Gesellschaft

Gleichstellungsgarantie oder Ideologie?

Was es mit dem Reizthema "Gender" auf sich hat

Bonn - 14.03.2016

Für die einen ist es ein wichtiges Instrument der Gleichstellung, für die anderen Teufelswerk: das Konzept Gender. Papst Franziskus zum Beispiel sprach von einer "dämonischen Ideologie". Vor ihm hatte auch schon Papst Benedikt XVI. scharfe Kritik geäußert. Für die Befürworter der Theorie ist "Gender" dagegen Garant von Gleichstellung und Gerechtigkeit.

Fest steht, "Gender Mainstreaming" ist erklärtes Ziel der Europäischen Union (EU) und auch in Deutschland Teil des politischen und gesellschaftlichen Geschehens. Fest steht auch: "Gender" erregt die Gemüter. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Begriff?

"Gender" bezeichnet zunächst ein durch Gesellschaft und Kultur geprägtes soziales Geschlecht einer Person. Demgegenüber steht "Sex" für ihr biologisches Geschlecht. Da es im Deutschen sprachlich keine Unterscheidungsmöglichkeit für beide Begriffe gibt, übernahmen Sozialwissenschaftler das Wort Gender aus dem Englischen. Als Resultat von historischen und gesellschaftlichen Einflüssen ist dieses soziale Geschlecht variabel und veränderbar. So unterscheidet sich beispielsweise die Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft heute von jener einer Frau vor 100 Jahren oder in einem Entwicklungsland. Vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften dient Gender als analytische Kategorie.

Kritiker befürchten politische Interessen

Gesellschaftlich gewinnt der Begriff zunehmend an Bedeutung, wenn es darum geht, die Frauenperspektive in bisher männlich geprägte Bereiche einzubringen. Zentral ist hier das Konzept des "Gender Mainstreaming". Während eine exakte Wiedergabe im Deutschen schwierig ist – versuchsweise spricht man von "geschlechtersensibler Folgenabschätzung" oder "Gleichstellungspolitik" –, geht es inhaltlich darum, eine bestimmte Thematik in den "Hauptstrom" der Politik zu bringen (Englisch: "Mainstream"). Ziel dessen ist die Gleichstellung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen. Nach der Definition der Vereinten Nationen bedeutet Gender Mainstreaming, bei jeder staatlichen Aktion grundsätzlich auch die geschlechtsspezifischen Folgen abzuschätzen und zu bewerten.

Das Konzept ist stark umstritten: Kritiker vermuten hinter der Maßnahme ökonomische Interessen, die letztendlich zum Ziel haben, möglichst viele Frauen in die Erwerbstätigkeit zu bringen. Andere – vor allem kirchliche – Stimmen befürchten sogar eine politisch verordnete Revolution des bisher christlich geprägten Menschenbildes – so auch der Theologe Manfred Spieker,  emeritierter Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück. Seiner Meinung nach gibt es eine "tiefe Kluft zwischen Gleichstellung und Gender", da Gender-Studien die Vorgaben der Natur nicht akzeptierten, die aber Voraussetzung jeder Gleichberechtigung seien.

Manfred Spieker
Manfred Spieker ist emeritierter Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück. Sein neuestes Buch heißt "Gender-Mainstreaming in Deutschland. Konsequenzen für Staat, Gesellschaft und Kirchen".  Manfred Spieker

"Die Gleichstellung der beiden Geschlechter ist ein Erfordernis, das sich bereits im Neuen Testament findet und das zudem im Grundgesetz verankert ist", sagt Spieker. Schon Papst Johannes Paul II. habe in seinem Apostolischen Schreiben "Familiaris consortio" ("Über die Aufgaben der christlichen Familie") von 1981 gefordert, der Frau den gleichen Zugang zum öffentlichen Leben – in Politik und Gesellschaft – zu ermöglichen wie den Männern. In dem Schreiben heißt es, es sei gesellschaftlich und kulturell weit verbreitet, der Frau nur die Aufgaben der Ehefrau und Mutter zuzuordnen, doch die gleiche Würde beider Geschlechter rechtfertige den Zugang der Frau zu öffentlichen Aufgaben. Gleichzeitig müsse aber auch die mütterliche Aufgabe klare Anerkennung finden. Diesem bereits vorgetragenen Anliegen fügten Gender-Konzepte nichts hinzu, erklärt Spieker.

