"Mitgeschöpfe statt Statisten"

Zum Welttierschutztag spricht Rainer Hagencord, Gründer des weltweit ersten Instituts für Theologische Zoologie, über industrielle Tierhaltung und "Laudato si". In der Umweltenzyklika sieht der Theologe einen Paradigmenwechsel.

Welttierschutztag | Bonn - 04.10.2015

Im Sommer hat Papst Franziskus die erste Umweltenzyklika der Kirchengeschichte veröffentlicht. Rainer Hagencord (54), Gründer des weltweit ersten Instituts für Theologische Zoologie in Münster, sieht darin einen Paradigmenwechsel in Fragen des kirchlichen Umgangs mit der Schöpfung. Zum Gedenktag des heiligen Franziskus und Welttierschutztag am 4. Oktober benennt Hagencord im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) markante Punkte.

Frage: Herr Hagencord, die Umweltenzyklika "Laudato si" muss Wasser auf Ihre Mühlen sein. Wie bewerten Sie das Schreiben?

Hagencord: Die Wertschätzung für die natürliche Mit-Welt des Menschen in der Enzyklika hat meine Erwartungen übertroffen. An vielen Stellen klingt ein neuer Ton an, und es schimmert eine andere Theologie durch, als wir sie bisher aus päpstlichen Schreiben kennen. So sagt der Papst, dass wir den Dialog zwischen der Theologie und den anderen Wissenschaften brauchen: Wenn die Kirche über die Wahrheit, die Bedeutung der Schöpfung und die Bedeutung des Menschen darin redet, dann kann sie es nicht tun, ohne auch die anderen Wissenschaften - in diesem Fall die Ökologie und die Biologie - zu hören und darauf einzugehen. Das ist revolutionär. Denn es würde auch in anderen Bereichen, in denen die Kirche über die Wahrheit redet, wie beim Thema Homosexualität, einen Paradigmenwechsel einläuten. Denn hier spricht die Kirche so, als seien die Erkenntnisse der Psychologie und Humanwissenschaften nicht von Bedeutung.

Frage: Wo sehen Sie weitere Neuerungen?

Hagencord: Eine kleine Revolution ist es auch, wenn der Papst in Paragraf 83 deutlich sagt "Der letzte Zweck der anderen Geschöpfe sind nicht wir". Übersetzt heißt das: Die Tiere und auch die Erde sind nicht für uns da - eine Abkehr von der Anthropozentrik. Der Papst führt an mehreren Stellen aus, dass man den biblischen Herrschaftsauftrag "Macht Euch die Erde untertan, herrscht über die Tiere" eindeutig missverstanden hat. Christ sein heißt vor allem, Verantwortung für die Mitgeschöpfe zu übernehmen.

Rainer Hagencord ist Leiter des Institutes für Theologische Zoologie in Münster.
 Tatjana Jentsch

Frage: Wie konkret wird der Papst in punkto Tierschutz?

Hagencord: Er referiert an mehreren Stellen über die biblische Tierethik. Wenn man das weiter buchstabiert, dann kommen einem sehr schnell Geflügel, Schweine und Rinder in den Sinn - also all die Tiere, die in der industriellen Tierhaltung als Rohlinge der Fleisch- und Milchindustrie degradiert werden. Hinter all dem steht der päpstlicher Imperativ "So geht es nicht".

Frage: Erkennt der Papst Tieren auch eine spirituelle Bedeutung zu?

Hagencord: Für den Papst sind die Tiere nicht nur Objekte unserer Ethik, sondern Geschöpfe, durch die Gott zu uns spricht: Gott ist der, der sich in allem, was da lebt, zeigt und uns seine ganze Wahrheit verkündet - und zwar durch jedes Geschöpf. An einer Stelle heißt es: Durch jedes Geschöpf, das wir ausrotten, nehmen wir Gott eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Gott ist also kein weltferner Schöpfer, der mechanistisch diese Welt ins Leben gerufen hat, sondern er zeigt sich in allem, was lebt.

