Theologe: Kirche muss Intersexualität diskutieren

Bischofskonferenz und Vatikan müssen Intersexualität zum Thema machen, sagt der Kirchenrechtler Thomas Schüller. Sollten drängende Fragen nicht geklärt werden, könne das Probleme mit sich bringen.

Kirchenrecht | Bonn/Berlin - 23.11.2017

Die katholische Kirche muss sich nach Ansicht des Münsteraner Kirchenrechtlers Thomas Schüller intensiv mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über das dritte Geschlecht befassen. Es gebe sowohl theologischen also auch rechtlichen Klärungsbedarf, sagte der Münsteraner Theologe der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt".

Die Deutsche Bischofskonferenz müsse sich ganz konkret mit den melderechtlichen Fragen auseinandersetzen, sagte Schüller. Es gebe in Deutschland die weltweit einmalige Situation, dass die Kirchen die gesamten Meldedaten vom Staat bekämen. Sie seien deshalb auch verpflichtet, die Personenstandsdaten eins zu eins in ihren Erfassungssystemen abzubilden. "Zu den Kerndaten wird das dritte Geschlecht gehören. Das müssen die Kirchen bei sich auch so eintragen." Sollte die Kirche diesen Schritt nicht nachvollziehen, "könnte der Staat mit guten Gründen die bisher komplikationsfreie Datenweitergabe kritisch bedenken".

Laut einem Anfang November veröffentlichten Beschluss aus Karlsruhe muss der Gesetzgeber im Geburtsregister über männlich und weiblich hinaus demnächst einen weiteren Geschlechtseintrag ermöglichen. Die Regelung gilt demnach für Personen, die sich nicht als Mann oder Frau sehen. Der Beschluss lässt indes offen, wie das Parlament diese Vorgabe umsetzt. Als eine Möglichkeit nannte das Gericht, künftig generell auf Geschlechtseinträge zu verzichten.

Thomas Schüller ist seit 2009 Professor für Kirchenrecht am Institut für Kanonisches Recht der Universität Münster.
 picture alliance/Eventpress/Eventpress Stauffenberg

Die Bischofskonferent hatte die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Intersexualität als "nachvollziehbar" bewertet. "Wenn bei einem Menschen eine eindeutige Zuordnung zu der binären Einteilung als Frau oder Mann nicht möglich ist, darf er nicht durch rechtliche Vorschriften oder gesellschaftliche Gewohnheiten dazu gezwungen werden, sich entgegen seinen eigenen Empfindungen einem Geschlecht zuzuordnen, das nicht zu ihm passt", sagte Sprecher Matthias Kopp. Zu den Naturbedingungen gehöre jedoch, dass im Regelfall "die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht dem Menschen vorgegeben" sei, so Kopp weiter. Eine positive Zuordnung zu einem Geschlecht sei besser, als vollständig auf eine entsprechende Selbstaussage zu verzichten.

Theologisch ist der Vatikan gefragt

Theologisch sieht Kirchenrechtler Schüller vor allem den Vatikan gefragt: "Was die Sakramentenlehre anbelangt, Taufe, Ehe, Weihe, aber auch die Frage des Eintritts in einen Männer- oder Frauenorden – damit muss Rom sich befassen", sagte er "Christ und Welt". Nach gegenwärtigem Stand der katholischen Lehre könne etwa nur ein eindeutiger Mann eine eindeutige Frau heiraten. Auch der Zugang zur Priesterweihe bleibe verwehrt, wenn keine eindeutige Geschlechtszuweisung erkennbar sei, so der Kirchenrechtler weiter. Hier gebe es ja bereits eine Grundsatzentscheidung der Glaubenskongregation noch unter Kardinal Joseph Ratzinger, dass Frauen, die durch Geschlechtsumwandlung Männer wurden, nicht zur Weihe zuzulassen seien, da sie von Geburt immer ein naturrechtlich feststehendes Geschlecht hätten. Schüller hatte diese Bestimmung bereits in der vergangenen Woche als wirklichkeitsfremd bezeichnet.

Laut Schüller geht es aber auch um ganz grundsätzliche Fragen des christlichen Menschenbildes, zu denen sich die Glaubenskongregation verhalten müsse. "Die Wirklichkeit ist komplexer als ein klassisches binäres Menschenbild." Nach Einschätzung des Kirchenrechtlers sind in dieser Frage allerdings kaum Fortschritte zu erwarten. "Ich wäre schon zufrieden, wenn Rom sagen würde: 'Okay, wir müssen diese zwischen beiden Geschlechtern geborenen Menschen als Ebenbilder Gottes betrachten. Wir nehmen sie so, wie sie sind, und ordnen sie nicht gewaltsam den Kategorien Männer oder Frauen zu.' Wenn so eine Aussage schon käme, wäre viel gewonnen." (tmg/KNA)

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