Theologin kritisiert Umdeutung des Gender-Begriffs

Der Vatikan habe den Gender-Begriff zu einer angeblichen Ideologie umgedeutet, beklagt die Theologin Doris Strahm. Außerm kritisiert sie eine "gefährliche Allianz" von Christen und Rechtspopulisten.

Gender | Wien - 08.11.2017

Die feministische Theologin Doris Strahm fordert von säkularen Feministinnen, dass sie die Vereinbarkeit von Frauenrechten und Religion anerkennen. Diese Frauen sollten sich "der Erkenntnis öffnen, dass Religion nicht per se gleichzusetzen ist mit Fundamentalismus, Frauendiskriminierung und Unaufgeklärtheit", schreibt die Schweizerin am Mittwoch in dem theologischen Feuilleton-Blog feinschwarz.net. Es brauche gemeinsame Strategien und Allianzen zwischen säkularen und religiösen Feministinnen, um Frauenrechte "vor Fundamentalismen jeder Couleur" zu schützen.

Weltweit seien in allen Religionsgemeinschaften ultrakonservative und fundamentalistische Bewegungen auf dem Vormarsch, bemerkt Strahm in dem Beitrag "Ist Religion schlecht für Frauen?". In Europa versuche zudem "eine gefährliche Allianz von christlich-konservativen, fundamentalistischen und rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Kreisen" eine konservative Geschlechterordnung und ihre eigene Vorstellung von christlichen Werten politisch durchzusetzen.

Die Theologin beklagt eine Umdeutung des Begriffs "Gender" durch diese Gruppierungen und auch durch die katholische Kirche. Das Wort aus den Dokumenten der UN-Weltfrauenkonferenzen, das die sozial erworbenen und kulturell geprägten Geschlechterrollen meine, werde vom Vatikan zu einer "Gender-Ideologie" umgedeutet, so Strahm. Es werde unterstellt, Gender propagiere die völlige Abschaffung der Unterschiede zwischen Mann und Frau, sodass der Mensch letztlich selbst bestimmen könne, welches Geschlecht er annehmen wolle. Selbst Papst Franziskus teile diese Position, fügt sie mit Blick auf den Abschnitt 56 in seinem Lehrschreiben "Amoris Laetitia" hinzu.

Vor dem Hintergrund, dass Religion weltweit gesehen für die Mehrheit der Menschen eine große Bedeutung hat, fordert Strahm, Fundamentalisten nicht die Deutungshoheit über die christliche Religion und christliche Werte zu überlassen. Der "Impuls zur Gleichstellung" sei in der christlichen Religion als Grundintention angelegt. Religiös begründete Ansprüche auf die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen hätten auch viele emanzipatorische Bewegungen inspiriert.

Strahm studierte Ende der 1970er Jahre Evangelische und Katholische Theologie und promovierte 1996 bei dem Dominikaner Johannes Brantschen an der Universität Fribourg zum Thema "Christologie aus der Sicht von Frauen aus Asien, Afrika und Lateinamerika". Sie ist Mitgründerin des "Interreligiösen Think-Tank", der sich in die Religionsdebatten in der Schweiz einmischt, und der feministisch-theologischen Zeitschrift Fama. (luk)

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