Das Verhältnis zu den Religionen

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil wagte eine große Anzahl an Bischöfen, eine neue Ära im Verhältnis zu den anderen Weltreligionen einzuläuten: mit der Erklärung "Nostra aetate". 2015 wird sie 50 Jahre alt.

Religion | Bonn - 21.06.2015

Der heilige Cyprian, im 3. Jahrhundert Bischof von Karthago, schrieb einst in einem seiner Briefe: "Extra ecclesiam salus non est – Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil." Es sollte circa 1.700 Jahre dauern, bis die katholische Kirche dieses Urteil entschärfte. Denn im Jahr 1965 wagte eine große Anzahl an Bischöfen, eine neue Ära im Verhältnis zu den anderen Religionen einzuläuten: mit der Erklärung "Nostra aetate".

Papst Johannes XXIII. hatte bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 1958 begonnen, ein Papier zu planen, das das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum neu bestimmen sollte. Ein Jahr später erklärte er, dass die traditionelle Karfreitagsfürbitte für die Juden herabwürdigend sei. Der Pontifex entschied: Die Worte "treulos" (perfidus) und "jüdische Untreue" (iudaicam perfidiam) werden gestrichen.

Das Streben von Johannes XXIII. nach Verständigung blieb auch in den Jahren danach ein Thema. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstand schließlich der Entwurf einer Erklärung, der am 28. Oktober 1965 nach mehrmaliger Überarbeitung mit großer Mehrheit angenommen wurde. "Nostra aetate" ("In unserer Zeit") war geboren. 2015 jährt sich der Tag der Verabschiedung zum 50. Mal – und wird an diesem Wochenende von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralrat der Juden gewürdigt. In Frankfurt am Main wird dann über erreichte Ziele, nicht erfüllte Erwartungen und Perspektiven für die Zukunft diskutiert.

Direkt nach ihrem Erscheinen sandte die Erklärung positive Signale in Richtung aller großen Weltreligionen aus. Denn neben den Passagen zum Judentum enthält "Nostra aetate" auch ein Kapitel zum Islam und eines zu den "übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen". Namentlich genannt werden der Buddhismus und der Hinduismus. Statt weiter nur die Unterschiede zu den anderen Religionen zu betonen, wollten sich die Konzilsväter stattdessen auf sie zubewegen. So heißt es in dem Dekret: "Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist." Viele Theologen bewerten "Nostra aetate" deshalb bis heute als einen der wertvollsten Meilensteine in der Bestimmung des Verhältnisses der katholischen Kirche zu den anderen Weltreligionen.

Lehmann lobt, Barth beanstandet

Durch "Nostra aetate" habe das Konzil anerkannt, dass es in anderen Religionen "Antworten gibt, die auch die katholische Kirche bejaht", stellte der Mainzer Kardinal Karl Lehmann bereits zum 40. Jahrestag der Erklärung vor zehn Jahren fest. Lehmann sprach davon, dass "das christliche Bewusstsein von der Angewiesenheit der Kirche auf das jüdische Volk" heute weit verbreitet sei. Dies sei wesentlich auf das Zweite Vatikanische Konzil zurückzuführen. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass "noch immer und wieder verstärkt" antijüdische Tendenzen in Deutschland und Europa zu beobachten seien. Dem müsse, so der Kardinal, weiter entgegengewirkt werden.

Ein Bild, das für sich spricht. Am Kölner Dom prangt ein Plakat mit einem Zitat aus der Konzilserklärung "Nostra aetate" von 1965, die das Verhältnis der katholischen Kirche zu den anderen Weltreligionen neu bestimmen sollte.
 katholisch.de

Es gab kurz nach Veröffentlichung des Textes aber auch Kritik. Der evangelische Theologe Karl Barth erklärte, dass man das Judentum nicht in eine Reihe mit den anderen Religionen stellen könne, da die Thora "Urgestalt der einen Gottesoffenbarung" sei und den "einzigen natürlichen (weltgeschichtlichen) Gottesbeweis" enthalte. Die Ausführlichkeit des Kapitels über "die jüdische Religion" widerlegt die Vorbehalte Barths aber. Gleichzeitig stellt es die besondere Beziehung zwischen Juden- und Christenum heraus, wenn es heißt, dass die Kirche "die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten" findet.

