Neue Petersdom-Orgel ist "armselige Lösung"

Die Fachwelt ist über die neue Digitalorgel im Petersdom entsetzt, sagt Kölns Domorganist Winfried Bönig. Das sei so, als würde man am Altar den Goldkelch durch einen Plastikbecher ersetzen.

Kirchenmusik | Bonn - 15.01.2018

Vor einigen Tagen ging die Meldung durch die Medien: Der Vatikan hat eine neue, eine digitale Orgel! Ist das nun eine technische und musikalische Revolution? Das Gegenteil ist der Fall, sagt Winfried Bönig. Er ist seit 20 Jahren Professor an der Musikhochschule Köln und seit 2001 Domorganist an der dortigen Kathedrale. Für ihn ist das neue Instrument im Petersdom eine einzige Katastrophe, wie er im Interview mit katholisch.de verraten hat. 

Frage: Herr Bönig, der Petersdom hat eine digitale Orgel bekommen. Was bedeutet das? Steht dort jetzt ein Computer?

Bönig: Ja, so in etwa. Diese Orgel hat keine Pfeifen. Man sieht nur die Tasten, und die Knöpfe für die Register links und rechts und Lautsprecher. Mehr ist da nicht.

Frage: Ist die neue Orgel eine technische Revolution? Elektronische Orgeln stehen ja schon seit Jahrzehnten in den Wohnzimmern von Hobby-Organisten ...

Bönig: ... und die Orgel im Petersdom ist genau dasselbe. Nichts besonders Neues oder Modernes, sondern eine einfach elektronische Orgel wie man sie aus der Unterhaltungsmusik kennt. Sie erzeugen elektrisch einen Ton, der mit Lautsprechen übertragen wird. Manchmal sind diese Orgeln heutzutage 'gesampelt', da werden die Pfeifen von richtigen Orgeln aufgenommen und wiedergegeben. Aber die Qualität steigt dadurch nicht wesentlich. Den lebendigen Klang, den eine Pfeife erzeugt, kann man nicht nachmachen. Auch Sie als Laie würden sofort einen Unterschied zwischen einer digitalen Orgel und einer Pfeifenorgel hören. Das ist eine armselige Lösung für so einen Raum wie den Petersdom.

Winfried Bönig im Porträt
Winfried Bönig ist Domorganist im Kölner Dom und leitet den Studiengang Kirchenmusik an der Musikhochschule Köln.
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Frage: Sind digitale Orgeln ein Trend? Werden die traditionellen Orgeln mit Orgelpfeifen bald aus den Kirchen verschwinden?

Bönig: Elektronische Orgeln sind keinesfalls ein Trend. Eigentlich ist ihre Zeit schon vorbei. Deswegen verursacht das neue Instrument im Petersdom auch gerade einigen Wirbel, die Fachwelt befindet sich irgendwo zwischen Entsetzen, Bestürzung und Unverständnis. Das war eine ganz und gar unkünstlerische Entscheidung. Das hat schon etwas von Ironie: In dem Moment, wo die Unesco die Orgeln und das Orgelspiel zum Weltkulturerbe erklärt, baut der Petersdom als die Kirche der katholischen Welt so ein Instrument ein. Italienische Orgelbauer haben gerade eine Beschwerde-Petition auf den Weg gebracht, die ich vollkommen unterstütze.

Frage: Aber irgendeine Motivation muss der Vatikan doch gehabt haben ...

Bönig: Es ist einfach die bequemste und billigste Variante. Vor über 100 Jahren wollte man schon mal an die Rückwand des Petersdoms eine große Orgel bauen. Und vor wenigen Jahren gab es wieder eine ähnliche Initiative, beide sind nicht zustande gekommen. An den Finanzen kann es aber nicht liegen. Man würde immer Spender finden, die an so einem prominenten Ort eine Orgel finanzieren würden.

Frage: Aus dem Vatikan heißt es, dass die vorhandene Pfeifenorgel dem Raum einfach nicht gut ausfüllen kann.

Bönig: Die Lösung mit der Pfeifenorgel, die vorne steht, ist natürlich unbefriedigend. Das liegt aber daran, dass sie sich an einer ungünstigen Stelle befindet. Eine große Orgel müsste wie gesagt an die Rückseite der Kirche. Da würde sie auch hinpassen. Klar ist das bautechnisch ein großer Aufwand, wie es aus dem Vatikan heißt. Aber das ist nur ein vorgeschobenes Argument. Ich glaube, dass das Beharrungsvermögen des Vatikan – das beklagt ja nicht nur Papst Franziskus – an dieser Stelle voll durchschlägt. Die haben kein Interesse an einer großen Pfeifenorgel.

