"Keine Traditionalisten, sondern einfach katholisch"

Die Piusbruderschaft dürfte vielen ein Begriff sein. Auch die Petrusbruderschaft? Pater Bernhard Gerstle, deutscher Distriktoberer, spricht im Interview über die Anliegen der Petrusbrüder.

Petrusbrüder | Bonn - 24.04.2017

Frage: Pater Gerstle, die Petrusbruderschaft (FSSP) ist 1988 als Abspaltung der Piusbruderschaft entstanden. Sie waren unmittelbar mit dabei. Was genau ist damals vorgefallen?

Gerstle: Ich trat im Herbst 1985 in das Priesterseminar der Piusbruderschaft in Zaitzkofen ein und hatte die Hoffnung, dass es möglichst bald zu einer Versöhnung mit Rom kommt. Die Zeichen standen damals zunächst relativ günstig. Zu einer Wende kam es dann 1986 durch das interreligiöse Treffen in Assisi, das Erzbischof Marcel Lefebvre ablehnte. Es gab Bemühungen vonseiten Roms, vor allem von Kardinal Joseph Ratzinger, die unerlaubten Bischofsweihen 1988 abzuwenden und doch noch eine Einigung zu erzielen. Das hätte auch fast Erfolg gehabt durch einen Einigungstext, der unterzeichnet, jedoch kurze Zeit später von Lefebvre widerrufen worden ist. Ich denke, das Ganze gründete auf einem Mangel an Vertrauen gegenüber Rom.

Frage: Und bei dem sich anbahnenden Bruch wollten Sie und andere Mitglieder der Piusbruderschaft nicht mitziehen?

Gerstle: Für mich war die Entscheidung von vornherein klar. Bei einem Bruch mit Rom stehe ich auf Seiten des Papstes. Viele Mitbrüder wollten die Versöhnung mit Rom, haben aber den Absprung nicht geschafft. So waren es nur wenige Priester und Seminaristen, welche die Piusbruderschaft damals verlassen haben. Dass es zur Gründung und kirchlichen Anerkennung der Petrusbruderschaft kam, war so nicht zu erwarten und wesentlich dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, zu verdanken.

Pater Bernhard Gerstle ist seit 2015 Distriktoberer der Priesterbruderschaft St. Petrus für den deutschsprachigen Raum.
Pater Bernhard Gerstle ist seit 2015 Distriktoberer der Priesterbruderschaft St. Petrus für den deutschsprachigen Raum.
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Frage: In welchen Punkten unterscheidet sich die FSSP von der Piusbruderschaft?

Gerstle: Man muss zunächst bemerken, dass es innerhalb der Piusbruderschaft verschiedene Strömungen gibt. Es ist zu unterscheiden zwischen dem moderaten Flügel und dem Hardliner-Flügel. Vor allem im deutschen Sprachraum gibt es innerhalb der Piusbruderschaft eine größere Zahl von moderaten Priestern, die einen dauerhaften Bruch mit Rom vermeiden wollen und an einer Übereinkunft interessiert sind. Dem gegenüber stehen die Hardliner, die das Zweite Vatikanische Konzil weitgehend ablehnen, zum Beispiel die Religionsfreiheit oder das Ökumenismus-Dekret, und von denen manche sogar die Gültigkeit der neuen Liturgie bezweifeln. Die Petrusbruderschaft hingegen hat sich auf ein vorbehaltloses Studium der Konzilstexte eingelassen und ist zur Überzeugung gelangt, dass kein Bruch zu früheren Lehraussagen vorliegt. Allerdings sind manche Texte so formuliert sind, dass sie zu Missverständnissen Anlass geben. Hier sind aber inzwischen vonseiten Roms entsprechende Klärungen erfolgt, welche auch die Piusbruderschaft anerkennen sollte.

Frage: Gibt es weitere Unterschiede?