Kritik von deutschen Bischöfen

Auch in der Katholischen Kirche in Deutschland bietet das Thema Gender Anlass zu Diskussion. So sorgte der Flyer "Geschlechtersensibel: Gender katholisch gelesen" der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) im Oktober vergangenen Jahres für Wirbel. Einige Bischöfe meldeten sich daraufhin zu Wort: Heinz Josef Algermissen (Fulda), Rudolf Voderholzer (Regensburg) und Stefan Oster (Passau) kritisierten das Faltblatt scharf. Voderholzer bezeichnete die Annahme, Gender Mainstreaming führe zu mehr Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern als "naiv und irreführend". Denn es gehe Gender letztendlich um die Infragestellung der Heterosexualität als das Normale und Schöpfungsgemäße. Er bemängelte außerdem, dass der Flyer die christliche Familie ausklammere. Bischof Oster hatte sich schon früher zur Gender-Thematik geäußert. "Ich bin Mann oder Frau (Sex) und entfalte in dem mir geschenkten Spielraum meine Zugehörigkeit zu diesem Geschlecht und in dieser Gesellschaft auf verschiedene Weise (Gender)", schrieb er auf seiner Bistumsseite. Dabei sei es durchaus möglich, überkommenes Rollenverhalten abzulegen oder in einem gewissen Rahmen neu zu definieren. Der menschliche Leib dürfe aber nicht zur freien Verfügungsmasse der individuellen Empfindungen gemacht werden.

Linktipp: "Leib und Geist nicht trennen"

Im Interview erläutert der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke die Aktualität der Theologie des Leibes von Papst Johannes Paul II. Dieser ganzheitliche Ansatz könnte die katholische Kirche in die Lage versetzen, mit Zeitgenossen "ohne sauertöpfische Miene und moralischen Zeigefinger" über Fragen des Zusammenlebens ins Gespräch zu kommen, findet der Bischof.

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Etwas anders sieht das der Theologe Gerhard Marschütz: "Die Kirche hat ein zu biologisch geprägtes Menschenbild", bemängelt der Professor für Theologische Ethik an der Universität Wien. Insbesondere die Person der Frau werde stark über die Biologie definiert. Als Beispiel nennt Marschütz das Apostolische Schreiben "Mulieris dignitatem"von Papst Johannes Paul II., in dem es anlässlich des marianischen Jahres 1987/1988 um Würde und Berufung der Frau ging. Die Würde der Frau sei eng verbunden mit der Liebe, die sie gerade in ihrer Fraulichkeit empfange, und ebenso mit der Liebe, die sie ihrerseits schenke, ist beispielsweise in dem Dokument zu lesen.

Marschütz: Was ist die Natur?

Was jedoch die Natur des Menschen ist – diese Frage sei eben nicht einfach zu beantworten, sagt Marschütz. "Lange Zeit war man überzeugt, die Frau würde gar nicht zur Entstehung neuen Lebens beitragen. Dies wurde unter anderem durch die Zeugungstheorie des Aristoteles begründet", erläutert er. So hätten die Kirche und eine patriarchalisch dominierte Gesellschaft die Frau über Jahrhunderte hinweg aufgrund einer behaupteten niedrigeren weiblichen Natur abgewertet. Der Ethiker wünscht sich deswegen, dass die Theologie sich mehr mit den Gender-Theorien auseinandersetzt. In diesem Fall könnte sich der Vorbehalt der Kirche gegenüber Gender als haltlos erweisen, ist er überzeugt.

An zwei Gesichtspunkten führt Marschütz aus, was eine solche theologische Anerkennung für die kirchliche Lehre bedeuten würde. Zunächst müsste das seiner Meinung nach in der Kirche vorherrschende Bild der Frau revidiert werden. "Viele Frauen fühlen sich unverstanden, weil sie der Vorstellung der liebenden Hausfrau und Mutter nicht entsprechen", ist er überzeugt. Deshalb sei es nötig, die der Frau zugeschriebenen Wesenszüge zu überdenken und gegebenenfalls neu zu formulieren. In diesem Zusammenhang sollten vor allem die "gemeinsame Verantwortung der Partner" und die Möglichkeit der "Erwerbstätigkeit der Frau" deutlich stärker betont werden, als dies bisher der Fall gewesen sei, so der Sozialwissenschaftler.

