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Die Angst vor dem Tod beherrschen

Dass Menschen große Angst vor dem Sterben haben, erlebt Georg Waßer fast jeden Tag: Er begleitet Menschen im Hospiz. Wie er den Betroffenen angesichts des Todes dennoch Mut macht, erklärt er im Interview.

Lebensende | Bonn - 26.06.2016

Georg Waßer begleitet schwerkranke Menschen im Krankenhaus und im Hospiz. Dabei hat er viel Erfahrung gesammelt mit der Angst vor dem Tod. Er erklärt, ob es eine gute Idee ist, Gedanken an den Tod zu verdrängen und wie man mit der Angst vor dem Sterben umgehen kann - und auch, wie er selbst mit diesem Thema umgeht.

Frage: Herr Waßer, als Pastoralreferent in der Krankenhausseelsorge werden Sie wahrscheinlich oft mit der Angst vor dem Tod konfrontiert. Woher kommt diese Angst?

Waßer: Angst gehört zum menschlichen Leben dazu. Sie ist sogar notwendig, denn sie hilft uns, dass wir uns zum Beispiel in einer Gefahrensituation nicht überschätzen. Grundsätzlich würde ich daher zwischen Angst und Furcht unterscheiden. Furcht ist etwas konkretes, also etwa die Furcht vor einer Prüfung. Sie kann allerdings auch zur Angst werden, nämlich wenn sich dieser Zustand der Furcht häufig einstellt und qualvoll wird, wenn er mich lähmt und ich dadurch meine ganze Lebensfreude verliere. Die Furcht vor dem Sterben ist menschlich, denn der Tod bedeutet ja das Ende von allem, was der Mensch kennt. Doch jeder Mensch wird sich einmal damit auseinandersetzen müssen.

Frage: Wie unterscheiden sich die Ängste, mit denen Sie in Ihrem Beruf in Berührung kommen? Gehen junge Menschen anders damit um als alte und Angehörige anders als die Patienten selbst?

Waßer: In den letzten elf Jahren war ich auch in einem Hospiz tätig. Dabei wurde mir besonders bewusst, dass ich den jeweiligen Menschen in seiner Individualität und Lebensgeschichte sehen muss, wenn ich ihn begleiten will. Natürlich gibt es, um bei der Unterscheidung von Angst und Furcht zu bleiben, die Furcht vor Schmerzen, vor Übelkeit und Erbrechen oder davor, allein und einsam zu sterben. Die Frage ist: Gehen wir, die wir den Kranken begleiten, offen und ehrlich mit ihm um, und helfen ihm, darüber zu reden? Die Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hat unter anderem ein Buch mit dem Titel "Reif werden zum Tode" geschrieben. Darin beschreibt sie, dass Menschen in der Auseinandersetzung mit ihrer Erkrankung an einen Punkt kommen, wo sie loslassen und akzeptieren können. Natürlich sind ältere Menschen, die schon Grenzerfahrungen mit ihrem Körper gemacht haben, eher dazu bereit. Aber grundsätzlich gilt: Das ist ein Prozess, jeder kann dazu reif werden, junge genauso wie alte Menschen. Oft sind die Angehörigen in ihrer seelischen Entwicklung nicht so weit wie der Sterbende selbst. Das macht es manchmal schwierig, weil auch sie im Trauerprozess zu dem Punkt kommen müssen, an dem sie den Tod akzeptieren können.

Georg Waßer ist Pastoralreferent und als Seelsorger im Bonner Johanniter- und Waldkrankenhaus tätig.
 G. Horn

Frage: Haben die Menschen eine größere Furcht vor dem Sterben oder mehr davor, tot zu sein?

Waßer: Das ist schwierig zu beantworten. Bei manchen Menschen geht es, wie gesagt, um die Furcht vor Schmerzen oder vor Übelkeit, denn das kann einen fertig machen. Und dann hängt es mit der Lebensanschauung eines jeden zusammen, ob er glaubt, dass das Leben nach dem Tod weitergeht, oder ob er denkt, dass das Leben mit dem Tod zu Ende ist. Das bestimmt auch oft, wovor sich jemand fürchtet. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, wie gut die palliative Versorgung heutzutage ist, sodass Menschen ohne Schmerzen sterben können. Dabei spielt die palliative Betreuung durch Pflegepersonal und Ärzte eine wichtige Rolle. Ich habe schon oft erlebt, dass Ärzte den Patienten sagen, dass, wenn es ganz schlimm werde, sie Sedierungsmedikamente bekommen könnten. Viele Patienten beruhigt dann schon das Wissen, dass diese Medikamente verfügbar sind - sie nehmen sie letztendlich oftmals nicht.