Gerstle: Selbstverständlich ist für uns auch das neue Kirchenrecht aus dem Jahr 1983 maßgebend. Hier scheint mir auf Seiten der Piusbruderschaft auch noch Klärungsbedarf zu bestehen. Ebenso sollten Begriffe wie "Amtskirche" oder gar "Konzilskirche" vermieden werden. Diese lehnen wir ab, weil sie nicht nur eine gewisse Distanz zum Ausdruck bringen, sondern weil es auch für uns keine vor- und nachkonziliare Kirche gibt. Es gibt nur die eine Kirche, die auf Christus zurückgeht. Darüber hinaus üben wir unser Apostolat stets in Absprache mit den jeweiligen Bischöfen und Priestern vor Ort aus und bemühen uns um ein gutes Miteinander. Fast überall haben unsere Priester ein gutes Verhältnis zur Ortskirche. Wir wollen nicht polarisieren oder gar spalten, sondern in den von uns betreuten Gemeinden den Gläubigen eine kirchliche Haltung vermitteln. Das bedeutet auch, dass nicht zu leugnende Missstände und Missbräuche in der Kirche zwar benannt werden müssen, dies aber in einer differenzierten und moderaten Weise geschehen muss.

Frage: Trotzdem wird die FSSP wie die Piusbruderschaft als "traditionalistisch" bezeichnet. Hören Sie das eigentlich gerne?

Gerstle: Den Begriff höre ich überhaupt nicht gerne. Wir sind keine "Traditionalisten", sondern einfach katholisch. Und als Katholiken schätzen wir die Tradition. Aber nicht in einer Weise, dass wir uns vollständig gegen organische Anpassungen und Veränderungen sperren.

Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) war der Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X.
 KNA

Frage: Was sind die Kernanliegen der FSSP?

Gerstle: Zunächst die Feier der Liturgie in der außerordentlichen lateinischen Form. Das Bemühen um eine würdige Feier der heiligen Messe in Verbindung mit einer glaubenstreuen Verkündigung ist ein wichtiger Dienst im Sinne der Kirche. Die Sorge um das Heil der Seelen, wie dies auch immer wieder Papst Franziskus betont, muss unser wesentliches Kernanliegen sein. Wir müssen den Menschen wieder vermitteln, dass es letztlich um das ewige Leben geht, das sich hier auf Erden entscheidet. Gerade die Botschaft von Fatima, wo die heilige Gottesmutter vor hundert Jahren erschienen ist, sollte in diesem Sinne den Menschen in Erinnerung gerufen werden. Die Letzten Dinge sind in den vergangenen Jahrzehnten zugunsten eher zweitrangiger Themen leider sehr in den Hintergrund gerückt worden, sodass viele Christen nicht mehr wissen, um was es eigentlich in diesem Leben geht. Das hat zu einer Verharmlosung der Sünde und zum weitgehenden Verlust der Beichtpraxis geführt.

Frage: Lehnen Sie die neue Liturgie ab?

Gerstle: Wir erkennen die neue Liturgie als gültig und legitim an. Aber wir verschließen die Augen nicht davor, dass sich mit der Liturgiereform manche Entwicklungen verselbstständigt haben, die wegführen von dem, was die Messe nach dem Glauben der Kirche ist. Nicht selten tritt der Opfercharakter in den Hintergrund oder es mangelt an Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten. Wir sind sehr dankbar, dass vor allem Papst Benedikt XVI. auf diese negativen Entwicklungen hingewiesen hat. Etwa die Zelebrationsrichtung "ad orientem" und die kniende Mundkommunion werden heute kaum noch praktiziert: Es stellt sich die Frage, ob die Veränderungen der äußeren Form bei nicht wenigen Priestern und Gläubigen zu einem eher protestantischen Verständnis der Messe geführt haben.

Frage: Das wäre Ihrer Meinung nach nicht passiert, wäre man bei der "Alten Messe" geblieben?

Gerstle: Vermutlich nicht in diesem Maße. Sicherlich ist das nicht allein auf die Veränderungen der Liturgie zurückzuführen. Auch die heutige Priesterausbildung müsste neu überdacht werden. Aber die Liturgie ist ein wichtiger Mosaikstein im Ganzen, ist sie doch der sichtbare Ausdruck des Glaubens. Gerade die vielen Zeichen der Ehrfurcht und Anbetung, die mit der außerordentlichen Form der Messe verbunden sind, sowie die Gebete verdeutlichen den Opfercharakter der Messe und bringen das große Geheimnis, das sich auf dem Altar vollzieht, treffend zum Ausdruck.

