"Wir haben ein Problem der Entchristlichung"

Heribert Hirte ist Vorsitzender des Stephanuskreises im Bundestag. Im katholisch.de-Interview spricht er über die Herausforderungen durch muslimische Flüchtlinge und das religiöse Klima in Deutschland.

Politik | Berlin - 24.08.2017

Seit 2010 existiert innerhalb der Unions-Bundestagsfraktion der Stephanuskreis. Das überkonfessionelle Gesprächsforum, dem derzeit 87 Abgeordnete angehören, setzt sich für Religionsfreiheit und verfolgte Christen in aller Welt ein. Seit 2014 ist der Kölner Bundestagsabgeordnete Heribert Hirte Vorsitzender des Stephanuskreises. Im Interview mit katholisch.de zieht er zum Ende der Legislaturperiode eine Bilanz der Arbeit des Kreises in den vergangenen vier Jahren. Außerdem spricht Hirte über die Situation der Christen im Nahen und Mittleren Osten, Fragen im Umgang mit den mehrheitlich muslimischen Flüchtlingen in Deutschland und die Pläne für einen Regierungsbeauftragten für Religionsfreiheit.

Frage: Herr Hirte, der Stephanuskreis engagiert sich für Religionsfreiheit und verfolgte Christen in aller Welt, 2014 wurden Sie zum Vorsitzenden des Kreises gewählt. Wie fällt jetzt, zum Ende der Legislaturperiode des Parlaments, Ihre Bilanz aus?

Hirte: Ich denke, dass es uns gelungen ist, das wichtige Thema Religionsfreiheit durch den Stephanuskreis stärker in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Ich glaube, dass die Sensibilität für dieses Thema auch dank unserer Arbeit in dieser Legislaturperiode spürbar angestiegen ist. Wir müssen uns in Deutschland klar machen: Auch wenn die Religion hier bei uns auf dem Rückzug ist, weltweit ist die Frage der Religionsfreiheit von enormer Bedeutung. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns intensiv mit diesem Thema beschäftigen und es in die Öffentlichkeit tragen.

Frage: Zu den Sitzungen des Stephanuskreises laden Sie regelmäßig auch Religionsvertreter aus aller Welt ein. Welche Begegnung hat Sie in dieser Legislaturperiode am meisten beeindruckt?

Hirte: Das war sicher der Besuch des syrischen Paters Jacques Mourad, der im Jahr 2015 fünf Monate Geisel des sogenannten "Islamischen Staates" war. Trotz seiner leidvollen Erfahrung hat er uns bei seinem Besuch nachdrücklich dazu aufgefordert, weiter die gegenseitige Toleranz zwischen Christen und Muslimen zu fördern.

Frage: Jacques Mourad ist das vielleicht prominenteste Beispiel für die dramatische Lage der Christen im Nahen und Mittleren Osten. Haben Sie angesichts der fortdauernden Gewalt in der Region überhaupt noch Hoffnung, dass die jahrtausendealte Präsenz des Christentums dort eine Zukunft hat?

Hirte: Ja, diese Hoffnung habe ich. Zwar müssen wir mit großer Bestürzung zur Kenntnis nehmen, dass sich vor allem die Zahl der orientalischen Christen im Irak und in Syrien in den vergangenen Jahren durch brutale Gewalttaten und Vertreibungen deutlich reduziert hat. Allerdings erleben wir in anderen Ländern der Region, dass das Christentum dort teilweise, trotz teils schwierigster Umstände, sogar wächst – beispielsweise im Iran, wo es einen Zuwachs bei evangelischen und evangelikal geprägten Christen gibt, oder auch in Ägypten. Das ist eine Entwicklung, die in der deutschen Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommen wird, die aber Hoffnung macht.

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Frage: Im globalen Maßstab gelten Christen trotzdem als die am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft. Was kann die deutsche Politik, was können Bundestag und Bundesregierung gegen die Christenverfolgung in vielen Teilen der Welt tun? Oder müssen Sie sich eingestehen, dass Sie eigentlich nichts tun können?

Hirte: Doch, wir können schon einiges tun. Zum einen können wir – zum Beispiel durch den Stephanuskreis – dafür sorgen, dass das Problem der Christenverfolgung öffentlich diskutiert wird. Denn in der Tat ist das Christentum nach allen verfügbaren Zahlen die Religionsgemeinschaft, die weltweit am meisten unter Verfolgung zu leiden hat. Zum anderen können wir Religionsfreiheit ganz konkret zur Bedingung für eine Zusammenarbeit mit anderen Staaten machen; im Bereich der Entwicklungspolitik ist dies bereits teilweise der Fall. Und zu guter Letzt sollten wir Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, auch künftig in Deutschland Zuflucht gewähren. Dies war ja auch ein wichtiger Aspekt der Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre.

