Mehr Glaube, weniger Moral

Wer ist Jorge Mario Bergoglio? Ich bin ein Sünder. Das ist die treffendste Definition". So beginnt eines der wohl bemerkenswertesten Interviews, das ein Papst je gegeben hat: das am Donnerstag veröffentlichte Gespräch von Franziskus mit dem Chefredakteur der renommierten Jesuiten-Zeitschrift "Civilta Cattolica" sorgte weltweit für Aufsehen. Kaum je hat ein Papst so offen und selbstkritisch über sich selbst und die katholische Kirche gesprochen.

Papst-Interview | Vatikanstadt - 21.09.2013

Wer ist Jorge Mario Bergoglio? Ich bin ein Sünder. Das ist die treffendste Definition". So beginnt eines der wohl bemerkenswertesten Interviews, das ein Papst je gegeben hat: das am Donnerstag veröffentlichte Gespräch von Franziskus mit dem Chefredakteur der renommierten Jesuiten-Zeitschrift "Civilta Cattolica" sorgte weltweit für Aufsehen. Kaum je hat ein Papst so offen und selbstkritisch über sich selbst und die katholische Kirche gesprochen.

Eine Kernbotschaft des Papstes: erst der Glaube, dann die Moral. Die katholische Kirche hat nach seiner Meinung in der jüngsten Vergangenheit den moralischen Zeigefinger überstrapaziert und darüber bisweilen den Blick für das Wesentliche verloren: die Verkündigung des Evangeliums. "Wir können uns nicht nur mit der Frage um Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit Verhütungsmethoden."

Es brauche aber ein "neues Gleichgewicht" zwischen Glaubensverkündigung und moralischer Unterweisung. Es müsse deutlicher werden, dass die Moral sich aus dem Glauben ergebe. Sonst falle auch "das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen". Mit anderen Worten: Ermahnungen von kirchlicher Seite, dass etwa eine homosexuelle Ehe aus christlicher Sicht unmöglich ist, laufen ins Leere, wenn ihre Adressaten gar nicht mehr an Christus glauben oder nur sehr vage Vorstellungen von seiner Botschaft haben.

Positionen stehen grundsätzlich fest

Dass die Kirche in moralischen Fragen zurückhaltender auftreten soll, heißt für Franziskus indessen nicht, dass ihre Positionen selbst grundsätzlich infrage gestellt werden müssten. Er habe sich in seinem Pontifikat bislang nur selten zu diesen Themen geäußert. Die Ansichten der Kirche seien hinreichend bekannt, und er sei "ein Sohn der Kirche"; so der Papst: "Man muss nicht endlos davon sprechen."

Franziskus sagt nicht, dass bestimmte Auffassungen zu moralischen Fragen überdenkenswert, überholt oder gar falsch seien. Vielmehr: "Die Lehren der Kirche - dogmatische wie moralische - sind nicht alle gleichwertig." Das heißt: Nicht alles, was wahr und richtig ist, ist gleich wichtig. Nicht alles muss deshalb ständig wiederholt werden, auch wenn es richtig ist.

Konkret: Die Lehre, dass Jesus Gottes Sohn ist, hat einen anderen Stellenwert als die Frage künstlicher Empfängnisverhütung. Franziskus greift damit auf eine Denkfigur des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) zurück, das von einer "Hierarchie der Wahrheiten" sprach.

Wortlaut

Antonio Spadaro SJ: Interview mit Papst Franziskus, der Wortlaut auf der Seiten der deutschen Jesuiten.

Wortlaut

Franziskus macht in dem Interview einmal mehr deutlich, dass für ihn der konkrete Mensch und sein Schicksal stets an erster Stelle steht - vor der reinen Lehre. Das letzte Wort in moralischen Fragen gehört nach seiner Auffassung dem Seelsorger und nicht dem Glaubenshüter oder Kirchenrechtler. Dem barmherzigen Seelsorger.

Unschärfe birgt Missverständnisse

Eine gewisse Unschärfe, die Anlass zu Missverständnissen geben kann, nimmt er dafür offenbar in Kauf. So sagt er einerseits mit Blick auf Homosexuelle, dass es "keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben" geben dürfe. Andererseits bekennt er sich zu den kirchlichen Positionen. Die Antwort auf seine Frage, ob Gott eine homosexuelle Person mit Liebe anschaue oder sie verurteile oder zurückweise, überlässt er letztlich dem Leser.

Auch, dass sich Franziskus - ebenso wie auf dem Rückflug von Rio Ende Juli - nicht ausdrücklich zu Homosexuellen äußert, die ihre Veranlagung ausleben, dürfte kaum Zufall sein. Offenbar möchte er sich dazu nicht deutlicher äußern.

Als "revolutionär" wurde das Interview in Medienkommentaren in Italien gedeutet. Der Papst "öffne" die Positionen der Kirche zu Homosexualität, Scheidung und Abtreibung, meint etwa die Zeitung "Il Messaggero".

In Wahrheit macht Franziskus im Interview deutlich, dass er von seiner Mentalität her kein Revolutionär sei. "Ich glaube, dass man immer genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen", sagt er. Und bei der Lehre will er nichts verändern - sondern erinnert an das, was im Katechismus steht.

Er erläutert seine Position am Beispiel des Beichtvaters. Es gebe zwei Extreme, sagt der Papst: den Rigoristen, der nur das Gebot im Blick hat, und den "Laxen", der einfach sagt: "Das ist keine Sünde." Ein guter Beichtvater hingegen müsse barmherzig sein und den Menschen begleiten, um dessen seelische Wunden zu heilen. So warnte der US-amerikanische Vatikan-Experte John Allen schon in einem Kommentar: "Viele Liberale werden denken, dass dieser Papst ihr Mann ist und dass er ihre Positionen vertritt. Sie werden enttäuscht werden."

"Sensation ohne Abstriche"

Das Interview des Papstes mit mehreren Jesuitenzeitungen erregt große öffentliche Aufmerksamkeit. Von einer Sensation, einer offenen Kampfansage, einem dramatischen Wendepunkt ist die Rede. Der Vatikankenner Stefan von Kempis und der Chefredakteur der "Stimmen der Zeit", Andreas Batlogg, ordnen das Interview für katholisch.de ein.

"Sensation ohne Abstriche"

Von Thomas Jansen (KNA)

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