Sehr schön hat Franziskus das in Paragraf 243 ausgedrückt: "Das ewige Leben wird ein miteinander erlebtes Staunen sein, wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen wird." Das ist eine mystische Theologie, die die Tiere als beseelte Mitgeschöpfe und nicht als Statisten der Schöpfung beschreibt. So deutlich hat noch kein Papst Stellung bezogen. Das finde ich sehr ermutigend - auch für die Theologische Zoologie.

Frage: Gibt es auch etwas, mit dem Sie unzufrieden sind?

Hagencord: Tatsächlich klingt die Kritik an der industriellen Landwirtschaft immer wieder durch. Ich hätte mir gewünscht, dass er klarer das System als das benannt hätte, was es ist: eines der strukturellen Sünde. Denn es sorgt dafür, dass alle verlieren: die Nach-Welt, die natürliche Mit-Welt und die sogenannte Dritte Welt. Es gewinnen lediglich die Fleisch- und Pharmaindustrie.

Themenseite: Enzyklika "Laudato si"

Am 18. Juni 2015 wurde die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus veröffentlicht. Sie beschäftigt sich vorrangig mit ökologischen Fragen. Katholisch.de hat alles Wichtige rund um das Schreiben zusammengestellt.

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Frage: Hat Sie etwas besonders überrascht?

Hagencord: Es beglückt mich, dass der Papst Tiere als Mitgeschöpfe würdigt, die ganz selbstverständlich das Christusgeheimnis zeigen und repräsentieren. Und er argumentiert franziskanisch, wenn er Bonaventura in Paragraf 239 zitiert: "Jedes Geschöpf zeigt eine typisch trinitarische Struktur in sich, die so real ist, dass sie spontan gesehen werden könnte, wenn der Blick des Menschen nicht begrenzt, getrübt und schwach wäre." Das nennt man Panentheismus, der die eine, ganz starke Anfrage an die herkömmliche Theologie und Kirche darstellt: Gott zeigt sich in jedem Geschöpf!

Frage: Welche Konsequenzen hat das für Theologie und Kirche?

Hagencord: Nach meiner Auffassung ist die Kirchenleitung vor allem damit beschäftigt, eine hierarchisch verfasste, männlich dominierte Kirche aufrecht zu erhalten und diese theologisch zu legitimieren: Sie spricht fast ausschließlich von einem Gott, der ausschließlich Männer in Ämter beruft. Da frage ich mich, wie das nun zusammenpasst mit einer Theologie, die Gott, in allem, was lebt, vermutet. Wenn ich wahrnehme, wie die Enzyklika bisher in der Kirche aufgenommen worden ist, erlebe ich meist ein laues "Naja, das müssen wir alles mal bedenken, den Text müssen wir mal meditieren, und er muss in die Eine-Welt-Gruppen der Gemeinden gebracht werden". Das ist ein Ausweichen und letztlich ein Nichternstnehmen dessen, was der Papst sagt.

Frage: Glauben Sie, dass die Enzyklika die Menschen tatsächlich wachrüttelt?

Hagencord: Durchaus, denn ich sehe auch in der Kirche Menschen, die in diese Richtung denken und Aufwind erfahren. Ich hoffe, dass viele kirchlich gebundene Menschen die Bewahrung der Schöpfung als identitätsstiftend erleben. Es wird hoffentlich eine Dynamik in den Gemeinden entstehen, die auch diejenigen, die blockieren, letztlich nicht mehr stoppen können. In außerkirchlichen Institutionen, die schon seit langem eine andere Spiritualität, Ausrichtung der Kirche und eine politische Theologie fordern, nehme ich große Begeisterung wahr. Auch das Projekt der Theologischen Zoologie erfährt nun päpstliche Rückendeckung.

Von Angelika Prauß (KNA)

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