Flüchtlinge

"Sie flehen mich an, sie herauszuholen"

Pfarrer Martens zu Übergriffen auf Christen in Flüchtlingsheimen

Berlin - 11.02.2016

Rund 1.200 christliche Flüchtlinge gehören der Berliner Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde mittlerweile an. Und die erzählen ihrem Pfarrer Gottfried Martens immer wieder von Drohungen und Übergriffen in ihren Unterkünften. Im Interview mit katholisch.de spricht Martens nun über die Vorfälle und erklärt, warum die Zurückhaltung von Politikern und Journalisten Pegida am Ende in die Karten spielt.

Frage: Herr Martens, was ist ein "Kuffar"?

Martens: Das ist aus muslimischer Sicht ein Ungläubiger. Allerdings wird der Begriff nicht als neutrale Beschreibung für einen Menschen benutzt, der kein Muslim ist. Vielmehr schließt das Wort "Kuffar" mit ein, dass der Ungläubige den Tod verdient hat.

Frage: Zu Ihrer Gemeinde gehören mittlerweile zahlreiche christliche Flüchtlinge. Sie sagen, dass die in ihren Unterkünften häufig als "Kuffars" bezeichnet würden. Was berichten ihre Gemeindemitglieder sonst noch über das Zusammenleben mit den Muslimen?

Martens: Im vergangenen halben Jahr hat es noch einmal eine deutliche Verschlechterung ihrer Lage gegeben. Zwar haben wir bereits vorher von Übergriffen auf Mitglieder unserer Gemeinde gehört. Allerdings waren das Einzelfälle, die meist auch von einzelnen, radikalen Muslimen ausgingen. Durch den großen Zustrom muslimischer Flüchtlinge in den vergangenen Monaten hat sich in vielen Berliner Heimen aber eine geschlossene Gesellschaft gebildet. Es wird ein sehr starker Druck auf die nicht-muslimische Minderheit ausgeübt. Die Konvertiten sind noch einmal in spezieller Weise betroffen, weil die Konversion vom Islam zum Christentum als besonders schweres Verbrechen erachtet wird.

Gottfried Martens (*11. Januar 1963) war von 1991 bis 2015 Pfarrer der St. Mariengemeinde Berlin-Zehlendorf. Schon dort gehörten zahlreiche Flüchtlinge zu seiner Gemeinde. Seit dem 10. Mai 2015 ist er Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin-Steglitz.  Privat

Frage: Was sind die Konsequenzen für die Christen?

Martens: Wenn Christen identifiziert werden, folgen meistens Drohungen in unterschiedlichster Form. Ihnen werden zum Beispiel Enthauptungsvideos auf Handys gezeigt oder der Zugang zur Küche verwehrt, weil sie "unrein" sind. Es kommt aber auch zu tätlichen Angriffen, bei denen auf die Christen eingeprügelt wird oder ihnen die Taufkreuze vom Hals gerissen werden.

Frage: Die Politik spricht bisher nur von Einzelfällen…

Martens: Vor drei Jahren gehörten etwa 150 Flüchtlinge zu unserer Gemeinde, die zum Christentum konvertiert sind. Heute sind es rund 1.200. Das bedeutet, dass wir einen ziemlich guten Überblick über das haben, was in den Heimen in Berlin und Brandenburg geschieht. Eines der Kernprobleme ist die Definition dessen, was man als "Übergriffe" versteht. In vielen Heimen wird ein Klima geschaffen, das unsere Gemeindemitglieder an das Klima erinnert, vor dem sie aus ihrer Heimat geflohen sind. Die Folgen für die Psyche sind in vielen Fällen weitreichender als die Wunden, die ihnen bei Schlägereien zugefügt werden. Ein Beispiel: Am vergangenen Sonntag hat mir eine junge, christliche Flüchtlingsfamilie berichtet, dass ihre Tochter nach nur wenigen Wochen in der Unterkunft massiv gemobbt wird, weil sie ein "Kuffar" ist, mit dem man nicht spielen darf. Das rechtfertigt kein Einschreiten der Polizei und taucht auch in keiner Statistik auf. Für die geflüchtete Familie ist es dennoch stark traumatisierend.

Frage: Wenn es keine Einzelfälle sind, warum wird dann so selten etwas davon öffentlich gemacht?