Frage: Das Konzil forderte eine bewusste und tätige Teilnahme aller Gläubigen. Wie passt das mit der alten Liturgie zusammen, in der der Priester gewissermaßen Alleinhandelnder ist und die lateinische Sprache einem bewussten Mitvollzug hinderlich sein kann?

Gerstle: Man muss sich das Konzilsdokument zur Liturgie, Sacrosanctum Concilium, genau anschauen. Da stellt man doch erhebliche Unterschiede fest zu dem, was nachher dann wirklich umgesetzt worden ist. In dem Dokument wird etwa nie davon gesprochen, dass die lateinische Sprache abgeschafft werden soll. Es solle lediglich der Landessprache ein gebührender Raum gewährt werden. Und das ist etwas, was wir auch praktizieren, indem zum Beispiel die Schrifttexte in unseren Messen auf Deutsch vorgetragen werden. Die Gläubigen, die zu uns kommen, haben fast alle ein deutsch-lateinisches Schott-Messbuch und sie kommen alle gut damit zurecht. Ich sehe in der Sprache kein Hindernis beim bewussten Mitvollzug der Messe.

Bewusste und tätige Teilnahme aller Gläubigen: Was hat das Zweite Vatikanische Konzil damit gemeint?
 KNA

Frage: Aber wie steht es um die tätige Teilnahme der Gläubigen?

Gerstle: Das Konzil hat das meines Erachtens nicht in dem Sinne gemeint, dass sich nun möglichst viele Laien als liturgische Akteure im Altarraum betätigen sollen. Sondern eher, dass die Gläubigen stärker in das Geschehen des heiligen Messopfers einbezogen werden. Das ist nicht unbedingt aktivistisch zu sehen, sondern so, dass sie mit größerer geistiger Frucht teilnehmen. In der Vergangenheit haben viele während der Messe etwa den Rosenkranz gebetet. Das wollte das Konzil beenden und zur bewussteren Teilnahme am Messgeschehen motivieren.

Frage: Benedikt XVI. hat 2007 durch sein Schreiben Summorum Pontificum die alte Liturgie allgemein wieder freigegeben. Sollte es da zurück vor die Liturgiereform gehen?

Gerstle: Ich sehe ein, dass man die alte Liturgie nicht einfach wieder flächendeckend in den Pfarreien einführen und den Leuten gewissermaßen überstülpen kann. Das funktioniert natürlich nicht. Die Intention Papst Benedikts war meines Erachtens, einen Maßstab zu schaffen für eine mögliche Reform der Reform. Beide Formen des Ritus sollen sich somit gegenseitig befruchten. Ich bin überzeugt, dass bestimmte Elemente der alten Liturgie der neuen guttun, aber auch umgekehrt Elemente der neuen Liturgie für die außerordentliche Form des römischen Ritus eine Bereicherung sein können: Ich denke da etwa an die größere Breite von Schrifttexten im Wortgottesdienstteil oder eine stille Besinnung nach der heiligen Kommunion. Ebenso sollte in absehbarer Zeit der Heiligenkalender für die außerordentliche Form aktualisiert werden.

Frage: Sie rechnen also mit einer neuen Liturgiereform?

Gerstle: Im Moment glaube ich nicht, dass das Thema aktuell ist. Papst Franziskus macht die Liturgie nicht im gleichen Maß zu seinem Anliegen wie Papst Benedikt. Er setzt andere Schwerpunkte. Allerdings ist zu beobachten, dass das Interesse für die alte Liturgie vor allem im jüngeren Klerus wächst. Eine wachsende Anzahl von Priestern feiert zumindest gelegentlich die Messe in der außerordentlichen Form. Das hat bestimmt Rückwirkungen auf die Art, wie dann die neue Liturgie gefeiert wird, sodass das Sakrale wieder mehr an Einfluss gewinnt.

