"Wir brauchen eine Trendwende"

Klimaforscher Ottmar Edenhofer, der einst dem Jesuitenorden angehörte, hält er sich derzeit in Paris auf, wo die Klimakonferenz tagt. Im Interview verrät er, wie der Gipfel zu einem Erfolg werden könnte und was die Umweltenzyklika des Papstes dazu beitragen kann.

Klimakonferenz | Paris - 02.12.2015

Ottmar Edenhofer (54) ist einer der profiliertesten Klimaforscher weltweit. Im Interview verrät der frühere Jesuit und heutige stellvertretende Direktor und Chefökonom am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), warum das Meditieren für ihn wichtig ist und wie die Pariser Weltklimakonferenz gelingen kann. Edenhofer, der auch Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) ist, hält sich derzeit in Paris auf.

Frage: Herr Professor Edenhofer, es heißt, Sie meditierten täglich eine Stunde. Hilft bei der Weltklimakonferenz nur noch beten?

Edenhofer: Es hilft nicht, die Konferenz zum Erfolg zu führen. Aber es kann helfen, dass ich diesen anstrengenden Marathon vernünftig durchhalte und trotz aller Schwierigkeiten und Verwerfungen eine gewisse Distanz zu den Dingen behalten kann. Wenn ich nicht meditieren würde, wäre ich sicherlich ein noch schlimmerer Mensch als ich eh schon bin (lacht).

Frage: Helfen Ihnen die Erfahrungen, die Sie bei den Jesuiten gesammelt haben?

Edenhofer: Mitbekommen habe ich dort, auch in schwierigen Situationen Ruhe zu bewahren. Von Oswald von Nell-Breuning, dem Begründer der katholischen Soziallehre, habe ich zudem das Bemühen um intellektuelle Redlichkeit gelernt. Gerade ein Wissenschaftler, der andere berät, muss auch die Argumente des Gegenübers bis in kleinste Verästelungen durchdenken und würdigen; das gilt auch, wenn der Gesprächspartner ein Gegner ist. Nur dann lassen sich tragfähige gemeinsame Lösungen finden.

Ottmar Edenhofer im Porträt
Ottmar Edenhofer ist stellvertretender Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
 KNA

Frage: Sie bewegen sich als Wissenschaftler immer wieder im Raum der Politik. Sind Sie da nicht manchmal verzweifelt?

Edenhofer: Den Zustand der Verzweiflung kenne ich nicht. Aber die Rollen sind sehr unterschiedlich. Als Wissenschaftler muss ich die Politiker nüchtern mit meinen Erkenntnissen konfrontieren und auch mal den Finger in die Wunde legen, wenn ihre Politik den wissenschaftlichen Sachstand aus dem Blick verliert. Das kann schon mal zu großem Ärger führen.

Frage: ...und die Politiker?

Edenhofer: Ein Politiker muss Mehrheiten für seine Positionen gewinnen. Und das ist im Fall des Klimaschutzes eine immense Herausforderung, wenn man sich überlegt, dass fossile Energieträger wie Öl und Kohle beispielsweise 2011 weltweit mit 550 Milliarden US-Dollar subventioniert wurden – hinzu kommen immense Gesundheitskosten, die durch die Schadstoffe verursacht werden. Im Durchschnitt subventionieren wir weltweit die Tonne CO2 mit 150 US-Dollar. Dieses ganze, seit Jahrzehnten eingefahrene System muss sich ändern. Und das kostet enorme Kraft.

Frage: Papst Franziskus hat Ozeane und Atmosphäre in seiner Enzyklika "Laudato si" als Gemeinschaftsgüter definiert. Kann dieser Denkansatz zum Erfolg führen?

Edenhofer: Die Auffassung setzt sich immer stärker durch. Aber die Staatengemeinschaft hat sich noch immer nicht durchgerungen, die Atmosphäre als globales Gemeinschaftseigentum anzuerkennen, weil das sofort völkerrechtliche Konsequenzen hätte. Fest steht: Die Atmosphäre ist nur ein eng begrenzter Deponieraum. Die Übernutzung der reichen Länder hat dazu geführt, dass die Grenzen der Belastbarkeit erreicht sind. Der Papst sagt, dass die Nutzung dieser Gemeinschaftsgüter allen Menschen zusteht. Zugleich soll die Nutzung von Kohle, Öl und Gas einem Gebot der Fairness unterliegen, das wir auch "Sozialpflichtigkeit des Privateigentums" nennen. Diese fairen Zugangswege erforschen wir am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change. Effektive Klimapolitik muss verhindern, dass die Atmosphäre weiterhin nach dem Recht des Stärkeren genutzt wird.

