Zurück zur Seelsorge

Die Kirche in Deutschland wandelt "offensichtlich auf einem Irrweg", sagt der Paderborner Theologe Herbert Haslinger. In der "Herder Korrespondenz" rechnet er mit diözesanen Strukturprozessen ab und fordert eine "Rückkehr zur Seelsorge".

Seelsorge | Bonn - 26.05.2015

Die Kirche in Deutschland wandelt "offensichtlich auf einem Irrweg", befindet der Paderborner Theologe Herbert Haslinger. In einem Beitrag für die Juni-Ausgabe der Zeitschrift "Herder Korrespondenz" rechnet der Professor für Pastoraltheologie, Homiletik und Religionspädagogik mit diözesanen Strukturprozessen zur Neuordnung der Seelsorgestrukturen ab. Statt das Gemeindeleben auf immer mehr Aktivität auszurichten, fordert Haslinger eine "Rückkehr zur Seelsorge".

Es ist eine Frage, die alle 27 deutschen Diözesen seit Jahren umtreibt: Wie kann die Pastoral in den Gemeinden angesichts des Priester- und Gläubigenmangels heute und zukünftig geordnet werden? Die meisten Bistümer beantworten diese Frage, indem sie die Seelsorgebereiche vergrößern und den gemeindeleitenden Priestern eine wachsende Zahl Gläubige anvertrauen.

Herbert Haslinger hält das für den falschen Weg. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Herder Korrespondenz" übt er scharfe Kritik an den Strukturprozessen in den Bistümern. Er beobachte ein "verstörendes Ausmaß, in dem die Umsetzung der einschlägigen Konzepte sowohl beim pastoralen Personal als auch bei den Gläubigen zu Mehrbelastungen, Unmut, Enttäuschung, Konflikten und menschlicher Kälte führt". Durch die größeren Seelsorgeeinheiten entfiele die direkte Zuordnung der Seelsorger zu ihrer Gemeinde, so Haslinger, während ihre Belastung zugleich steige. Zum Ausgleich würden die Gläubigen aufgefordert, selbst in der Pastoral aktiv zu werden.

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Erreichbar sein, trösten können, spirituelle Orientierung geben: Die Anforderungen an Seelsorger sind hoch. Vielleicht zu hoch? Das wollten Wissenschaftler durch eine deutschlandweite Stress-Studie herausfinden, an der rund 8.600 katholische Seelsorger teilgenommen haben. Während der Umgang mit dem Zölibat für viele ein Problem ist, scheint sich die oft extreme Arbeitsbelastung kaum auf das Seelenleben der Seelsorger auszuwirken.

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So gestaltete Strukturen würden laut Haslinger weder dem pastoralen Bedarf noch der Lebensrealität der Menschen gerecht. Im Mittelpunkt der Reformüberlegungen stünden vielmehr die Begrenzungen des Weiheamts. Dessen "Beschränkung auf Männer, Verpflichtung auf den Zölibat" oder auch die "klerikale Sonderstellung" entschieden letztlich darüber, "was möglich ist und was nicht möglich ist, und unter keinen Umständen verändert oder in Frage gestellt" werden könne.

Die unter diesen Umständen neu geschaffenen Strukturen "basieren nicht wirklich auf einer theologischen Orientierung", urteilt der Theologe. Sozialwissenschaftlich klingende Schlagworte dienten  letztlich nur dazu, die Unzulänglichkeiten der Konzepte zu verschleiern. Statt eine tatsächliche Lebensnähe herzustellen, sorgten die Prozesse für eine "exzessive Strukturwucherung". Die großen Aufwendungen für Personal und Finanzen zur Umsetzung der Reformvorhaben seien unverantwortlich.

Passivität ist kein Glaubensmangel

Intensive Kritik äußert Haslinger auch an der starken Beanspruchung von Laien als ehrenamtliche Mitarbeiter in der Pastoral: "Besonders bedenklich ist das Schema, den Gläubigen die Mitarbeit in der Gemeinde als Erfordernis ihrer 'Berufung' zu vermitteln". Passivität der Gläubigen würde ihnen demnach als Glaubensmangel vorgeworfen.

Die Gemeinden würden, so warnt Herbert Haslinger, nicht mehr länger die Orte der Seelsorge sein, weil den Seelsorgern zunehmend die Möglichkeit zum unmittelbaren Kontakt mit den Menschen fehle. Und der Forscher schlussfolgert: "Wenn an den derzeitigen Strukturbildern festgehalten wird, geht die pastorale Praxis in den Gemeinden und gehen die Gemeinden als Ort pastoraler Praxis zugrunde."

Die Kirche muss Verlässlichkeit bieten

Er fordert daher eine andere Haltung der Kirche und ihrer Seelsorger. Diese müssten organisatorische Tätigkeiten und Aktionismus hinter sich lassen und zurückkehren zur Seelsorge. Die Gemeinden müssten den Menschen vor allem Sicherheit bieten: "Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass sie in Gemeinden vorfinden, was sie von der Kirche brauchen".

Die Gemeinde würde in den gegenwärtigen Strukturreformen stets als "Einfamilienhaus" gesehen, das mit möglichst viel Leben zu füllen sei, so Haslinger. "Ein solches Gemeinde-Ideal greift jedoch an der individualisierten, pluralisierten Lebensform sowie an der Lebenswirklichkeit der Menschen von heute in eklatanter Weise vorbei." Laut Haslinger müssten die Gemeinde stattdessen "Berghütten" sein, die für die Menschen an verlässlichen Orten bereitstünden und in denen sie von den Seelsorgern als "Hüttenwirten"  bekämen, was sie für ihren Lebensweg bräuchten.

Von Kilian Martin

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