"Wenn etwas möglich ist, dann der Diakonat der Frau"

Warum braucht es einen "Tag der Diakonin"? Wie lässt sich der Diakonat der Frau begründen? Und wie weit ist die Kirche von der Einführung entfernt? Katholisch.de sprach mit dem Pastoraltheologen Martin Lörsch.

Theologie | Bonn/Bochum - 29.04.2018

"Die Zeit zum Handeln ist jetzt!" lautet das Motto, unter dem heute der bundesweite "Tag der Diakonin" begangen wird. Seit 1998 findet er traditionell am 29. April statt. Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), das Netzwerk Diakonat der Frau und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) laden in diesem Jahr zur zentralen Veranstaltung nach Bochum ein. Dort spricht unter anderen der Trierer Priester und Pastoraltheologe Martin Lörsch, der für die Einführung des Diakonats der Frau eintritt. Ein Interview.

Frage: Professor Lörsch, warum braucht es einen "Tag der Diakonin", also einen Aktionstag für ein Amt, das es in der katholischen Kirche nicht gibt?

Martin Lörsch: Es ist eine Initiative des Netzwerks "Diakonat der Frau", der katholischen Frauenverbände und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, um an einem Tag im Jahr dieses Thema und den Beschluss dazu der Würzburger Synode in Erinnerung zu halten. Diese hatte sich 1975 für den Diakonat der Frau ausgesprochen. Seit mehr als 20 Jahren gibt es den Tag, der an den Gedenktag der Kirchenlehrerin Katharina von Siena geknüpft ist.

Frage: Und was halten Sie persönlich von diesem Aktionstag?

Lörsch: Ich glaube, dass es gut ist, sich immer wieder der Thematik zu vergewissern und sich zu treffen – es gibt eine zentrale Begegnung wie dieses Jahr in Bochum und einzelne Veranstaltungen in den Bistümern, Dekanaten und Gemeinden. Der "Tag der Diakonin" ist ein festes Datum, an dem sich die Befürworter jedes Jahr neu fragen, wie es um ihre Forderung steht und welche Herausforderungen sich neu stellen. Es ist ein eine Art Gedenktag der Vergewisserung: "Sind wir noch auf dem richtigen Kurs?", "Was sind die Begründungslinien für ein Diakonat der Frau?" und "Welche Impulse kann ich mitnehmen?"

Frage: Der Papst hat vor zwei Jahren eine Studienkommission eingesetzt, die sich mit der Frage beschäftigt. Nimmt man mit so einem Tag nicht die Entscheidung der Kirche vorweg?

Lörsch: Im Gegenteil: Wenn Papst Franziskus das durch eine internationale Forschergruppe bearbeitet, dann hoffe ich, dass die Ergebnisse sich gut synchronisieren lassen mit den Ergebnissen der Initiativen, die es hierzulande schon gibt. Aber es ist natürlich eine offene Frage, wie die Ergebnisse der Kommission ausfallen werden und welche Konsequenzen der Papst daraufhin ziehen wird.

Frage: Warum sind Sie aus pastoraltheologischer Sicht für weibliche Diakone?

Lörsch: Ich stehe ein für einen Perspektivwechsel hin zu einer diakonisch-missionarischen Kirchenentwicklung. Dieser Wechsel wurde unter anderem als eines der zentralen Ergebnisse der Trierer Diözesansynode formuliert und in das Dokument "heraus gerufen. Schritte in die Zukunft wagen" aufgenommen. Das hat mich motiviert, der Anfrage zur Mitwirkung am Tag der Diakonin zu folgen. Dort werde ich die Argumentationslinie unserer Bistumssynode aufgreifen. Diese ist stark von "Evangelii gaudium", der Regierungserklärung von Papst Franziskus aus dem Jahr 2013, inspiriert worden. Auch beim Theologen Peter Hünermann finden wir im Jahr 2002 bereits eine Begründungslinie für eine diakonische Kirche, die für weibliche Diakone die Türen öffnet.

Martin Lörsch ist seit 1979 Priester und seit 2010 Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät Trier.
 KNA

Frage: Wie lässt sich diese Forderung begründen?

