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Zeichen der Ohnmacht?

Am Mittwoch ist die neue Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt eröffnet worden. Aus diesem Anlass demonstrierten Blockupy-Aktivisten unter anderem gegen die europäische Rettungspolitik und den Kapitalismus. Dabei ist es zu heftigen Ausschreitungen gekommen. Der Jesuit Friedhelm Hengsbach ist Ökonom und Sozialethiker. Für die Gewaltausbrüche hat er kein Verständnis, doch aber für die Kritik, die dahintersteckt. Warum, erzählt er im Interview mit katholisch.de.

Gesellschaft | Bonn - 18.03.2015

Am Mittwoch ist die neue Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt eröffnet worden. Aus diesem Anlass demonstrierten Blockupy-Aktivisten unter anderem gegen die europäische Rettungspolitik und den Kapitalismus. Dabei ist es zu heftigen Ausschreitungen gekommen. Der Jesuit Friedhelm Hengsbach ist Ökonom und Sozialethiker. Für die Gewaltausbrüche hat er kein Verständnis, doch aber für die Kritik, die dahintersteckt. Warum, erzählt er im Interview mit katholisch.de.

Frage: Herr Hengsbach, was sagen Sie zu den Ausschreitungen bei den Blockupy-Protesten in Frankfurt?

Hengsbach: Gewalt gegen Personen ist nicht zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite kann es sein, dass so ein Gewaltausbruch ein Zeichen von Ohnmacht ist. Ein Zeichen dafür, dass sich trotz aller versuchten Interventionen, Umfragen und geäußerten Protesten nichts an der Wirtschafts- und Finanzpolitik ändert.

Frage: Die Proteste haben anlässlich der neuen EZB-Zentrale stattgefunden. Ist die Wut gegen die Zentralbank berechtigt?

Hengsbach: Die Zentralbank als Institution ist nicht der richtige Adressat für die Wut über die aktuelle Finanzpolitik. Aber wenn Sie sich das Gebäude anschauen, dann sehen Sie ein Monument der Macht des Geldes. Dazu kommt noch der große Aufmarsch der Polizei. Das würde mich als Demonstranten auch provozieren – aber natürlich nicht zu Gewalttaten.

Friedhelm Hengsbach SJ ist ein deutscher Ökonom, Jesuit und Sozialethiker. Er leitete von 1992 bis 2006 das Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik.
 KNA

Frage: Sie sagten, die Zentralbank sei nicht für die aktuelle Krise verantwortlich. Wer dann?

Hengsbach: Im Moment ist die niveaulose Debatte zwischen Deutschen und Griechen dafür verantwortlich. Sie ist stark beeinflusst durch die hegemoniale Position Deutschlands in der Eurozone. Der Druck, der über die Troika – also die EZB, den Internationalen Währungsfonds und die EU-Kommission – auf Griechenland ausgeübt wird, hat nichts mehr mit europäischer Solidarität zu tun.

Frage: Sondern?

Hengsbach: Das ist einfach eine Machtdemonstration. Die eigentlichen Krisenursachen werden auf Griechenland verlagert. Eigentlich geht es doch um die Fehlkonstruktion der Eurozone. Wenn die Schulden eines Landes für die Bevölkerung nicht mehr tragbar sind, hilft es nur, einen Schuldenschnitt zu machen. Das damit vernichtete Vermögen ist nicht das der Kleinsparer, sondern das der Investmentbanken und Finanzinstitute. Alternativ könnten Armut und Arbeitslosigkeit durch entsprechende Wachstumsimpulse beseitigt werden, statt Schulden weiterzureichen oder alte Schulden durch neue zu begleichen.

Frage: Auch Blockupy wendet sich gegen das "europäische Krisenregime". Wie beurteilen Sie die angeordneten Sparkurse für verschuldete Staaten?

Hengsbach: Wenn die Schulden über die Tragfähigkeit eines Landes hinausgehen, dann ist ihre Eintreibung aus ethischer Perspektive nicht mehr gerechtfertigt. In der Vergangenheit wurde betroffenen Staaten entweder mehr Zeit für die Rückzahlung der Schulden verschafft oder sie wurden sogar ganz erlassen. Vor 20 Jahren ist das beispielsweise bei einigen lateinamerikanischen Staaten geschehen. Dass das nun bei einem kleinen Land, das gerade einmal 3 Prozent zur Wirtschaftsleistung der Eurozone beiträgt, nicht passieren soll, ist für mich unverständlich. Die stärkeren Regierungen in Europa gehen krankhaft auf die Blockade und verweigern die Solidarität. Das gilt auch für Kanzlerin Angela Merkel. Die EZB macht es dagegen richtig: Sie nimmt die Überschüsse, die Staaten wie Deutschland in das europäische Zentralbankensystem einspeisen und gibt sie an die schwächeren Nationen in Südeuropa weiter.

