meisten von uns niemand mehr erinnern. Als Christen glauben wir daran, dass jeder Verstorbene bei Gott weiterlebt. Bei Gott ist niemand vergessen. So steht es schon in der Bibel bei Jesaja 31,1: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“ und bei Lukas 12,7: "Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht!“ Das sind biblische Bilder dafür, dass Gott jeden in seiner Individualität als sein Geschöpf ansieht. Wir sind einzigartig und geliebt, das ist das Entscheidende. Es ist also nicht tragisch, wenn ich bei den Menschen nach meinem Tod vergessen bin, denn Gott wird sich immer an mich erinnern.

Von Madeleine Spendier

Zur Person

Winfried Haunerland ist Priester und Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Haunerland setzt sich in seiner Arbeit aus verschiedenen Perspektiven mit dem christlichen Begräbnis auseinander. Ein weiterer Schwerpunkt ist die diakonische Ritenpraxis.

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