Lörsch: Die Kirche erreicht mit ihrer Botschaft viele Gesellschaftsschichten nicht mehr, weil sie die Frauen in diesen Milieus nicht mehr erreicht. Vor allem Frauen, die unter einem schweren Schicksal leiden oder mit existentiellen Grenzerfahrungen wie Trauer, Angst, Armut und Einsamkeit konfrontiert sind, machen die Erfahrung, dass die Kirche sie nicht wahrnimmt oder in diesen Situationen und Orten sprachlos ist. Vor allem dort, wo wir als Kirche nicht mehr hinkommen oder uns nicht vermitteln können, könnte der Diakonat der Frau der Kirche neue Wege erschließen, könnte diese Zielgruppen und diese Orte erreichen. Frauen, die diese Arbeit in einer Caritas-Sozialstation, im Hospiz oder in einer Tafel bereits tun, könnten als Diakoninnen deutlicher als bisher als Zeuginnen für die frohe Botschaft wahrgenommen werden, als Vertreterin der Kirche und nicht nur als Vertreterin eines Sozialdienstleisters auf dem caritativen Markt.

Frage: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Lörsch: Ich denke da an eine Krankenschwester der Caritas-Sozialstation, die eine sterbende Frau begleitet und sie drei- oder viermal am Tag besucht. Sie kommt ja nicht nur, um die Kranke zu pflegen und ihr Schmerzmittel zu geben. Sie hört auch auf die Themen der Sterbenden und die Ängste ihres Ehemannes. Soweit es ihr möglich ist, wird sie beide begleiten. Meist erleben die Menschen diesen Dienst als Teil des Pflegedienstes, der abgerechnet wird, und nicht als das Zeugnis des christlichen Glaubens oder als diakonische Nachfolge Christi. Als Diakonin könnte die Krankenschwester die Repräsentanz Christi als Diakon sichtbar machen und in dieser konkreten Situation zeichenhaft verdeutlichen. Ich bin überzeugt, dass es Frauen wie diese Krankenschwester gibt, die bereit sind, ihr pflegerisches Aufgabenfeld auf den seelsorgerlichen Dienst hin zu erweitern. Voraussetzung dazu wären eine klare Profilierung, Anerkennung, eine kirchliche Beauftragung und Vergütung für die nicht abrechnungsfähigen Stunden. So würde auch noch deutlicher erkennbar, dass die Caritas ein unverzichtbarer Teil und Grundvollzug der Kirche ist. Das Frauendiakonat könnte dazu beitragen, die Zeit wohlfeiler Formulierungen und Forderungen hinter uns zu lassen und einen Beitrag zum Handeln zu leisten.

Frage: Sehen sie die Kirche aktuell auf dem Weg zu so einer diakonischen Kirchenentwicklung?

Lörsch: Es gibt Kräfte in der katholischen Kirche in Deutschland, die das vorantreiben. Ich sehe ein großes Engagement dazu bei Bischof Franz-Josef Bode, dem Vorsitzenden der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Auch bei uns im Bistum Trier nehme ich wahr, dass bei der Umsetzung der Synode dieser Weg konsequent verfolgt wird. Vor einigen Wochen ist die Erkundungsphase gestartet worden. Bei den Erkundungsteams, die in zu Dritt die 35 "Pfarreien der Zukunft" aufgebrochen sind, ist immer eine Person dabei, die die diakonische Perspektive einbringt.

Frage: Was sagen Sie zu den Einwänden anderer theologischer Disziplinen gegen den Diakonat der Frau?

