Priester in Geistlichen Bewegungen: Wohin geht der Weg?

Sie stehen für Aufbrüche in der Kirche: Neue Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen. Die "Movimenti" ziehen nicht nur Laien, sondern auch viele Priester an. Für sie soll es eine Rechtsänderung geben.

Vatikan | Bonn - 13.06.2017

Die meisten Priester in der katholischen Kirche entscheiden sich für einen von zwei Lebenswegen: Ins örtliche Priesterseminar eintreten und später Gemeindeseelsorger werden oder als Ordensmitglied ins Kloster gehen. Seit einigen Jahrzehnten wählen viele Kleriker, die in Diensten ihrer Bistümer stehen, eine Art Mittelweg, indem sie sich als Weltpriester einer spirituellen Gemeinschaft anschließen. Gerade in der von Abbrüchen geplagten europäischen Volkskirche sind die Aufbrüche dieser "Neuen Geistlichen Gemeinschaften" oder Movimenti (dt.: Bewegungen) augenscheinlich.

Doch für Priester in diesen Gemeinschaften gilt in der Regel: bitte nur in der Freizeit. Denn sie bleiben weiterhin Priester ihres Bistums und haben damit in erster Linie in dessen Dienst zu arbeiten. Für die Beteiligten kann das zum Problem werden, wenn etwa der Ortsbischof seinen Pfarrer von seiner Gebetsgruppe wegversetzt oder die Bewegung ihn gegen den Willen des Oberhirten ins Ausland schicken will. Doch das könnte sich bald ändern, denn schon länger wünschen sich manche Vertreter der Movimenti das Recht, Priester in ihre Gemeinschaften zu inkardinieren, sie also quasi selbst anzustellen. Kürzlich hat sich Papst Franziskus mit den Leitern der Dikasterien zu dieser Frage beraten.

Die Kirche kennt keine "freischaffenden" Priester

Die Inkardination von Priestern spielt für die meisten Gläubigen im Alltag keine Rolle. Zunächst betrifft dieses Konstrukt ausschließlich das Verhältnis des Priesters zu seinem Dienstgeber. In der Kirche gibt es nämlich keine "freischaffenden" Priester; das Kirchenrecht drückt es etwas formeller aus: "Kleriker ohne Inkardination (darf es) in keiner Weise geben" (c. 265 CIC). Das bedeutet, dass jeder Kleriker in den Dienst etwa eines Bistums gestellt wird und zwar mit dem Moment seiner Diakonenweihe. Diese sogenannte Inkardination gilt grundsätzlich lebenslang. Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens untersteht damit jeder Kleriker einer Autorität und kann nicht einfach tun und lassen, was er möchte. Zweitens wird sichergestellt, dass auch für jeden Geweihten gesorgt wird, etwa in Form von Gehalt und Pension. Nur in Ausnahmefällen und unter bestimmten Voraussetzungen kann die Inkardination geändert werden.

Linktipp: Neue Geistliche Gemeinschaften: Begeistert von Gott

Sie haben meist ein intensives Glaubensleben und wollen andere mit ihrer christlichen Überzeugung anstecken: "Neue Geistliche Gemeinschaften" und "kirchliche Bewegungen". Doch es gibt auch Schwierigkeiten. Katholisch.de stellt das Phänomen der "Neuen Geistlichen Gemeinschaften" vor.

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Das Recht auf Inkardination haben grundsätzlich die Bistümer und andere Teilkirchen. Hinzu kommen Ordensgemeinschaften und sogenannte Personalprälaturen; beispielsweise das "Opus Dei". Nur mit päpstlicher Erlaubnis können Kleriker auch einem Säkularinstitut eingegliedert werden. In dieser Rechtsform bestehen einige der Movimenti, so zum Beispiele Teile der Schönstatt-Bewegung. Die übrigen haben bislang als einfache Vereine von Gläubigen keine Möglichkeit, Priester in ihren Dienst zu stellen.

Das gilt etwa für die Gemeinschaft Emmanuel. Die Bewegung wurde im Jahr 1976 in Frankreich als Teil der sogenannten Charismatischen Erneuerung gegründet. Laut Aussage des für Deutschland zuständigen Provinzleiters Thomas Lütkemeier gehören ihr derzeit bundesweit etwa 400 Mitglieder an, darunter 18 Priester. Die Frage der Inkardination werde auch in seiner Gemeinschaft diskutiert, sagt er. "Das ist im Werden." Da die Movimenti selbst noch jung seien, sei auch die Frage der Inkardination "ein Thema der Weiterentwicklung". Lütkemeier erklärt, dass sich die Bewegungen mit ihrem Wachstum auch immer neu die Frage stellen müssen, wie sie sich in die Kirche einbringen können. Und das betreffe auch die Zusammenarbeit mit den Ortskirchen bei der Bestellung von Priestern.

