Der Lehrer des Papstes

Vor über 60 Jahren war Pater Juan Carlos Scannone der Lehrer des jungen Jorge Mario Bergoglio. Beide stehen immer noch in Kontakt. Was er heute über Franziskus denkt, hat er katholisch.de. erzählt.

Papst Franziskus | Bonn/Buenos Aires - 12.03.2018

Pater Juan Carlos Scannone ist mit seinen 86 Jahren ein vielbeschäftigter Mann. Gerade erst war der Jesuit in Mainz, um bei einer wissenschaftlichen Tagung über die Parallelen zwischen dem Werk des französischen Philosophen Maurice Blondel und Papst Franziskus zu sprechen: "L'Action", "Die Tat", heißt Blondels Hauptwerk, und ein Mann der Tat ist auch Franziskus. Ein persönliches Gespräch muss Pater Scannone leider absagen – er ist schon wieder in Argentinien, telefoniere aber gerne, teilt er in einer E-Mail mit, die prompt und in ausgesucht höflichem und perfekten Deutsch auf die Anfrage folgt. Er unterschreibt seine Mails "Mit freundlichen Grüßen, Ihr in Christo, P. Juan Carlos Scannone S.I.", ganz ohne seine vielen akademischen Titel.

1967 hat er in München promoviert, später lehrte er an der Philosophischen  und Theologischen Fakultät der Jesuiten in San Miguel, war Rektor des "Colegio Maximo". Er gehörte zu den argentinischen Theologen, die eine besondere Variante der Befreiungstheologie entwickelten: Die Theologie des Volkes, die – anders als die meisten Vertreter dieser lateinamerikanischen Strömung der theologischen Gesellschaftskritik – ohne marxistische Deutungsmuster auskommt.

Doch über Wissenschaftkreise hinaus ist Scannone durch etwas anderes bekannt geworden: Er war "der Lehrer des Papstes", obwohl er nur gut fünf Jahre älter ist als Franziskus. Der junge Jorge Mario Bergoglio hatte mit 18 Jahren zwar schon das Gymnasium absolviert, für das Theologiestudium fehlten ihm aber noch die alten Sprachen. Scannone unterrichtete damals Altgriechisch und Literatur am "Knabenseminar" in Buenos Aires, wo neben den jugendlichen Studenten auch Spätberufene, die sogenannten Latinisten, Latein und Algriechisch nachholten. Scannone absolvierte dort sein "Interstiz", die Zeit der ersten praktischen Tätigkeit zwischen Philosophie- und Theologiestudium, die zur Ausbildung der Jesuiten gehört.

Ein guter Schüler – aber nicht der beste

Zu seinen Latinisten gehörte auch Bergoglio. "Er war ein sehr guter Schüler", versichert Scannone, nicht ohne deutlich nachzuschieben: "Aber nicht der beste der Klasse!" Man ahnt, was für ein Lehrer er war: Anspruchsvoll und gerecht, streng, aber wohlwollend. Auf dem Lehrplan standen der spanische Nationaldichter Cervantes, Shakespeare, Homer, erinnert der Pater sich: "Homer haben wir aber auf Spanisch gelesen, nicht auf Griechisch." Die zwei Jahre des Knabenseminars reichten nur für die Grundlagen des Altgriechischen.

War damals schon absehbar, dass aus dem 18-jährigen Altgriechischschüler einmal ein Papst werden sollte? Scannone muss lachen. "Ich wusste nicht einmal, dass er Jesuit werden würde, geschweige denn Papst!" Seinen eigenen Beitrag dazu schätzt er realistisch ein: Er hat ihm Griechisch beigebracht. Was aus Scannones Sicht aber viel wichtiger war, war die schwere Krankheit, bei der Bergoglio ein Lungenflügel entfernt werden musste: "Er hat das mit einer großen religiösen Tugend auf sich genommen."

