"Was ist das da in der Mitte?"

Nur Sanierung oder doch komplette Neugestaltung? Die Debatte um die Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin wird seit fast drei Jahren emotional geführt. Doch die Besucher der Kathedrale bekommen davon wenig mit. Ein Ortsbesuch.

Architektur | Berlin - 14.04.2016

Hinter der schweren Tür der St. Hedwigs-Kathedrale im Berliner Zentrum beginnt eine andere Welt. Hier ist es ruhig, kühl; hier erfährt die hauptstädtische Geschäftigkeit einen abrupten Stillstand. Fahles Tageslicht fällt durch die Fenster, darüber tut sich die Kuppel auf, dunkel und schwer macht sie den bewundernden Blick zur Pflichtübung für jeden Besucher.

Dann die Öffnung in der Mitte der Kathedrale: Eine Treppe führt hinunter in die Unterkirche, direkt auf den Tabernakel zu, dessen Gold im warmen Licht der Lampen glänzt. Hinter ihm schwarzer Stein, eine breite Säule, die nach oben hin zum Altar wird; wie eine Achse bestimmt sie das Rund der Kirche. Über dem Tabernakel schaut prüfend eine Statue des Heiligen Petrus auf alle herab.

Zwei Frauen in Jeans und Funktionsjacke betreten die Kirche, Kamera und Stadtplan weisen sie als Touristen aus. Unter der Orgel, gleich vor der Treppe in die Unterkirche, bleiben sie stehen und blicken sich um. "Ist das eine evangelische oder eine katholische Kirche?" "Eine Katholische." "Echt? Die ist so schlicht." Dann nehmen die Frauen den Tabernakel in den Blick. "Was ist das denn für ein Schrein? Na, lass uns den mal angucken!" Sie steigen die Treppen hinunter. Dann ist es wieder ruhig.

Die Hedwigskathedrale in Berlin.
Altar und Tabernakel in der Hedwigskathedrale sind miteinander verbunden.
 BildPix.de/Fotolia.com

Nichts hier deutet auf die Debatte hin, der seit fast drei Jahren um die Kathedrale wogt: 2013 hatte der damalige Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki einen Architektenwettbewerb ausgerufen. Anlass war zum einen die notwendige Sanierung des Sakralbaus, zum anderen die unliebsam gewordene Öffnung zur Unterkirche. "Am Altar habe ich das große Loch vor mir", klagte Kardinal Woelki. "Und die Gottesdienstgemeinde ist links und rechts in zwei Lager geteilt." So könne man nicht die liturgische Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils umsetzen, nach der sich die Gläubigen um den Altar versammeln. Die Öffnung hatte der Architekt Hans Schwippert (1899-1973) beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg eingefügt, der Siegerentwurf der Architekten Sichau und Walter und des Künstlers Leo Zogmayer für die Neugestaltung sieht eine Schließung vor. Außerdem sollen die Bänke in Kreisform um einen runden Altar in der Mitte herum arrangiert werden. Kostenpunkt: Etwa 43 Millionen Euro für Sanierung und Umbau.

Das brachte viele Menschen gegen die Pläne auf. Die "Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale" lehnen den Umbau ab. Die Kathedrale in derzeitiger Form sei ein "herausragendes Denkmal der liturgischen Bewegung", in der schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil dessen grundlegender Gedanke Form gewonnen habe – nämlich dass sich die Gemeinde um den Altar versammelt. Daran hindere auch die Bodenöffnung nicht; die Kathedrale entspreche in allen Punkten den geltenden liturgischen Auffassungen. Der neue Entwurf sei jedoch ein "weißer, von sinnlicher Erfahrbarkeit entleerter Kuppelsaal mit Stuhlkreis", in dem auch Sportveranstaltungen stattfinden könnten, aber keine repräsentative Kathedrale. Der Initiativkreis kritisiert außerdem die hohen Kosten der Umgestaltung und befürchtet eine Kostenexplosion. Er kalkuliert, dass eine reine Sanierung der Kathedrale nur rund 4 Millionen Euro kosten würde.

Das Modell der Neugestaltung der Hedwigskathedrale Berlin.
Der Siegerentwurf für die Neugestaltung des Innenraums der Hedwigkathedrale.
 katholisch.de

Es gab offene Briefe, Diskussionen und Vorträge, viele Medienberichte – und einen Bischofswechsel: Auf Kardinal Woelki, der ins Erzbistum Köln berufen wurde, folgte Erzbischof Heiner Koch. Er versuchte, sich einen Eindruck der Stimmungslage in der emotional geführten Debatte zu machen: "Es ist mir wichtig, Verständnis für die unterschiedlichen Positionen zu gewinnen und die unterschiedlichen Standpunkte wertschätzen zu lernen", lies er in einer Pressemitteilung des Erzbistums im August 2015 verlauten. Bis zum Sommer 2016 will er einen grundsätzlichen Entschluss fällen, danach soll ein Finanzierungsplan aufgestellt werden. Er rechnet mit Unterstützung unter anderem von Bund, Land und anderen deutschen Bistümern, auch "betteln gehen" werde er für seine Entscheidung. Keinesfalls solle das bestehende Engagement des Erzbistums für Bedürftige durch das Bauvorhaben eingeschränkt oder reduziert werden. Eine Grundlage für den Entschluss des Erzbischofs gibt es schon: Der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin stimmte im Februar mit 46 zu 13 Stimmen für den Umbau.

Aus der Unterkirche kommen nun zwei Männer. Unten noch hatten sie, das war an ihren ausladenden Gesten gut zu erkennen, über die Raumaufteilung und die Gestaltung des Altars diskutiert. Besonders die Kapelle, in der Dompropst Bernhard Lichtenberg begraben ist, hatte sie offenbar fasziniert, jedenfalls verbrachten sie einige Zeit am Grab des seliggesprochenen Hitler-Gegners. Nun steigen sie schweigend die Stufen hoch. "Interessante Kirche", sagt der eine plötzlich. Der andere nickt.

Rechts der Tür, auf dem Weg zur Nische, in der die Marienfigur steht, ist ein schlichtes Modell der Kathedrale ausgestellt: Hier lässt sich der Siegerentwurf für die Neugestaltung von allen Seiten betrachten. Nicht viele Besucher zieht es hierher, die meisten gehen sofort weiter, um vor Maria eine Kerze anzuzünden. Ein älteres Paar jedoch betrachtet eingehend die terrakottafarbene Miniatur mit den schlichten Stuhlreihen auf weißem Boden; in der Mitte ein runder, weißer Altar. Immer wieder wendet sich der Mann von Modell zum Kirchenraum. "Na, das soll mal einer verstehen!", bricht es schließlich in Berlinerisch aus ihm heraus. "Das ändert ja die ganze Geometrie!" Die Frau nickt, zeigt auf den Modellaltar und fragt: "Und was ist das da in der Mitte?"

Von Johanna Heckeley

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