Schwein gehabt?

Wenn es um die Wurst geht, scheint deutsche Verbraucher vor allem eines zu interessieren: der Preis. Anders ist es kaum zu erklären, dass Aldi als Marktführer unter den Discountern die neueste Runde im Preiskampf ausgerechnet an der Fleischtheke einläutete und die Hauptkonkurrenten ohne jedes Zögern gefolgt sind.

Konsum | Bonn - 20.03.2014

Wenn es um die Wurst geht, scheint deutsche Verbraucher vor allem eines zu interessieren: der Preis. Anders ist es kaum zu erklären, dass Aldi als Marktführer unter den Discountern die neueste Runde im Preiskampf ausgerechnet an der Fleischtheke einläutete und die Hauptkonkurrenten ohne jedes Zögern gefolgt sind.

Bei Aldi ist das "Delikatess Geflügelbrustfilet" nach der aktuellen Rotstift-Runde nun für nur noch 95 Cent je 100 Gramm zu haben, zwei Straßen weiter gibt es bei Norma nach der stolz verkündeten achten Preissenkung des Jahres 200 Gramm "Delikatess Hinter-Kochschinken" sogar schon für 1,19 Euro. Beide Firmen haben bei diesen wohl kaum kostendeckenden Preisen ein reines Gewissen: Während Aldi versichert, "Fairness und Qualität" bestimme seine "Fleischeinkaufspolitik", entgegnet Norma im selben Brustton der Überzeugung, man setze ausschließlich auf ebenso "sichere wie umweltverträgliche Produktionsverfahren".

Selbst Konkurrent Lidl hegt daran Zweifel. Im offensichtlichen Bemühen, auch einmal zu den ökologisch "Guten" einer Branche zu gehören, die mit harten Bandagen um jeden Cent kämpft, fand das Unternehmen ungewohnte Töne. Um die "preissensiblen Kunden" im eigenen Laden zu halten, beteiligte sich Deutschlands zweitgrößter Discounter zwar an der Tiefpreisaktion. Gleichzeitig betonte das Unternehmen aber, dass man es begrüßen würde, "wenn es trotz des harten Wettbewerbs in Deutschland gelänge, ein Preisniveau im Frischfleisch-Sektor zu finden, das die richtigen und wichtigen Anstrengungen für mehr Tierwohl unterstützt." Im Klartext heißt das: Die derzeit von den Discountern verlangten Preise für Fleisch- und Wurstwaren sind zu niedrig, um damit noch eine Produktion garantieren zu können, die Schlachttieren unnötige Qualen erspart.

"Dumpingwettbewerb ist eine Schweinerei!"

Politik, Tierschutzorganisationen und nicht zuletzt die Kirchen verurteilen den rücksichtslosen Kampf um die Macht auf den Märkten. Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) schimpft unmissverständlich: "Über Fleischwaren einen Dumpingwettbewerb zu führen, ist schlicht eine Schweinerei!" Damit werde ein System angeheizt, in dem das Wohl des Tieres nachrangig sei. In dasselbe Horn stößt auch Thomas Schröder, der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes: "Wer Preise dauerhaft senkt, der senkt auch das Tierschutzniveau in den Ställen." Die Verbraucher sollten deshalb die Hände von Billig- und Billigstfleisch lassen.

Fleisch auf einem Grill.
Fleisch auf einem Grill.
 maho/Fotolia.com

Evangelische und katholische Kirche, quasi von Amts wegen der Bewahrung der Schöpfung und damit auch dem Tierschutz verpflichtet, erheben dieselbe Forderung. Der evangelische Landesbischof von Hannover, Ralf Meister, erklärte, dass der Preiskampf der Discounter auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen werde und zu Lasten der Tiere und einer nachhaltigen Landwirtschaft gehe. Nicht nur von seinen rund 2,8 Millionen niedersächsischen Protestanten verlangte er in aller Deutlichkeit: "Die Verbraucher sollten dieser Entwicklung die Rote Karte zeigen und damit demonstrieren, dass sie diesen Irrweg nicht mehr mitmachen."

Diese Meinung vertritt Freiburgs emeritierter Erzbischof Robert Zollitsch schon lange. Er wendet sich entschieden gegen eine verbreitete Mutlosigkeit unter Verbrauchern: "Lassen wir uns von nichts und niemandem einreden, wir könnten ja doch nichts ändern." Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz rät, sich außer am Einkaufszettel auch am Korintherbrief des Apostels Paulus zu orientieren: "Wer sich Zeit nimmt, um darüber nachzudenken, was ich allein in 100 Metern Umkreis meines Lebensmittelpunktes an Gutem tun kann, was ich durch meinen Einkauf an Möglichkeiten habe, für angemessene Löhne und eine gerechtere Welt zu sorgen, der spürt, wie sehr der Apostel Paulus mit seinem Bild vom Sauerteig, der alles durchwirkt, recht hat."

Dürfen Christen Fleisch essen?

In der Tat: Millionen von Christen, die bewusst und verantwortungsvoll einkaufen, dürften mehr Gewicht auf die Waage bringen als ein paar Konzerne, die sich vorrangig am eigenen Profit orientieren. Aber, so ließe sich argumentieren, müssten Christen nicht ohnehin vegetarisch leben, weil das Gebot "Du sollst nicht töten!" auch für Tiere gilt? Nicht unbedingt, denn im biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn ließ beispielsweise der Vater ein Mastkalb schlachten, um aus Freude über sein wiedergefundenes Kind ein Fest zu feiern.

Andere Stellen des Alten und Neuen Testaments zeigen Ähnliches. Laut dem Apostel Paulus kommt es offensichtlich eher darauf an, toleranten Frieden zu wahren als eine konsequent fleischlose Linie zu verfechten: "Wer Fleisch isst, verachte den nicht, der es nicht isst; wer kein Fleisch isst, richte den nicht, der es isst. Denn Gott hat ihn angenommen" (Röm 14,3). Aber gleichgültig, ob sie sie nun essen oder nicht: Wie Würste und Braten produziert werden, darauf sollten Christen in jedem Fall achten.

Von Uwe Bork

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Der wachsende globale Fleischkonsum gefährdet die Nahrungsmittelversorgung Ärmerer. Das geht aus dem Fleischatlas 2014 hervor. Weitere Informationen dazu finden Sie auf dem katholisch.de-Partnerportal weltkirche.katholisch.de .

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