"Türkischer Nationalismus statt Integration"

Der Islamverband Ditib setzte türkischstämmige Bundestagsabgeordnete, die für die Armenien-Resolution gestimmt hatten, unter Druck. Türkei-Experte Ghadban kritisiert dies und spricht von einer Naivität der deutschen Politik.

Politik | Berlin - 15.06.2016

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz Ditib, ist der größte Islamverband in Deutschland. Im Streit um die Armenier-Resolution des Bundestags machte die vom türkischen Religionsministerium finanzierte und gelenkte Organisation massiv Front gegen türkischstämmige Abgeordnete, die dafür gestimmt hatten. Im Interview spricht der Berliner Islamwissenschaftler und Türkei-Experte Ralph Ghadban über Ziele und Islamverständnis der Ditib - und von einer Naivität der deutschen Politik.

Frage: Herr Ghadban, die Ditib setzt Bundestagsabgeordnete wegen einer demokratischen Gewissensentscheidung unter Druck und ist zugleich unter den islamischen Verbänden der wichtigste Ansprechpartner für die deutsche Politik. Wie passt das zusammen?

Ghadban: Überhaupt nicht. Ditib geht es nicht um die Belange der deutschen Einwanderergesellschaft, sondern sie erfüllt als verlängerter Arm der türkischen Regierung deren Pläne für die Türken in Deutschland. Das heißt, Ditib steht für türkischen Nationalismus statt Integration. Unter dem Regiment Erdogan gilt diese Marschrichtung mehr denn je. Ziel ist, dass die Migranten ihre Loyalität gegenüber Ankara über die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft stellen. Deshalb diese wütenden Reaktionen gegen die türkischstämmigen Abgeordneten.

Frage: Allerdings unterstehen Ditib rund 900 Moscheevereine - daran kommt keine deutsche Regierung vorbei.

Ghadban: Sicher nicht, aber erst recht müsste die Politik auf das dort vermittelte Islamverständnis Einfluss nehmen. Dieser Islam ist in den vergangenen Jahren immer konservativer geworden. Im Vordergrund steht die Abgrenzung von westlich-individualistischen Werten. Die Imame kommen für ein paar Jahre aus der Türkei, sprechen kaum Deutsch und haben kein Verständnis für die hiesige Lebenswelt. Die predigen einen Scharia-Islam mit einer starken türkisch-nationalistischen Note. Inzwischen pflegt Ditib sogar Kontakte zur islamistischen Milli Görüs, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Ich begreife nicht, warum unsere Politiker die Ditib geradezu unterwürfig als Partner aufgebaut haben. Aus meiner Sicht steht die Organisation nur sehr oberflächlich auf dem Boden des Grundgesetzes.

"Der Islam in Deutschland ist in den vergangenen Jahren immer konservativer geworden. Im Vordergrund steht die Abgrenzung von westlich-individualistischen Werten", kritisiert Türkei-Experte Ralf Ghadban.
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Frage: Kann die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten ein Gegengewicht sein?

Ghadban: Ditib hat diesen Weg immer bekämpft, weil er ihrem Auftrag zuwiderläuft, den türkischen Staats-Islam in Deutschland zu installieren. Die Entsendung von Imamen aus der Türkei ist ein fester Bestandteil dieser Strategie. Deshalb glaube ich nicht, dass Ditib sich für Imame öffnen wird, die unter deutscher Aufsicht ausgebildet wurden. Im Gegenteil: Jetzt wo die Türkei die Flüchtlingspolitik als Achillessehne und Druckmittel ihrer Deutschlandpolitik entdeckt hat, wird Ankara der Ditib die Instruktion geben, noch selbstbewusster aufzutreten. Das zeigen ja auch die Beispiele nach der Armenien-Resolution.

Frage: Warum sorgt dieses Thema bei Türken eigentlich noch für solche Empörung? Die Massaker liegen 100 Jahre zurück, die Frage nach Entschädigungen spielt keine große Rolle mehr. Außerdem verstand sich die türkische Republik immer als Gegenentwurf zum Osmanischen Reich, in dessen Namen die Verbrechen damals geschahen.

Ghadban: Zum einen ist die Aufarbeitung dunkler Kapitel der Geschichte islamischen Gesellschaften per se fremd, sie ist ein europäisches Phänomen. Im Orient erregen Sie damit eher Misstrauen. Verschwörungstheorien sind da nicht weit weg und wurden von Erdogan ja auch prompt bemüht. Zugleich sind die Armeniermorde in der türkischen Bevölkerung viel präsenter, als die Führung das wahrhaben möchte. Viele Türken kennen noch die Berichte ihrer Eltern und Großeltern über die Geschehnisse von 1915/16. Dieses böse Erbe ist im kollektiven Bewusstsein sehr wohl lebendig - und führt dann erst recht zu Abwehrreaktionen. Drittens will Erdogan das imperiale Erbe der Türken wiederbeleben. Das Osmanische Reich soll da als Vorbild und Beweis für die Größe des Türkentums stehen - nicht als Massenmörder. Entsprechend häuften sich gerade nach der Armenier-Resolution in den Ditib-Moscheen auch Predigten, in denen die Imame das edle türkische Volk als eine Art Gipfel der Menschheit rühmten.

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Von Christoph Schmidt (KNA)

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