Gerhard Marschütz
Gerhard Marschütz ist Professor für Theologische Ethik an der Universität Wien. Er fordert ein Umdenken in der Kirche.  KNA

Die zweite Konsequenz aus einem kirchlichen Umdenken wäre nach Marschütz noch gravierender: Im Mittelpunkt stünde das Thema Geschlechtsidentität. Die Kirche müsste sich im Falle einer Akzeptanz von Gender-Studien neu mit Homo-, Inter- und Transsexualität auseinandersetzen, die bislang nach kirchlicher Lehre nicht in die von Gott gewollte Ordnung hineinpassten. "Dabei geht es nicht um Beliebigkeit und freie Geschlechtswahl, sondern lediglich um eine Anerkennung des anderen um seiner selbst willen", sagt der theologische Ethiker. Auch eine "Auflösung des Biologischen" sei damit nicht angestrebt, zumal etwa Homosexualität – neben anderen Faktoren – auch auf eine biologische Veranlagung zurückzuführen sei.

Spieker: Gender akzeptiert göttliche Ordnung nicht

Der Sozialwissenschaftler Spieker sieht aber gerade diese langfristigen Ziele der Gender-Theorien – Revision und Neubewertung von Homo-, Inter- und Transsexualität – skeptisch. Gegen eine "Sexualpädagogik der Vielfalt", wie sie beispielsweise von der Soziologin Elisabeth Tuider und dem Sexualpädagogen Uwe Sielert vertreten wird, setzt er wie Bischof Voderholzer das Bild der christlichen Familie mit Vater, Mutter und gegebenenfalls Kindern. "Entscheidend sind Einheit, Ausschließlichkeit und Offenheit der ehelichen Verbindung für neues Leben", erklärt er. Gerade Letzteres sei aber bei nicht-heterosexuellen Beziehungen nicht gegeben. "Denn Sexualität und Weitergabe des Lebens stehen in einem inneren Zusammenhang und dürfen nicht getrennt werden", betont der Theologe.

In gewissem Sinn bilde Gender den Gegenpart des Naturrechtes, das von einer mit der menschlichen Vernunft erkennbaren göttlichen Ordnung der Welt ausgehe, so Spieker weiter. Das Hauptproblem sieht er dann, "wenn der Mensch durch eigene Willensentscheidung seine sexuelle Orientierung bestimmt, die eigene Erkenntnis also über das Sein entscheidet". Gender bedeutet nach Spieker plakativ ausgedrückt: "Ich akzeptiere keine Vorgaben des Schöpfers." Deshalb warnt er eindringlich vor jeglichen Gender-Theorien. Gleichzeitig ist es ihm ein Anliegen, dass die Ablehnung homosexueller Handlungen nicht zur Diskriminierung nicht-heterosexuell empfindender Menschen führt.

Themenseite Laudato si

Am 18. Juni 2015 wurde die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus veröffentlicht. Sie beschäftigt sich vorrangig mit ökologischen Fragen. Katholisch.de hat alles Wichtige rund um das Schreiben zusammengestellt.

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Mit dieser Position liegt Spieker auf einer Linie mit Papst Franziskus. Der Papst nutzte verschiedene Anlässe, um Gender-Theorien zu kritisieren – sogar in seiner oft zitierten Enzyklika "Laudato si'" findet sich ein Kapitel zum Thema. Das Akzeptieren des eigenen Körpers als Gabe Gottes sei notwendig, um die ganze Welt als Geschenk des himmlischen Vaters zu akzeptieren, schreibt er dort. Eine Logik der Herrschaft über den eigenen Körper dagegen wandele sich in eine manchmal subtile Logik der Herrschaft über die Schöpfung. Und nicht nur das: "Ebenso ist die Wertschätzung des eigenen Körpers in seiner Weiblichkeit oder Männlichkeit notwendig, um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkennen", so Franziskus weiter.

Zwei Denksysteme treffen aufeinander

Letztlich treffen in der Diskussion um Gender zwei Denksysteme aufeinander: Ein eher naturrechtlich geprägtes Weltbild und ein eher sozial sowie kulturell argumentierendes Denken. Im ersten wird die Biologie stärker betont und von einer vom Schöpfer vorgegebenen Ordnung der Dinge ausgegangen. Bei den Gender-Theorien rückt mehr die individuelle, subjektive Wahrnehmung in den Mittelpunkt, eine etwaige Norm soll sich nach ihr ausrichten. Viele kirchliche Stimmen akzeptieren die Unterscheidung von Sex und Gender, solange es darum geht, sozial und kulturell bestimmte Rollenmuster und geschlechtlich geprägte Perspektiven auf die Welt bewusstzumachen. Die kirchliche Kritik setzt insbesondere dann ein, wenn es darum geht, ein neues Menschenbild oder eine Revision von Homo-, Inter- und Transsexualität zu propagieren, weil die nach christlicher Vorstellung von Gott vorgegebene Ordnung angetastet und infrage gestellt wird.

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Von Julia-Maria Lauer

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