"Ich bekomme keinen Scheck vom Bischof!“

2014 traten 217.716 Katholiken aus der Kirche aus. Maria Anna Leenen dagegen ließ sich vor Jahren nach langer Suche katholisch taufen. Heute lebt sie als Einsiedlerin nach der Ordensregel des heiligen Franziskus.

Serie: Mein Glaube | Bonn - 13.08.2016

Seit beinahe 23 Jahren lebt Maria Anna Leenen (59) als Einsiedlerin in der Nähe von Osnabrück. Sie hat eine kleine Herde Zwergziegen und im Haus ist eine Kapelle. Das Geld ist immer knapp. Im Umkreis von vier Kilometern sind nur zwei, drei Bauernhöfe. Wer ungewöhnlich leben will, trifft auch ungewöhnliche Entscheidungen, verrät sie im Gespräch mit katholisch.de und erzählt von ihrem Entschluss, in die Einsamkeit zu gehen.

Im Alter von 28 Jahren ist Maria Anna Leenen von Deutschland weggegangen, um richtig viel Geld zu verdienen. Sie wollte mit Freunden in Venezuela eine Farm mit 400 Wasserbüffeln aufbauen. "Mein Leben war angefüllt mit Jobs, Beziehungen, mit Klamotten und mit viel Unsinn", erzählt sie - und gesteht sich ein: "Innerlich war ich ziemlich leer".

Ein Buch veränderte alles

Und dann waren es nur vier Sekunden, die ihr Leben komplett veränderten. Der Chef der Wasserbüffelfarm, ein deutscher Katholik, gab ihr ein Buch über Marienerscheinungen. Von Katholiken dachte sie bislang nur: "Das sind rosenkranzschwingende Idioten". Doch dieses Buch habe alles verändert, erklärt Leenen. Um genau zu sein: Es war der Satz schlechthin für sie: "Jesus Christus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Als sie das gelesen habe, wusste sie: "Diesen Jesus brauche ich!" In diesem Moment sei innerlich eine Mauer eingebrochen.

Der Eingang zur Klause St. Anna steht immer offen. Für die Einsiedlerin Maria Anna Leenen ist das selbstverständlich.
 adeo Verlag / Stefan Wiesner

Nach ein paar Monaten scheiterte das Farmprojekt und Leenen musste zurück nach Deutschland. Sie wurde katholisch und trat in ein Klarissenkloster ein. Doch hier wurde ihr klar: "Ich habe eine andere Berufung. Ich habe eine Berufung zur Einsiedlerin. Aber ich wusste nicht, was ich genau machen sollte und ich wusste nicht wo. Ich dachte mir nur: Wenn Gott will, dass ich diesen Weg gehe, dann zeigt er mir schon den Ort."

Zu Fuß, mit dem Zug, mit geliehenen Autos und dem Fahrrad habe sie einen Ort gesucht, wo sie anfangen konnte. Und schließlich einen gefunden. Ein altes Bauernehepaar fand für sie eine Baracke. Drei Jahre lang habe sie dort gewohnt. "Mit hochgeschlagenem Mantelkragen bin ich in die benachbarte Kirchengemeinde zur Messe gegangen. Die Heilige Eucharistie war mir ungeheuer wichtig in dieser Zeit." Niemand wusste, wo genau sie sich aufhielt, erzählt sie. "Sie dachten alle, ich wäre tot oder bei einer Sekte untergekommen. Ich aber hatte mein Glück gefunden."

Die Klause St. Anna entsteht

Nach einem dreiviertel Jahr war ihr klar: "Das ist mein Weg!" Nach neun Jahren in der Baracke aber war die Hütte nicht mehr bewohnbar, Leenen musste eine neue Bleibe suchen. Nach einer Übergangszeit in einem Keller fand sie ein altes Bauernhaus. In den darauf folgenden Monaten entstand hier mit Hilfe vieler Freunde die Klause St. Anna, in der Leenen bis heute lebt. "Ich habe alles aufgegeben, worauf ich früher viel Wert gelegt hatte", erzählt sie im Rückblick. "Hier in meiner Klause habe ich alles gefunden, was ich zum Leben brauche. Dieses Leben mit Gott ist meine Erfüllung."

Wer in die Stille geht, muss sich mit seinen Ängsten und Wunden auseinandersetzen.

Maria Anna Leenen

Seit fast 23 Jahren lebt Maria Anna Leenen nun als Eremitin und ist sich heute sicher, sie würde es wieder tun. Offiziell ist Leenen Diözesaneremitin in Osnabrück und gehört damit zu den rund 90 Eremiten, die es im deutschsprachigen Raum gibt. Maria Anna Leenen ist vom Bischof zu den Gelübden zugelassen worden, trägt aber keinen Habit. "Unser Bischof möchte nicht, dass wir ein geistliches Gewand tragen", erklärt sie. Außerdem sei sie sowieso der Jeanstyp. Bei den vielen Aktivitäten draußen wie Holzhacken oder Feldarbeit sei ein Habit auch nur im Weg. Ihr Leben in ihrer Einsiedelei funktioniere ganz ohne große Ansprüche. "Ich brauche keinen Luxus. Ausreichend Lebensmittel, im Winter Holz und ab und zu mal eine neue Hose, das reicht  meistens", sagt die Eremitin. "Ich bekomme aber dafür keinen Scheck vom Bischof."