Frage: Papst Franziskus verurteilt den Kapitalismus in aller Schärfe. Was halten Sie davon?

Hengsbach: Wenn man den Kapitalismus als asymmetrisches Machtverhältnis sieht, in dem eine Minderheit die Produktionsmittel besitzt und damit die Wirtschaft steuert, während die große Mehrheit der Bevölkerung nur ihr Arbeitsvermögen zur Verfügung stellen kann, dann stimmt da irgendetwas nicht. Diese Schieflage der Machtverhältnisse müsste durch eine ausgewogene Verteilung von Einkommen, Vermögen und Entscheidungsgewalt beseitigt werden. Der Papst wendet sich genau gegen eine solche Wirtschaft, die einen Großteil der Menschen ausschließt, die Ungleichheit wachsen lässt und schließlich auch zu Gewalt führt. Das erleben wir in der Ukraine, am Hindukusch, im Nahen Osten oder in Afrika. Diese Gewalt ist auch eine Reaktion auf strukturelle Benachteiligungen. Von daher hat der Papst Recht. Eine Wirtschaft, die dem Geld absolute Macht einräumt und so viele Menschen zu Abfall macht, die ist nicht gerecht.

Frage: Die Ärmsten sind also ein Opfer des Kapitalismus?

Hengsbach: Der französische Ökonom Thomas Piketty hat belegt, dass die Kapitalrendite immer schneller wächst als das Volks- und Arbeitseinkommen. Das heißt: Die Reichen werden reicher und die Armen bleiben arm. Armut ist aber nur das eine Ende der Skala, am anderen steht exklusiver Reichtum, der durch Steuervergünstigungen, Inflation oder Marktgewinne zustande kommt. Diese Schieflage ist kein Naturereignis, sondern kann durch staatliche Sozial- und Steuerpolitik wieder behoben werden.

Frage: Franziskus hat den Kapitalismus auch vor dem EU-Parlament kritisiert - und dafür viel Applaus bekommen. Wird man aber auch auf ihn hören?

Hengsbach: Der Papst spricht ja nicht als einsamer Rufer in der Wüste. Es gibt genügend Experten, die sagen, dass er seinen Finger in die Wunde einer Welt legt, die einzig von Kapitaleignern bestimmt wird. Dabei geht es nicht nur um Armut, sondern auch um körperliche und psychische Krankheiten, die durch die Arbeitsbelastung in den Betrieben entstehen, oder um die Umwelt, die nach und nach zerstört wird.

Frage: Die Worte des Papstes wirken für viele revolutionär. Dabei hat die katholische Soziallehre ähnliches schon vor 100 Jahren gefordert. Ist die Lehre in Vergessenheit geraten?

Hengsbach: Im Augenblick hat sie weniger Vertreter – gerade hier in Deutschland. Sie wird immer gerne als Bestätigung der sozialen Marktwirtschaft herangezogen. Aber durch das neue Gesicht des Finanzkapitalismus haben wir keine soziale Marktwirtschaft mehr. Gerade in der dritten Welt, zu deren Sprecher sich der Papst ja selbst gemacht hat, wird er, wird die Kirche auch gehört. In Deutschland war es eher so, dass die Papstworte heruntergespielt wurden, weil er angeblich keine Ahnung von der Wirtschaft habe. Aber er redet eben nicht aus der Perspektive der Wohlhabenden, der Reichen und der gesättigten Europäer, sondern aus der Perspektive des Großteils der Weltbevölkerung.

Das Interview führte Björn Odendahl

Statement von Weihbischof Manfred Grothe

Weihbischof Manfred Grothe ist Apostolischer Administrator für das Bistum Limburg, zu dem auch die Stadt Frankfurt gehört. Nach den Asschreitungen rund um die neue EZB-Zentrale fordert er einen friedlichen Dialog: "Demonstrationen sind unverzichtbare Mittel von Meinungsäußerungen in einer demokratischen Gesellschaft. Dennoch kann Gewalt dabei niemals ein Weg sein. Ich hoffe darauf, dass die gewalttätigen Ausschreitungen sich nicht weiterentwickeln und nicht noch mehr Verletzte zu beklagen sind. Lassen Sie uns gemeinsam für die Menschen vor Ort und für einen friedlichen Dialog beten." (bod)

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