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Philipp Klais und sein Team bauen weltweit Orgeln – sowohl für Kirchen als auch für bedeutende Konzertsäle - wie den in der Hamburger Elbphilharmonie (Archivvideo aus 2015)
 katholisch.de

Frage: Ist eine digitale Orgel einer Pfeifenorgel in so einem großen Raum wenigstens im Klangvolumen überlegen?

Bönig: Nein. Ich bin Organist am Kölner Dom, der ist natürlich kleiner als der Petersdom. Aber da hat die Pfeifenorgel überhaupt kein Problem, den Raum zu füllen. Das ist kein Argument.

Frage: Dafür ist eine digitale Orgel viel günstiger in der Anschaffung, sie verstimmt nicht, man muss sie quasi gar nicht warten ...

Bönig: Ich werde jetzt mal polemisch: Wenn ich statt einem goldenen Kelch einen Plastikbecher auf den Altar stelle, ist das auch günstiger. Aber eigentlich sind wir uns doch in der Kirche einig, dass einem die Liturgie auch etwas Wert ist. Die Orgel ist für viele Menschen ja auch ein wesentlicher Bestandteil eines Gottesdienstes und des Kirchenraumes. Wenn man im Petersdom steht, hat man so viel Kunst um sich herum, der gottesdienstliche Raum ist mit einem riesigen Aufwand gestaltet – und bei der Musik greift man zur Billig-Lösung? Unter Organisten gibt es so einen Spruch: Einer geschenkten Orgel schaut man nicht in die Gorgel. Das ist natürlich ein Kalauer, aber in diesem Fall passt er besonders gut. Eine bessere Werbung hätte sich die Hersteller-Firma Allen gar nicht vorstellen können.

Frage: Wie ist das Verhältnis der Italiener zur Kirchenmusik generell?

Bönig: Rom hat in der Altstadt rund 250 Kirchen. Sie finden fast in jeder eine alte Orgel, die meistens aber nicht mehr spielbar sind. Und vorne steht dann eine elektronische Orgel. Die Italiener sind zwar höchst musikalisch, aber die Tradition einer aufwändigen Kirchenmusik wie es sie in Deutschland noch gibt, ist seit langem abgebrochen. Über die Orgel im Petersdom haben natürlich auch Italiener entschieden. Da verwundert es nicht, dass so eine Entscheidung herauskam. Auf das Zweite Vatikanische Konzil können sich die Römer dabei übrigens nicht beziehen. Die Konzilsdokumente bezeichnen ja ganz explizit die Pfeifenorgel als das dem Gottesdienst würdige Instrument.

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Frage: Es gibt ja heute schon Orgeln, die ganze Stücke automatisiert selbst spielen. Machen diese Orgeln die Organisten sehr bald überflüssig?

Bönig: Solche Fälle sind mir eigentlich nicht bekannt. Jedenfalls ist es das kein Trend, der in der Breite zunimmt oder überhandnimmt. Es geht ja nicht nur darum, dass die Orgel irgendetwas spielt, sondern darum, dass der Organist wirklich die Liturgie mitgestaltet, auf die Gemeinde und die jeweilige Situation eingeht.

Frage: Haben denn auch Pfeifen-Orgeln digitale Elemente?

Bönig: Ja klar. Die Steuerungen der Register für die Klangfarbe der Orgel kann ich zum Beispiel vorher speichern, damit ich das nicht während des Gottesdienstes machen muss. Ich kann etwas spielen und die Orgel spielt das nochmal nach, damit ich mein eigenes Spiel kontrollieren kann. Und natürlich muss keiner hinter der Orgel stehen und den Wind machen. Den erzeugt ein Motor mit dem Blasebalg. All das, was sich nicht unmittelbar auf den Klang auswirkt, wird modernisiert.

Frage: Im Kölner Dom gibt es also wahrscheinlich auch künftig keine digitale Orgel?

Bönig: Nein, wir haben zwei große und zwei kleine Orgeln. Alle sind mit Pfeifen bestückt und das ist das einzige, das dem Raum gerecht wird. Hier im Erzbistum gibt es übrigens auch allgemein die Regelung, dass keine elektronischen Orgeln angeschafft werden – und wenn, dann ist es die absolute Ausnahme aus Platzgründen oder weil zu wenig Geld da ist. Die Digitalorgel bleibt im Kirchenraum ein unerfreuliches Imitat.

Von Gabriele Höfling

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