Frage: Sie sprechen die Flüchtlingspolitik an – sie war das Mega-Thema dieser Legislaturperiode. Hunderttausende Menschen sind in den vergangenen Jahren in die Bundesrepublik gekommen, die meisten von ihnen Muslime. Das hat auch Auswirkungen auf die Religionsfreiheit und den interreligiösen Dialog. Welche Herausforderungen sehen Sie hier konkret?

Hirte: Die größte Herausforderung sehe ich darin, dass die Flüchtlinge unser Modell der religiösen Toleranz und des friedlichen Miteinanders der Religionen erlernen und für sich übernehmen. Wer seine Religion selbst frei ausüben möchte, muss dies auch allen anderen Menschen ermöglichen. Dies ist der Kern der Religionsfreiheit und die zentrale Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.

Frage: Wenn man sich die kolportierten Berichte über Diskriminierungen von Christen in überwiegend muslimisch dominierten Flüchtlingsheimen vor Augen führt, scheint es bis dahin noch ein weiter Weg zu sein...

Hirte: Keine Frage: Jeder Fall, in dem ein christlicher Flüchtling Opfer von Diskriminierung oder Misshandlung geworden ist, ist ein Fall zu viel. Als Gesetzgeber haben wir versucht, auf diese Fälle zu reagieren: Wir haben – auch in Absprache mit den Bundesländern – die Vorschriften für das Bewachungspersonal in den Flüchtlingsheimen verschärft und mit Blick auf die Religionsfreiheit eine höhere Sensibilität angemahnt. Die tatsächlichen Herausforderungen für ein friedliches Miteinander in Deutschland sehe ich allerdings ganz woanders.

Frage: Nämlich wo?

Hirte: In dem zunehmenden Atheismus in unserem Land – damit tun sich alle Religionen gleichermaßen schwer. Ich vertrete entschieden die These, dass wir in Deutschland kein Problem der Islamisierung, sondern vielmehr ein Problem der Entchristlichung und des wachsenden Atheismus haben. Der Widerstand gegen Minarette, Kreuze oder andere religiöse Zeichen im öffentlichen Raum ist immer dort am stärksten, wo auch der Atheismus am stärksten ausgeprägt ist. Beispielhaft für dieses Problem kann man den geplanten Bau der Ahmadiyya-Moschee in Erfurt nennen, aber auch die Debatte um das Kuppelkreuz auf dem Neubau des Berliner Stadtschlosses.

Heribert Hirte ist seit März 2014 Vorsitzender des Stephanuskreises.
 Tobias Koch

Frage: Noch einmal zurück zum Stephanuskreis: Bislang steht der Kreis ausschließlich Mitgliedern der Unions-Bundestagsfraktion offen. Wäre es nicht ein starkes und wichtiges Zeichen, wenn Sie das Gremium auch für Mitglieder anderer Fraktionen öffnen würden?

Hirte: Darüber haben wir natürlich nachgedacht, und wir machen immer wieder auch Veranstaltungen mit Gästen, die nicht Mitglieder unserer Fraktion sind. Allerdings haben wir bislang nicht das Gefühl, dass für die Anliegen des Stephanuskreises in den anderen Fraktionen eine ähnliche Offenheit besteht wie bei CDU und CSU. Eine ähnliche Erfahrung haben wir auch bei den wöchentlichen Gottesdiensten der katholischen Bundestagsabgeordneten gemacht. Diese wurden probeweise für Mitglieder anderer Fraktionen geöffnet – es kam aber praktisch niemand. Das lässt natürlich gewisse Rückschlüsse darüber zu, welche Bedeutung Religion und Religionsfreiheit in den anderen Fraktionen haben; da stehen wir Unions-Abgeordneten doch mehr oder weniger alleine da.

Frage: Gemeinsam mit der SPD haben Sie in der Großen Koalition aber zumindest den Bericht zur Lage der Religions- und Weltanschauungsfreiheit initiiert, der in dieser Legislaturperiode erstmals veröffentlicht wurde...

Hirte: Das ist richtig. Dieser Bericht ist gemeinsam mit der SPD verabredet und federführend durch das Auswärtige Amt erstellt worden. Unser nächstes Ziel ist es nun, den Posten eines Regierungsbeauftragten für Religionsfreiheit zu schaffen; ähnlich, wie es ihn bereits auf europäischer Ebene gibt. Das ist sicher ein Thema, das wir in der kommenden Legislaturperiode auch über den Stephanuskreis vorantreiben werden.

Frage: Dann weiter mit Ihnen als Vorsitzendem des Gremiums?

Hirte: Da muss ich natürlich zunächst die Bundestagswahl abwarten. Aber ich möchte mich sehr gerne auch in Zukunft für Religionsfreiheit einsetzen.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Heribert Hirte (*1958) ist seit 2013 als gewählter Direktkandidat der CDU für den Wahlkreis Köln II Mitglied des Deutschen Bundestages. Innerhalb der Unions-Bundestagsfraktion ist er Vorsitzender des Stephanuskreises, der sich als überkonfessionelles Gesprächsforum für Religionsfreiheit und verfolgte Christen in aller Welt einsetzt.

Zur Internetseite von Heribert Hirte

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