Martens: Einer der Hauptgründe ist sicher die Angst davor, Wasser auf die Mühlen derer zu geben, die diese Vorfälle für flüchtlingsfeindliche Propaganda missbrauchen. Stichwort: Pegida und AfD. Sowohl Behörden und Politiker als auch Journalisten halten sich deshalb sehr zurück. Leider ist ihre Angst ja auch nicht unbegründet, wenn jetzt schon offen darüber gesprochen wird, Flüchtlinge an der Grenze zu erschießen. Auf der anderen Seite hilft es uns aber auch nicht, diese massiven Probleme totzuschweigen. Denn irgendwann werden sie doch publik. Und dann spielt das den Anhängern von Pegida vielleicht noch mehr in die Hände. Gerade wenn wir dafür sind, Flüchtlinge in unser Land aufzunehmen, und das bin ich, dann muss man die Probleme und Risiken ganz klar benennen.

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Frage: Es ist ja so, dass sich Politiker wie auch Journalisten in der Regel an Fakten zu halten haben. Gibt es denn Beweise für all die von Ihnen geschilderten Übergriffe?

Martens: Ich muss mich in erster Linie darauf verlassen, was mir die Gemeindeglieder erzählen. Und die sitzen Woche für Woche bei mir – und zwar zitternd vor Angst. Sie flehen mich an, sie aus den Flüchtlingsheimen herauszuholen. Diese Menschen sind psychisch am Ende. Ich kann natürlich nicht bei jedem einzelnen Übergriff sagen, wie er nun genau abgelaufen ist. Allerdings sind die Schilderungen oft sehr detailliert und stimmen auch strukturell überein. Darüber hinaus werden die Erlebnisse von Menschen vorgetragen, die ich sonst als glaubwürdige Gemeindeglieder kennengelernt habe. Deshalb muss ich davon ausgehen, dass es sich nicht einfach um erfundene Geschichten handelt.

Frage: Wie können solche Übergriffe dann künftig verhindert werden?

Martens: Auch wenn es eine heikle Angelegenheit ist, denke ich, dass wir das nur noch mit einer getrennten Unterbringung von Muslimen und Christen garantieren können. Wir dürfen christliche Flüchtlinge nicht zu einer Art "Versuchskaninchen" von eigentlich lobenswerten Toleranzbemühungen machen, wenn sie dafür täglich in Angst leben müssen. Das ist zwar keine optimale Lösung, aber der erste praktische und notwendige Schritt. Danach muss allerdings ganz massiv an der religiösen Intoleranz vieler muslimischer Flüchtlinge gearbeitet werden. Das fordert eine Menge personellen Aufwand, von dem ich nicht weiß, wie wir ihn stemmen sollen. Es darf auf Dauer aber keinesfalls das Bild vermittelt werden, dass der radikale Islam sich in den Flüchtlingsheimen "durchgesetzt" hat.

Frage: Welchen Beitrag können denn die Kirchen dazu leisten, die christlichen Flüchtlinge besser zu schützen?

Martens: Die Kirchen müssen sich dieses Themas zunächst überhaupt sehr viel deutlicher annehmen und es nicht nur verschämt ansprechen. Sie müssen ihre Stimme erheben. Wenn ich mit Politikern spreche, heißt es bisher immer: Die Kirchen sehen eine getrennte Unterbringung nicht als notwendig an. Dann stehe ich blöd da. Damit sich das ändert, müssen die Kirchen den Flüchtlingen aber auch besser zuhören. Denn dass die Konvertiten in unsere Gemeinde strömen, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass wir ein offenes Ohr für sie haben. Letztendlich kann es aber nicht die Lösung sein, dass die Dreieinigkeits-Gemeinde Berlin-Steglitz alle christlichen Flüchtlinge aufnimmt. Zu entsprechenden Kooperationen, beispielsweise in Form einer zentralen Anlaufstelle, wäre ich aber jederzeit bereit. Für homosexuelle Flüchtlinge gibt es in Berlin mittlerweile eine eigene Unterbringung. Das halte ich für richtig und notwendig. Das ist für mich ein Beispiel, dass mit gutem Willen eine eigene Unterkunft für Christen möglich ist.

Von Björn Odendahl

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