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Rücksicht oder Meinungsdiktat?

"Political Correctness" ist der AfD ein Dorn im Auge. Die Partei sieht darin die Ursache für Politikverdrossenheit. Publizist Andreas Püttmann erklärt, was der Begriff für Christen bedeutet.

Politik | Bonn - 17.05.2017

Frage: Was bedeutet der Begriff "Politische Korrektheit"?

Püttmann: "Politische Korrektheit" beschreibt ursprünglich das Bestreben, bestimmte Ausdrücke und Handlungen in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Sie sollen im gesellschaftlichen Diskurs zurückgedrängt werden, um keine Gruppen von Menschen zu kränken oder zu beleidigen.

Frage: Das hört sich gar nicht so negativ an…

Püttmann: Ja, und insofern haben wir es mit einem durchaus christlichen Impuls zu tun: Empathie gehört zur DNA des Christentums, der Schutz der Schwachen entspricht dem Grundgebot der Nächstenliebe. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele in der Bibel: Der Gottesknecht zerbricht das geknickte Rohr nicht (Jes 42,3). Er richtet auf. Paulus schärft der Gemeinde von Korinth (1 Kor 12, 22-26) ein, den "schwächeren", "für weniger ehrbar" gehaltenen Gliedern des Leibes gelte besondere Achtung, damit es keinen Zwiespalt im Leib gebe, sondern die Glieder gleichermaßen füreinander sorgen. Zwischenmenschliche Einfühlung, Takt und Respekt bleiben damit nicht nur private Maximen, sie werden auch ein politisches Anliegen – beginnend mit der Sprache, denn aus Worten können Handlungen werden. Wer dies auf sich wirken lässt, der wird Kampfbegriffe wie "Gedankenpolizei" oder "Sprachpolizei" wohl schon weniger leichtfertig nachplappern, wie dies im Jargon rechtskonservativer Milieus unserer Gesellschaft inzwischen üblich ist. Ja, auch unser Denken und Reden bedürfen des Tabus und der Disziplin. Am besten der Selbstdisziplin, ersatzweise aber auch mittels einer "Correctio fraterna", einer wohlmeinenden Zurechtweisung unter vier Augen. Nicht zügellos und grob daher zu reden, sondern überlegt und achtsam, gehört zur Basis unserer Kultur. 

Frage: Inwiefern zeigt sich denn in der Sprache eine Denkweise?

Püttmann: Dass aus dem "Krüppel" oder "Invaliden" ein "Behinderter" und daraus ein "behinderter Mensch" wurde; aus der "Aktion Sorgenkind" die "Aktion Mensch"; in den USA aus "Niggers" oder "Negroes" erst "blacks" oder "colored people", dann "African-Americans"; in der Kirche aus "Sodomiten" erst "Homosexuelle" und dann "homosexuelle Personen"; in der Bundesrepublik aus "Asylanten" "Asylsuchende" oder "Asylbewerber" – das kann und wird ein Christ als humanen Fortschritt begrüßen. Er entspricht von der Haltung her der christlichen Clementia, der Tugend der Sanftmut. Zumindest sollte sich ein Christ, der stets ein Menschenfreund sein muss, darüber nicht mokieren.

Frage: Der Begriff "Politische Korrektheit" kommt oft im politischen und gesellschaftlichen Diskurs vor. Wie kam es dazu?

Püttmann: Angesichts der nicht immer sinnvollen, zum Teil ideologisch überdrehten und oft penetranten Einführung neuer Sprachkodizes wundert es nicht, dass der Begriff "Politische Korrektheit" seit Beginn der 90er Jahre von einer Eigenbeschreibung zu einem abwertenden Kampfbegriff mutierte, wobei sein Gebrauch sich exponentiell vermehrte. Konservativen wurde er zum Erkennungscode für die gemeinsame Ablehnung von über das Ziel hinaus schießenden linken Antidiskriminierungsprojekten, im Laufe der Zeit sogar zu einem regelrechten Mythos geknebelter Redefreiheit und allgegenwärtiger "Denkverbote" - wozu man nicht selten Übertreibungen und Verdrehungen von eher harmlosen Anekdoten einsetzte. Hierbei entstand eine eigene "Conservative Correctness", die ihrerseits liberale und linke Ideen zu unterdrücken sucht, indem sie diese nicht konkret inhaltlich widerlegt, sondern pauschal diskreditiert.

