Hohe Erwartungen an Papstschreiben

Hohe Erwartungen knüpfen sich an das postsynodale Papstschreiben zur Familie. Ein neues Buch von Kurienkardinal Müller gerät nun in den Sog der Spekulationen. Der Kardinal warnt davor, Äußerungen von Franziskus fehlzudeuten.

Familiensynode | Vatikanstadt - 01.04.2016

Am 8. April erscheint das mit Spannung erwartete Papst-Dokument zu den beiden Familiensynoden. Es hat den Rang einer Apostolischen Exhortation, eines päpstlichen Lehrschreibens, und trägt den Titel "'Amoris laetitia' (Freude der Liebe), über die Liebe in der Familie". Papst Franziskus hat den rund 200-seitigen Text schon am 19. März unterzeichnet, um ihn symbolisch dem Festtag des heiligen Familienvaters Josef zu widmen.

Noch ist das Dokument geheim, das Ende nächster Woche bei einer Pressekonferenz im Vatikan vorgestellt wird, unter anderem vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Aber schon seit Wochen spekulieren Medien und Öffentlichkeit, gestützt auf allgemein gehaltene Äußerungen einiger Bischöfe, ob Franziskus neue Wege ermöglicht oder zumindest Raum für Sonderregelungen lässt, oder ob alles bleibt wie bisher. Im Vordergrund stehen dabei die synodalen Streitthemen: Der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen sowie mit Homosexuellen.

Da Franziskus einen sehr langen Text vorlegt, dürfte letztlich jeder darin irgendwo seine eigene Position bestätigt sehen. Nun gelangten in diesen Tagen auch Äußerungen des aus Deutschland stammenden Präfekten der Glaubenskongregation in den Spekulationsstrudel um das Synodenpapier. "Wie Kardinal Müller den Papst neu (oder: auf neue Weise) liest", überschrieb der italienische Vatikan-Korrespondent Sandro Magister seinen Blog-Eintrag über ein neues Buch des Kurienchefs. Er wählte aus dem 260-seitigen Text fünf Aussagen zu fünf strittigen Synodenthemen wie Homosexualität, Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene oder Frauenpriestertum.

Magister: Leseschlüssel für Papstschreiben

"Punkt für Punkt" zeige Müllers Exegese, dass die Worte von Franziskus zu Missverständnissen führten, schreibt Magister im Vorspann. Er suggeriert, das Buch sei gleichsam ein Leseschlüssel zum anstehenden Dokument des Papstes. Dabei ist das auf Spanisch erschienene Buch Müllers mit dem Titel "Informe sobre la esperanza" (Bericht über die Hoffnung) viel breiter gefasst. Er widmet sich einem großen Spektrum von aktuellen Glaubensfragen, die weit über das Thema Familie hinausgehen. Gewählt hat Müller die Form eines Interviews - mit dem spanischen Journalisten Carlos Granados. Diese Form hatte auch sein Vorgänger Joseph Ratzinger mehrfach benutzt, angefangen mit seinem 1985 erschienenen "Rapporto sulla fede" (Bericht über den Glauben).

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Vom 4. bis 25. Oktober 2015 trat die XIV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode unter dem Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" zusammen. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zur Synode.

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In vier großen Kapiteln widmet sich Müller den Erwartungen an Christus, an die Kirche, an die Familie und an die Gesellschaft. Als Schlüssel zum Verständnis erscheint dabei der Begriff Barmherzigkeit. Müller geht aber auch auf manche Missverständnisse um Papst-Äußerungen ein. Der Satz "Wer bin ich, ihn zu verurteilen" (bei seinem ersten Journalistengespräch während eines Flugs im Juli 2013) sei vielfach aus dem Kontext gerissen worden, um "verdrehte Ideen zur Sexualmoral zu präsentieren", so der Kardinal. Franziskus habe mit diesem Satz seinen Respekt vor der Würde der menschlichen Person bekundet. Aus dem Menschenbild der Bibel ergäben sich "einige unumgängliche moralische Ansprüche, aber gleichzeitig auch ein unbedingter Respekt gegenüber der homosexuellen Person".

Müller: Papst nicht fehldeuten

Weiter warnt Müller, die Papst-Äußerung fehlzudeuten, die Eucharistie sei ein großzügiges Heilmittel für die Schwachen und keine Belohnung der Vollkommenen. Der Empfang der Kommunion setze den Stand der Gnade, die Gemeinschaft in der Kirche und auch ein geordnetes Leben innerhalb dieser Kirche voraus, so der Präfekt der Glaubenskongregation. Die Bekehrung sei nicht nur eine Gnade Gottes, sondern setze auch die freie Entscheidung des Betreffenden voraus.

Es würde zu kurz greifen, das Interview-Buch Müllers - das demnächst auch auf Deutsch erscheint - einfach als Lesehilfe oder theologische Ausdeutung des päpstlichen Synodendokuments zu verstehen. Es ist eine Fundgrube für Aussagen zu Glaube und Kirche aus katholischer Sicht. Rückschlüsse auf den Inhalt des Synoden-Dokuments lassen sich freilich daraus nicht ableiten.

Von Johannes Schidelko (KNA)

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