Traditionalistenbischof Bernard Fellay.
Der Generalobere der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, muss sich wohl bald entscheiden: Einheit mit Rom oder Einheit unter den Piusbrüdern.
 KNA

Frage: In der deutschen Kirche ist der Priesternachwuchs ein großes Problem. Teilt die FSSP diese Sorgen?

Gerstle: Natürlich spüren auch wir die Probleme der Zeit. Wir leben ja nicht in einem isolierten Raum. Allerdings hatten wir im letzten Jahr insgesamt 16 Priesterweihen. Unsere beiden Priesterseminare in Wigratzbad im Allgäu und in Denton in den USA sind mit weit über hundert Seminaristen gut gefüllt. Das Durchschnittsalter unserer Priester liegt aktuell bei 37 Jahren. Insgesamt haben wir einen guten Zulauf, aber es ist nicht so, dass wir uns vor lauter Berufungen kaum noch retten können.

Frage: Wie sieht es mit der Zahl der Gottesdienstbesucher aus?

Gerstle: Im deutschsprachigen Raum haben wir 23 Niederlassungen beziehungsweise Häuser, von denen weitere Apostolate betreut werden. Die Zahl der Messbesucher ist sehr unterschiedlich. In den größeren Einheiten kommen 100 bis 180 Gläubige sonntags zur heiligen Messe. Die Tendenz ist allerdings steigend. Es sind außerdem alle Altersklassen vertreten. In unseren Gemeinden ist der Durchschnitt der Gläubigen in der Regel deutlich jünger als in vielen Pfarrgemeinden.

Frage: Woran liegt das? Fühlen sich junge Menschen von der alten Liturgie angezogen?

Gerstle: Für die jungen Leute ist die alte Liturgie gewissermaßen die neue Liturgie. Sie lesen zum Beispiel im Internet davon und interessieren sich dafür. Aus Neugier kommen sie dann in unsere Messen und sind oft fasziniert von dieser Atmosphäre des Heiligen. Man muss sie im Anschluss natürlich weiter begleiten mit guter Katechese und pastoralen Angeboten. Wenn das alles passt, dann kommen die Leute zur Überzeugung, dass sie bei uns ihre notwendige geistige Nahrung finden.

Frage: Gerüchten zufolge könnte es bald zu einer Einigung zwischen Rom und den Piusbrüdern kommen. Wie ist das Verhältnis zwischen Petrus- und Piusbruderschaft heute und was bringt die Zukunft?

Gerstle: In letzter Zeit mehren sich die Hinweise, dass es zu einer Versöhnung mit Rom kommt. Es ist nicht zu übersehen, dass vonseiten der offiziellen Führung der Piusbruderschaft in den letzten Jahren eine Öffnung stattgefunden hat. Einige Priester suchen auch zu uns verstärkten Kontakt. Der moderate Flügel ist offensichtlich bereit zu einer Einigung, die vonseiten Roms und des jetzigen Papstes vehement vorangetrieben wird. Es gibt aber eben auch den Hardliner-Flügel. Da wird die Piusbruderschaft erhebliche Verluste, vielleicht sogar eine Spaltung in Kauf nehmen müssen. Ich denke, dass der aktuelle Generalobere, Bischof Bernard Fellay, sich entscheiden muss zwischen der Einheit mit Rom und der Einheit innerhalb der Piusbruderschaft. Die Realisten in der Führung werden dann hoffentlich erkennen, dass es zur Aussöhnung mit Rom keine Alternative gibt.

Von Tobias Glenz

Die Petrusbruderschaft

Die Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) wurde am 18. Juli 1988 gegründet und drei Monate später durch den Heiligen Stuhl als Gesellschaft päpstlichen Rechts errichtet. Laut ihrer aktuellen Statistik (Stand: 24. Oktober 2016) hat die FSSP weltweit insgesamt 425 Mitglieder, davon 270 Priester, 23 Diakone und 132 Seminaristen. Die meisten Mitglieder stammen aus den USA (140), gefolgt von Frankreich (114) und Deutschland (51). Vertreten ist die FSSP in weltweit 124 Diözesen. Die Ausbildung der Priesteramtskandidaten erfolgt in den beiden Priesterseminaren in Wigratzbad (Allgäu) und Denton (Nebraska/USA). (tmg)

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