Andreas Püttmann im Porträt
Andreas Püttmann lebt als Journalist und Publizist in Bonn.
 KNA

Frage: Wie sieht diese konservative Correctness aus?

Püttmann: Geflissentlich übersehen wird in der konservativen PC-Kritik, dass das eigene Milieu von je her nicht minder seine Sprachkodizes oder -verbote pflegt. Wer etwa in Vorträgen von den ehemaligen DDR-Gebieten als "Ostdeutschland" spricht, muss in den einschlägigen Kreisen bis heute mit einer pikierten bis gereizten Zurechtweisung rechnen: Dies sei Mitteldeutschland, da gebe es keine Diskussion, nur ein richtig oder falsch. Deutschland bliebe demnach bis ans Ende der Geschichte ein Land, das nur aus Westen und Mitte besteht. Es zeigt sich: Sprachregelungen sind keinesfalls eine Marotte eines bestimmten politischen Lagers, sondern dienen überall als Ausdruck eigener – oft stark moralisch oder emotional aufgeladener – Überzeugungen, für die man im öffentlichen Raum die "Diskurshoheit" gewinnen oder verteidigen will.

Frage: Wie zeigt sich die Ablehnung der "Politischen Korrektheit" im Parteienstreit?

Püttmann: Die Klage über Politische Korrektheit ist mit der AfD in den Rang eines zentralen Inhalts im Grundsatzprogramm einer Partei aufgestiegen. Die Rechtspopulisten klagen, dass die Allmacht der etablierten Parteien die Ursache sei für eine "gesellschaftsschädigende Politischen Korrektheit und ein Meinungsdiktats in allen öffentlichen Diskursen". Solche "politisch korrekte Sprachvorgaben" lehnt die AfD entschieden ab. Das zeigt sich besonders in den bevorzugten Politikfeldern Asyl und Einwanderung. Hier stellt die Partei in ihrem Programm ein "ideologisch vergiftetes Klima" der "politischen Korrektheit" fest, das Sprachverbote nach sich ziehe. Wer dagegen verstoße, werde stigmatisiert, habe berufliche Nachteile – ein solcher Umgang mit "unangepassten Meinungen" sei eher ein Merkmal totalitärer Staaten als von Demokratien. Was die AfD alles als "unangepasste Meinung" verharmlost, kann man allerdings nicht nur in Höcke-Reden sehen, sondern auch im Internet auf Seiten von Funktionären der zweiten oder dritten Reihe.

Frage: Welche Wirkungen hat das Internet auf die "Politische Korrektheit"?

Püttmann: Das Aufblühen von Verschwörungstheorien und die Verrohung des Umgangstons im Internet wecken wenig Zuversicht, dass die Gesellschaft dadurch besser informiert werden könnte als durch professionelle Journalisten. Wer sich vornehmlich im Selbstbestätigungszirkel von Gesinnungs-"Freunden" aufhält, droht auf die Dauer intoleranter und dümmer zu werden. ZDF-Chefredakteur Peter Frey hat Recht, wenn er sagt, es sei ein gewaltiges Problem für unsere Gesellschaft, wenn jeder in seinem eigenen ideologischen Saft gärt. Das habe ich bei manchen Personen aus dem eigenen Bekanntenkreis beobachtet, die sich in wenigen Jahren oder gar Monaten radikalisierten. Man hört gelegentlich über einen Islamisten, er habe sich "im Internet radikalisiert". Das funktioniert auch bei "Biodeutschen". Sogar Christen mutieren bisweilen zu ideologischen Fanatikern. In den "Meinungsblasen" des Netzes oder eines relativ abgeschlossenen Milieus entstehen gleichsam kleine "Meinungsdiktaturen" mit eigener Politischer Korrektheit. Verstöße gegen die Lager-Gesinnungsdisziplin werden rigoros sozial abgestraft. Zudem führt das Selbstbild als Opfer zu gefährlichen Entgrenzungen und falschen Solidarisierungen im Namen des Kampfes gegen die "Politische Korrektheit" der Feindpartei.