Eremiten leben auf sich allein gestellt. Daher sorge sie auch für sich selbst und für ihre Zwergziegen. Um über die Runden zu kommen, schreibe sie Bücher. Aktuell hat sie eines unter dem Titel "Ganz weit draußen" veröffentlicht. "Das beste Buch, das ich je geschrieben habe", sagt sie zufrieden. Worum es geht? "Eine junge Frau, unzufrieden mit ihrem Job und ihrem Leben, steigt aus einer unglücklichen Liebesbeziehung aus und holt sich Rat bei einer erfahrenen Einsiedlerin."  Ein autobiographisches Buch? Ja, zum Teil, gibt Leenen zu. "Ich verarbeite die Geschichten und Begegnungen mit Menschen, die ich hier in meiner Klause erlebe. Aber ich plaudere keine Vertraulichkeiten meiner Gesprächspartner aus!"

Der Hof der Eremitin mit ihren Ziegen. Die 59-Jährige ist seit 20 Jahren offiziell ernannte Eremitin des Bistums Osnabrück und lebt nach den Ordensregeln des heiligen Franziskus.
 adeo Verlag / Stefan Wiesner

Die Begegnung mit Menschen sei ihr sehr wichtig. "Meine Klause ist immer offen. Einsiedler leben und beten nicht für sich selbst, sondern für die Menschen", erzählt sie. "Party, Kaffeeklatsch und Kartenspielen sind ersatzlos gestrichen. Aber wer zu einem geistlichen Gespräch zu mir kommen möchte, ist jederzeit willkommen", sagt die Eremitin. Maria Anna Leenen hat eine eigene Internetseite, eine E-Mail-Adresse und natürlich ein Telefon. Das sei unter den Eremiten von heute so, erklärt sie. "Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert!" Sie rufe auch hin und wieder andere Eremiten an, organisiere sogar ein Eremitentreffen mit.

Dienst an der Kirche und allen Menschen

In Deutschland gebe es mehr Frauen als Männer, die eremitisch leben, erzählt Leenen. Nach ihren Erfahrungen seien Frauen besser für das kontemplative Leben geeignet als Männer, betont Leenen. Den Grund dafür erklärt sie so: "Wer in die Stille gehe, müsse sich mit seinen Ängsten und Wunden auseinandersetzen. Das könnten Frauen einfach besser aushalten", so Leenen. "Als Eremitin muss ich innerlich stabil sein, denn es gibt niemanden, der mich hier in der Klause auffängt. Wenn ich meine Ängste durchlebe und nicht weiß, wie ich damit umgehen soll, dann lande ich in der Psychiatrie. Und es gab  Fälle in Frankreich, wo das so gelaufen ist", erzählt sie.

Wenn das Leben als Eremit aber gelingt, dann kann das für andere Menschen ein hoffnungsvolles Zeichen sein. Für Leenen steht im 1. Korintherbrief eine gute Hilfe zum Verständnis. Paulus beschreibt dort die Kirche als Organismus, wo alles was der Mensch tut oder unterlässt, eine Auswirkung auf die anderen hat. Das trifft für das stille Leben des Eremiten besonders zu. Obwohl er kaum in Erscheinung tritt, hat sein Leben eine Auswirkung. "Denn wenn ich Gott nahe komme, komme ich auch mir und den Menschen wieder näher. Und was ich bete und Gutes tue, kommt ebenfalls den anderen zugute. Eremitisches Leben ist darum zutiefst ein Leben des Dienstes für die Kirche, ja, eigentlich für alle Menschen." Für Leenen der wichtigste Grund ihrer Entscheidung: "Deshalb bin ich Eremitin geworden," erklärt sie, "und zwar hier, ganz weit draußen."

Stichwort: Eremit

Griechisch "eremites" von Altgriechisch éremos = "das Wüste" und "einsam, unbewohnt", ursprünglich "Wüstenbewohner". Während der Begriff im frühen Christentum nur für Menschen benutzt wurde, die der Wüstentheologie des Alten Testaments folgend oder in Erinnerung an den Wüstenaufenthalt Jesu eine Lebensform in der Wüste gesucht haben, ist er inzwischen auf all jene ausgeweitet, die aus religiösen Motiven ein Leben in Abgeschiedenheit und Einsamkeit verbringen. In der katholischen Kirche gilt das Eremitentum als eine Form des geweihten Lebens. Es ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil kirchenrechtlich geregelt. (Becker-Huberti, Manfred/Lota, Ulrich: "Katholisch A bis Z: Das Handlexikon". Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2009)

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Jedes Jahr treten zahlreiche Menschen aus der Kirche aus. Doch es geht auch anders herum. Die Themenseite bündelt Porträts von Menschen, die sich als Erwachsene für die Kirche entschieden haben oder ihren Glauben in einer besonderen Weise leben.

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Von Madeleine Spendier

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