Gemeinschaft Emmanuel will keinen Sonderweg gehen

Zugleich macht der Provinzleiter aber auch klar, dass es nicht darum gehen kann, in eine Konkurrenz mit den Bischöfen zu treten. Andernfalls laufe man Gefahr, "einen Sonderweg einzuschlagen". Schon der Gründer der Gemeinschaft Emmanuel, Pierre Goursat, habe stets betont: "Wir möchten unser Charisma in den Diözesen zur Verfügung stellen." Für Lütkemeier ist dabei ein gutes Verhältnis zu den Ortskirchen unabdingbar: "Wir möchten immer zusammen mit den Bischöfen überlegen, wie Priester gemeinsam mit Laien Mission leben können."

Die Kapelle im Wallfahrtsort Schönstatt in Vallendar.
Hier spürte Kentenich, dass Gott durch Maria eine neue Initiative ergreifen möchte und dass Maria die Herzen der jungen Leute berührte.
 dpa

Anders ist die Situation in der Schönstattbewegung. Sie wurde bereits vor über 100 Jahren von Pallottiner-Pater Josef Kentenich gegründet und kann damit kaum mehr als "neue" Bewegung bezeichnet werden. Sie umfasst eine Reihe von Teilgliederungen, unter anderem für Priester. Dazu gehören weltweit etwa 1.000 Schönstatt-Diözesanpriester, die ausdrücklich in den Bistümern inkardiniert sind. Demgegenüber bilden die rund 450 Schönstatt-Patres ein eigenes sogenanntes Säkularinstitut mit dem Recht auf Inkardination.

"Wie ein Ferment mitten in der Diözese"

Pater Heinrich Walter war 12 Jahre lang Generaloberer der Patres und gehört noch immer dem Generalrat, dem obersten Leitungsgremium, an. Er ist sich sicher, dass die Wahlmöglichkeit für Priester bei Schönstatt richtig ist. Während ein Teil der Geistlichen wie "ein Ferment mitten in der Diözese" wirke, sei der andere frei, "damit die Bewegung genügend Inspiration und Begleitung hat". Was für Schönstatt gut sei, müsse jedoch nicht für alle Movimenti gelten. "Generell muss jede Bewegung selber sehen, wie wichtig es ist, Priester zu haben, die ganz für sie da sind", sagt Walter. Darum glaubt er auch nicht, dass es ratsam wäre, nun im Vatikan eine allgemeine Antwort auf die Frage der Inkardination in den Movimenti zu finden.

Dass die Rechtsänderung im Vatikan auf der Tagesordnung steht, bestätigt der Untersekretär des Päpstlichen Rats für die Gesetzestexte, Markus Graulich. Neben seiner Behörde sind mit dieser Frage derzeit die Klerus-Kongregation und das neue Dikasterium für Laien, Familie und Leben befasst. Gegenüber katholisch.de erklärt Graulich: "Man ist schon seit einiger Zeit daran, Formen zu finden, wie Priester direkt in die Bewegungen inkardiniert werden können."

Derzeit sei noch nicht absehbar, wann mit einer Regelung zu rechnen ist oder wie eine solche aussehen könnte, sagt Graulich. Als Beispiel könne jedoch das Kirchenrecht für die katholischen Ostkirchen dienen, das die Inkardination in Vereinigungen bereits allgemein als Möglichkeit vorsieht. "Aus rechtlicher Perspektive sehe ich in einer solchen Regelung einen großen Vorteil", erklärt der Kirchenjurist. Eine neue Regelung würde nämlich für Priester, Diözesen und Movimenti vor allem Rechtssicherheit bringen. Welche Auswirkungen sie darüber hinaus haben könnte und ob die Folgen auch in deutschen Gemeinden spürbar würden, ist hingegen noch nicht absehbar.

Von Kilian Martin

Auch Fokolarbewegung wünscht sich Änderung

Auch die Fokolarbewegung wünscht sich die Möglichkeit der Inkardination von Priestern. Eine entsprechende Rechtsänderung würde weltweit derzeit etwa 80 Priester betreffen, erklärte der Ko-Präsident der Bewegung, Jesus Moran, gegenüber katholisch.de. Es handele sich dabei um Männer, die als gottgeweihte Laien in der Gemeinschaft leben und von dieser ausgewählt wurden, ihr als Priester zu dienen. "Für diese Gruppe gibt es derzeit nur die rechtliche Lösung, in einer Diözese inkardiniert und durch eine Vereinbarung mit dem zuständigen Bischof für den Dienst an der Bewegung freigestellt zu sein", erklärte Moran.

Ein Hindernis der Inkardination sei laut Moran derzeit die Tatsache, dass die Fokolarbewegung stets von einer Frau geleitet wird, die damit Vorgesetzte der Priester würde. Weiter wünschten sich die "Fokolari" eine Regelung für die Bewegungen, die "der jeweiligen charismatischen Identität jeder Gruppierung Rechnung tragen kann". (kim)

Ergänzt am 13.06., 14:45 Uhr

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