Linktipp: Bischof Zdarsa kritisiert "Political correctness"

Beim Katholikentag in Leipzig 2016 war die AfD unerwünscht. Das kritisieren Bischof Konrad Zdarsa und Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Sie fordern den Dialog mit der Protestpartei.

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Frage: Geben Sie ein Beispiel?

Püttmann: Eine katholische Geschäftsführerin sagte 2014 auf der "Demo für alle" in Hannover: "Im Irak, da werden Christen tatsächlich verfolgt, und nicht nur dort. Aber was hier abgeht in Europa mit diesem Gender Mainstreaming, das wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, bis wir hier auch Christenverfolgung haben". Ein anderer Redner warnte: "Die meisten wissen nicht, was unseren Kindern und Enkeln droht, nämlich eine Diktatur der Gleichschaltung". Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun sieht "Raubtiere in Gestalt von politischer Korrektheit… bereits im Kommen und zwar jene, die schon im Kommunismus gewütet haben und heute von feigen, auch 'christlichen' Politikern für Kätzchen gehalten werden, die man streicheln darf und füttern sollte". Mit solchen maßlosen Vergleichen vergiftet man das politische Klima und verdunkelt das Zeugnis der Kirche. Mit unserem Anspruch von "Glaube und Vernunft" hat das nichts mehr zu tun.

Frage: Wie lassen sich denn Grenzen im komplexen Feld der "Politischen Korrektheit" festlegen?

Püttmann: Da gibt es ein "magisches Dreieck": Erstens die Einsicht in die ganz natürliche Herausbildung von Meinungsdominanzen ("Medientenor", "Schweigespirale"), die sich auch sprachlich ausprägen; zweitens das legitime Anliegen einer "Leitkultur", ihren ethischen Grundkonsens normativ abzusichern und auch "sprachpolitisch" zu verteidigen; drittens jedoch die angemessene und förderliche Toleranz eines breiten Meinungsspektrums, damit Freiheit nicht nur rechtlich garantiert, sondern auch sozial erlebt wird. Zum schonendsten Ausgleich gehört für die jeweilige Mehrheits- und Minderheitspartei ein Übermaßverbot: Mehrheiten sollten den Raum des atmosphärisch sanktionsfrei Sagbaren nicht zu eng zurren, Minderheiten nicht zu rasch oder schrill über Missbilligungssignale klagen.

Frage: Was heißt das für Christen?

Püttmann: Christen liegt notorisches Jammern so fern wie ungezügeltes Austeilen. Beides gleichzeitig geht schon gar nicht! Sie dürfen und sollten sich gegen ungerechte Herab- oder Zurücksetzung durchaus beschweren und können in "heiligem Zorn" ausnahmsweise auch einmal selbst schärfer werden. Jesus sprach auch nicht nur im Kammerton, sondern von "getünchten Gräbern" und "Schlangenbrut". Man sollte sich aber stets demütig bewusst bleiben, dass man als erbsündiger Mensch mit einem robusteren Eigeninteresse als Einfühlungsvermögen leichter zum Helden der eigenen Meinungsfreiheit wird als zum Fürsprecher der Freiheitsperspektive Anderer. Über den "Genderwahn" als Störung der selbst gelebten Ehe- und Familienordnung kann man sich leicht ereifern, wenn man nicht mindestens "einen Mond lang in den Mokassins" einer beruflich benachteiligten oder sexistisch herabgewürdigten Frau oder eines "LGBT"-Mitmenschen gegangen ist. Christen werden auch als Minderheit mutig ihre Überzeugungen vertreten und soziale Blessuren dafür notfalls in Kauf nehmen, ohne sich gleich über eine "Meinungsdiktatur" zu empören. Denn damit würde man leichtfertig "die bescheidenste Staatsform der Weltgeschichte" - so Josef Isensee über die Demokratie des Grundgesetzes - delegitimieren. In die neurechte Totalkritik jeder Politischen Korrektheit einzustimmen, steht Christen nicht gut zu Gesicht.

Von Roland Müller

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