Frage: Was sagen Sie Menschen, die angesichts ihres bevorstehenden Todes verzweifelt sind?

Waßer: Gemeinsam Hoffnung suchen – das ist ein biblischer Gedanke, der mich prägt, und der auch Leitidee für meine Arbeit ist. Deswegen unterhalte ich mich mit den Menschen, die ich begleite, auch darüber, was ihnen in ihrer Situation Hoffnung oder Mut machen kann. Was gibt ihnen Kraft, was trägt sie im Leben? Wie haben sie bisher ihre Krisen bewältigt und wer könnte ihnen jetzt beistehen? Was hat ihrem Leben bisher Sinn gegeben? Das heißt, ich suche gemeinsam mit den Menschen und habe keine festen Antworten. Ich möchte sie stattdessen ermutigen, selbst nach Sinn zu suchen. Natürlich gibt es auch Fälle der Ohnmacht und der Verzweiflung, die ich als Seelsorger zulassen und aushalten muss. Dann will ich den Menschen aber nichts einreden. Jeder muss für sich selbst Antworten finden, ich kann nur begleiten.

Frage: Was hilft nach Ihrer Erfahrung Menschen, die sich vor dem Tod fürchten?

Waßer: Ich glaube, dass es Grundfragen des Menschen gibt, die sich jeder irgendwann einmal stellt: Woher komme ich? Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich in meinem Leben machen? Wo gehe ich hin? Darauf sucht jeder seine individuellen Antworten. Wenn man noch jung ist, können die anders aussehen als im Alter. Und wer für sich auf diese Fragen eine Antwort gefunden hat, der geht ruhiger durchs Leben, auch in den letzten Stunden.

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Vieles, was sich am Ende unseres Lebens abspielt, entzieht sich unserem Einfluss. Einiges lässt sich jedoch gut vorab regeln. Katholisch.de hat Tipps und Hilfen zur Todesfallvorsorge zusammengestellt.

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Frage: Viele verdrängen aus Furcht den Gedanken an ihren Tod. Ist das eine gute Idee?

Waßer: Jeder geht anders mit dem Tod um. Irgendwann kommen alle mit ihm in Berührung, in der Familie oder im Bekanntenkreis. Dann wird jeder sich zwangsläufig damit auseinandersetzen müssen, er wird lernen müssen, zu vertrauen und auch loszulassen. Anfangen kann man damit, dass man lernt, Grenzen zu akzeptieren. Das sind die Grenzen, die uns zum Beispiel unser Körper oder unsere seelische Belastbarkeit zeigen. Und je ehrlicher jeder versucht, mit seinen Grenzen und auch seinen Fähigkeiten umzugehen, desto besser kann es ihm gelingen, mit der letzten Krise, nämlich dem Tod, umzugehen. Wir üben übrigens jeden Abend, wenn wir loslassen und uns dem Schlaf anvertrauen. Der letzte Schlaf, also der Tod, kann auch Anfang von etwas Neuen sein. Darauf vertrauen wir Christen.

Frage: Kann man es schaffen, ohne Angst vor dem Tod zu leben?

Waßer: Die Angst gehört mit dazu, jeder wird sie einmal im Leben durchmachen. Aber ich kann mich auf den Tod und auch auf mein eigenes Sterben ein Stück vorbereiten, indem ich wach, offen und ehrlich lebe - und auch das Leben genieße.

Frage: Sie engagieren sich auch im Hospiz. Wie gehen Sie selbst mit dem Thema Sterben um?

Waßer: Für meine Arbeit gibt mir mein Glaube Kraft: Ich glaube daran, dass es mit dem Tod nicht zu Ende ist. Ein gutes Fundament ist sicherlich auch meine Lebensenergie. Natürlich brauche ich Mechanismen, um abzuschalten, Sport zum Beispiel. Und meine Frau und meine Familie tragen mich. Wenn es um den eigenen Tod geht, sind meine Eltern große Vorbilder. Sie haben es auf einmalige Weise geschafft, loszulassen und auf Gott zu vertrauen. Sie sind sehr offen mit dem Thema Sterben umgegangen und haben mit uns Kindern darüber gesprochen. Ich kann nur hoffen, dass mir das auch gelingen wird.

Zur Person

Georg Waßer ist seit über 30 Jahren Pastoralreferent in der Krankenhausseelsorge. Außerdem begleitet er Todkranke und ihre Angehörigen in einem Hospiz.

Von Johanna Heckeley

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