Frage: Ist dafür Verzicht notwendig?

Edenhofer: Ich glaube nicht, dass wir allein durch eine Veränderung des Lebensstils weiterkommen. Wir brauchen vor allem bestmöglichen technischen Fortschritt beim Umgang mit Energie. Wenn eine Temperaturerhöhung von maximal zwei Grad Celsius nicht überschritten werden soll, müssten rund 70 Prozent der wirtschaftlich nutzbaren Kohle, 30 Prozent des Gases und 30 Prozent des Öls im Boden bleiben.

Frage: Mit welchem Gefühl gehen Sie in die Konferenz

Edenhofer: Es kommt nicht auf meine private Befindlichkeit an. Aber ich habe keinen übertriebenen Optimismus. Es könnte sein, dass etwas Sinnvolles dabei herauskommt. Aber die Zeit läuft uns davon.

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An den Klimagipfel in Paris sind hohe Erwartungen geknüpft. Weltkirche-Bischof Ludwig Schick spricht im Interview über den Zusammenhang von Flucht und Klimaschutz, seine Hoffnung für das Treffen und die Rolle des Papstes.

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Frage: Was wäre denn dieses Sinnvolle?

Edenhofer: Paris könnte der Einstieg in eine wirksame Klimapolitik werden. Ich hoffe, dass wir nach Paris zum Beispiel in der G-20 über eine Bepreisung von CO2 verhandeln. Wir brauchen dringend eine Trendwende. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren Rekordwerte bei den CO2-Emissionen.

Frage: Und warum sind Sie nur sehr bedingt optimistisch?

Edenhofer: Mit dem Weg über freiwillige Selbstverpflichtungen der Staaten lässt sich das Ziel nicht erreichen. Zum einen würden sie bedeuten, dass bis 2030 die Emissionen steigen werden. Und zum anderen setzen dieselben Staaten, die solche Selbstverpflichtungen angekündigt haben, auf den Ausbau von Kohlekraftwerken. Das passt einfach nicht zusammen. Weltweit werden im großen Stil solche Kraftwerke geplant. Die Kohle-Renaissance setzt sich in Asien fort, und selbst europäische Staaten wie die Türkei investieren in Kohlekraftwerke. Selbst wenn nur ein Drittel gebaut wird, würden wir schon zusätzlich 113 Gigatonnen CO2 emittieren. Die vorhandenen Kraftwerke stoßen schon 730 Gigatonnen aus. Zusammen ist damit das Kohlenstoffbudget von 1.000 Gigatonnen, das wir noch in der Atmosphäre deponieren können um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, schon fast aufgebraucht.

Frage: Was müsste dagegen geschehen?

Edenhofer: Ich erwarte, dass in einem Klimavertrag die Zwei-Grad-Begrenzung festgeschrieben wird. Und dann brauchen wir als zentralen Baustein einen globalen Mindestpreis für den CO2-Ausstoß. Kohle muss deutlich teurer werden. Die Einnahmen kann man dazu verwenden, zum Beispiel in Schwellen- und Entwicklungsländern in sauberes Trinkwasser oder in sauberen Strom zu investieren und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit dieser Wirtschaften zu erhöhen.

Frage: Wird es für Äthiopien und Indien den selben CO2-Preis geben wie für die USA und die Europäer?

Edenhofer: Der Mindestpreis soll für alle gelten. Aber es muss einen Ausgleich zwischen den Armen und Reichen geben. Dafür soll die Klimafinanzierung, zum Beispiel der Green Climate Fund, aufgebaut werden. Es gibt bisher aber noch keine konkreten Vorstellungen darüber, wer den beschlossenen Fonds mit welchen Summen füllen soll.

Linktipp: Enzyklika "Laudato si"

Am 18. Juni 2015 wurde die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus veröffentlicht. Sie beschäftigt sich vorrangig mit ökologischen Fragen. Katholisch.de hat alles Wichtige rund um das Schreiben zusammengestellt.

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Von Christoph Arens (KNA)

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