Mapuche während eines Gottesdienstes mit Papst Franziskus am 17. Januar 2018 auf dem Flughafen Maquehue nahe Temuco (Chile).
Immer wieder trifft Papst Franziskus Vertreter indigener Völker, wie hier während eines Gottesdienstes auf dem Flughafen Maquehue nahe Temuco (Chile).
 KNA

Wie Scannone die Krankheit deutet, erinnert an den Ordensgründer der Jesuiten und dessen Lebenswende: Nach einer schweren Verletzung durch eine Kanonenkugel entdeckte der heilige Ignatius von Loyola seine Berufung. Auf Ignatius und seine Spiritualität verweist auch Scannone, wenn er heute mit seinem philosophischen Blick das Wirken des Papstes deutet: Auch wenn Franziskus sich nicht direkt auf die "Philosophie der Aktion" von Maurice Blondel bezieht, sei doch die Theorie des Philosophen wie die Praxis des Papstes von der Erfahrung der Exerzitien geprägt, die auf Ignatius zurückgehen. "Beide denken geschichtlich, beziehen sich auf den einzelnen", erläutert Scannone, der an der Jesuitenfakultät San Miguel in Buenos Aires lehrt. Das sei auch der Leitgedanke im nachsynodalen Schreiben Amoris Laetitia: "Man muss immer die geschichtlichen Umstände und die konkrete Situation in Betracht ziehen." Das ignatianische Prinzip der "Unterscheidung der Geister" hat Scannone immer wieder als prägenden Einfluss bei Bergoglio wahrgenommen.

Geprägt von der Theologie des Volkes

Auch nach der Zeit im Knabenseminar sind die beiden sich immer wieder begegnet. Zehn Jahre lang haben sie beide zur Jesuitenkommunität im "Colegio Maximo" gehört, Bergoglio war sein Provinzial und später sein Hausoberer. Als Papst blickt er selbstkritisch auf seine Zeit zurück, berichtet davon, zu autoritär gewesen zu sein. Doch Scannone lässt nichts auf ihn kommen: "Ich weiß schon, dass andere diesen Eindruck hatten. Ich selbst habe das nie so erlebt. Als Oberer hat er mit der 'Unterscheidung der Geister' geführt, nicht nur als Verwalter, sondern geistlich mit einer tiefen Spiritualität."

Das Pontifikat seines Landsmanns bewertet Scannone positiv. Er sieht im Wirken von Papst Franziskus viel von dem verwirklicht, was er und seine Mitstreiter der "Theologie des Volkes" theoretisch ausgearbeitet haben. Franziskus schätzt die Spiritualität und die Mystik des Volkes, die Volksfrömmigkeit hoch. Immer wieder trifft er sich mit Vertretern von indigenen Völkern und ihren Volksbewegungen. Das passt dazu, wie der argentinische Zweig der Befreiungstheologie davon ausgeht, dass Kultur nicht – wie im Marxismus – nur "Überbau" ist, während das eigentlich relevante die wirtschaftlichen Verhältnisse sind. "Die Kultur, der Sinn des Lebens, nimmt Einfluss auf das Ökonomische, das Soziale, das Politische", erläutert Scannone, "und der Glauben nimmt in der Kultur Gestalt an".

Für Scannone ist daher die Sendung von Papst Franziskus nicht nur, innerhalb der Kirche Reformen anzustoßen: "Es geht um die Evangelisierung der ganzen Welt", erläutert er den Ansatz des Papstes. Franziskus verändere nicht nur die Kirche, sondern die ganze Menschheit: "Seine Enzyklika Laudato si wendet sich an alle Menschen, nicht nur die Katholiken. Er will eine neue Globalisierung, die eine Globalisierung des Friedens und der Gerechtigkeit ist."

Und mit diesen Worten muss Scannone dann – er entschuldigt sich formvollendet – das Gespräch nach zwanzig, dreißig Minuten auch schon beenden. Er muss schon wieder weiter, dieses Mal zu einem seelsorgerischen Einsatz. Das Taxi steht schon vor der Tür des "Colegio Maximo", das ihn zu der Kirche bringt, wo er versprochen hat, gleich die Messe zu feiern.

Von Felix Neumann

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