"Nostra aetate" war auch in Deutschland während der Würzburger Synode von 1971 bis 1975 ein Thema. In der viel beachteten Erklärung "Unsere Hoffnung" betonten die Teilnehmer, dass die Kirche "zu sehr mit dem Rücken zum Schicksal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte". So formulierten sie ein Schuldbekenntnis der katholischen Kirche in Deutschland gegenüber den verfolgten Juden zur Zeit der Nationalsozialisten.

Der Inhalt von "Nostra aetate" geht über den Text hinaus

Doch nicht nur das Verhältnis zum Judentum wollte die katholische Kirche mit "Nostra aetate" verbessern. Auch der anderen abrahamitischen Religion, dem Islam, widmet die Erklärung ein eigenes, wenn auch nicht so langes Kapitel. Im Beschluss werden Gemeinsamkeiten wie der Glaube an (den) einen Gott herausgehoben und das Ziel gefasst, "Zwistigkeiten und Feindschaften" zwischen Christen und Muslimen beizulegen. Alle Gläubigen – ob christlich oder muslimisch – sollten sich "aufrichtig um gegenseitiges Verstehen" und um "Frieden und Freiheit für alle Menschen" bemühen.

Für Timo Güzelmansur, Geschäftsführer der christlich-islamischen Begegnungsstelle CIBEDO, ist "Nostra aetate" nach dem Erscheinen nicht einfach ein Stück Papier geblieben, weil es sich auch und vor allem auf das Verhalten der Päpste ausgewirkt habe. "Die Päpste haben während und nach dem Konzil beispielhaft die Worte von 'Nostra aetate' vorgelebt", so Güzelmansur zu katholisch.de. Vor allem die Treffen der Kirchenoberhäupter mit Muslimen hätten sich positiv auf das Verhältnis ausgewirkt. Daraus seien dann auch Dialoginitiativen, Gesprächskreise oder Konferenzen entstanden, "die ohne diese Erklärung wahrscheinlich nicht möglich gewesen wären".

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Vieles, was heute in der Kirche als selbstverständlich gilt, ist eine Folge von fast revolutionären Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Katholisch.de blickt auf die wegweisende Bischofsversammlung und ihre wichtigsten Beschlüsse zurück.

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Trotzdem würde der Text nur von äußerst wenigen muslimischen Gelehrten rezipiert, fügte Güzelmansur an. Und die, die sich mit dem Text beschäftigten, bemängelten, dass "'Nostra aetate' weder den Koran noch Muhammad erwähnt oder gar positiv würdigt". Deshalb hält er fest, dass Christen und Muslime noch immer und verstärkt über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ins Gespräch kommen müssten. Ein "Dialog auf Augenhöhe" helfe auch dabei, die eigenen Glaubenswahrheiten kritisch zu reflektieren, fasst der Theologe zusammen.

Für ein besseres Zusammenleben

In der katholischen Kirche wurden die Signale von "Nostra aetate" positiv aufgenommen. Auch noch einige Jahrzehnte später gründeten und gründen sich Initiativen, die sich in der Tradition des Dekrets für ein besseres Zusammenleben von muslimischen, jüdischen und christlichen Gläubigen einsetzen. Ein Beispiel dafür sind die Gesprächskreise "Juden und Christen" sowie "Christen und Muslime" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Mit Muslimen werden unter anderem gesellschaftliche Fragen wie die nach der Möglichkeit einer Einführung von islamischem Religionsunterricht an deutschen Schulen diskutiert.

Zweifellos hat "Nostra aetate" wichtige Anstöße gegeben: zum einen innerkirchlich, da spätestens in der globalisierten Welt von heute eine differenzierte Sicht auf Andersgläubige unerlässlich geworden ist. Zum anderen war und ist das Dekret aber auch ein Signal an alle anderen Religionen: Die katholische Kirche ist bereit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen – auch wenn es manchmal seine Zeit dauert. Und so stünde zumindest Cyprian von Karthago in unserer Zeit (lat. "nostra aetate") mit seiner Aussage auf ziemlich verlorenem Posten.

Von Simon Linder

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