Lörsch: Es gibt ein wichtiges Argument, das Kardinal Gerhard Ludwig Müller eingebracht hat: Er betont, dass die Einheit des dreigliedrigen Ordos nicht aufgesprengt werden soll, also die Einheit der Weihe zu Diakonen, Priestern und Bischöfen. Allerdings hat Papst Benedikt XVI. bereits 2009 mit seinem Motu proprio "Omnium in mentem" eine Ausdifferenzierung der Dreigliedrigkeit des Amtes vorgenommen, nach der die Priester und Bischöfe durch ihre Weihe "die Sendung und die Vollmacht, in der Person Christi, des Hauptes, zu handeln" erhalten. Diakone sollen dagegen "dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebe dienen" (c. 1009 §3 CIC). Der Erlass von Benedikt XVI. hat die Diskussion um das Frauendiakonat neu belebt. Jetzt steht die Frage im Raum: Hat der neu eingefügte Paragraf im Kirchenrecht die Tür zum Frauendiakonat geöffnet? In dieser Diskussionslinie geht es nicht darum, durch die Hintertür das Frauenpriestertum einzuführen. Vielmehr hat sich die Kirche auf neue Notwendigkeiten einzustellen, wie etwa die Frage der diakonischen Seelsorge von, mit und an Frauen.

Frage: Wie sehen Sie generell die Rolle des (Männer-)Diakonats aktuell innerhalb der Kirche? Von einigen hört man, dass sie mit ihrer Rolle unzufrieden sind und sich abgewertet fühlen…

Lörsch: Ich selber bin mit drei Ständigen Diakonen zum Diakon geweiht worden, bevor ich Priester wurde. Seit 40 Jahren verfolge ich die Wege, die sie mit ihren Ehefrauen gehen und die Erfahrungen, die sie in ihrem Amt machen. Wie bei Priestern und Bischöfen gibt es auch bei Diakonen dieselbe Bandbreite an Meinungen zum Diakonat der Frau – von großer Offenheit bis hin zu Ängsten und zur Ablehnung. Wie auch bei uns Priestern muss man bei den Diakonen auf die Beweggründe von jedem einzelnen schauen: Es gab und gibt sicherlich eine Gruppe von Ständigen Diakonen, die eigentlich Priester werden wollten. Bei ihnen besteht die Gefahr, sich auf diese Sehnsuchtsrolle zu fixieren. Im Laufe meiner Berufstätigkeit habe ich aber viele Diakone kennengelernt, die diakonischen Weg bewusst gewählt haben. Mehrheitlich sind diese auch nach vielen Jahren mit ihrer Entscheidung zufrieden. Als Voraussetzung für ein gutes Klima für die Ämter und Dienste benötigen wir die Kultur einer geschwisterlichen Kirche, die kein oben und unten, mehr oder weniger kennt, sondern die das Miteinander und Füreinander im kirchlichen Dienst fördert. Angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen, werden wir nur in einer geschwisterlichen Kirche gut vorankommen und bestehen.

Frage: Glauben Sie, dass der Diakonat der Frau kommt, und wenn ja, wann?

Lörsch: Wenn die Kommission in Rom zu einem positiven Ergebnis bezüglich des Frauendiakonats käme und der Papst sich dem anschließt, dann kann ich mir folgendes Szenario vorstellen: Man könnte es ad experimentum in einigen Ortskirchen erlauben. Danach könnte das notwendige kirchenrechtliche Verfahren bis zur Approbation der liturgischen Texte eröffnet werden und in zehn Jahren abgeschlossen sein. Dabei muss mitbedacht werden, dass auch diese Veränderung Widerstand auslösen und der Papst vorsichtig vorgehen wird. Eine solche Änderung wie die Einführung des Frauendiakonats benötigt zudem große Sorgfalt bezüglich Qualität in der Auswahl, Vorbereitung und Ausbildung der Kandidatinnen. Dazu liegen bereits große Kompetenzen und Erfahrungen vor. Generell denke ich: Wenn etwas im Bereich der kirchlichen Ämter für Frauen möglich ist, dann auf dem Feld des Frauendiakonats. Alles andere, wie etwa das Frauenpriestertum, ist gegenwärtig nicht denkbar und wurde von Papst Franziskus explizit ausgeschlossen. Für mich könnte die Zulassung von Diakoninnen ein starkes Signal für eine diakonische Kirche sein. Nicht zuletzt wäre es für viele Frauen, die nach der Würzburger Synode auf die Einführung des Diakonats der Frau gehofft haben, ein Zeichen der Versöhnung mit ihrer Kirche.

Von Agathe Lukassek

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