"Wir sind keine Marienanbeter"

Die Schönstatt-Bewegung gibt es seit 100 Jahren. Sie gilt als Vorläufer der neuen Gemeinschaften. Generaloberer Heinrich Walter spricht darüber.

Schönstatt-Bewegung | Bonn - 08.10.2014

Vor 100 Jahren wurde bei Koblenz die Schönstatt-Bewegung gegründet, die eine Art Vorläufer der neuen geistlichen Gemeinschaften innerhalb der katholischen Kirche ist. Doch gerade in Deutschland hatten es die Schönstätter lange Zeit schwer, berichtet Pater Heinrich Walter (60) im Interview mit katholisch.de. Der Vorsitzende des internationalen Generalpräsidiums und Generaloberer der Schönstatt-Patres schaut auf die prägende Zeit der beiden Weltkriege zurück und wagt einen Blick nach vorne.

Frage: Pater Walter, was genau ist die Schönstattbewegung eigentlich?

Walter: Sie ist eine religiöse Vereinigung, die vor 100 Jahren aus der Jugendarbeit entstanden ist. Heute ist die Schönstattbewegung ein verzweigtes Werk mit vielen Gemeinschaften wie Familien- und Jugendgemeinschaften, Frauen und Männern, Schwestern und Priestern. Sie zeichnet sich durch einen gemeinsamen Weg aus, wie man aus innerer Freiheit zeitgemäß und entschieden den Glauben leben kann. Unser Gründer Pater Josef Kentenich war Seelsorger an einer Pallottiner-Schule. Aus seiner pädagogischen Arbeit in der schwierigen Kriegszeit ist sie mit der Zeit entstanden. Schönstatt ist die einzige der neuen Bewegungen und Gemeinschaften, die ihre Wurzeln in Deutschland hat.

Frage: Kentenich hat sich als Erneuerer verstanden. Was wollte er denn erneuern?

Walter: Damals bis in die 1930er Jahre hinein war in der Kirche alles stark geprägt von formalen Bestimmungen, wie man zu leben habe und was zu glauben sei. Der subjektive Zugang zur Religion war kein Thema, während es für Kentenich zentral war, dass jeder einzelne persönlich zum Glauben findet. Er hat als Pädagoge daran gearbeitet, dass die Menschen aus ihren zentralen Werten heraus leben und im Pluralismus von Meinungsansätzen zurechtkommen. Dieser pädagogische Ansatz sollte zu einer freien, festen und starken christlichen Persönlichkeit führen. Der Mensch muss zu der Erfahrung kommen, dass er angenommen und geliebt ist und sich in innerer Freiheit binden kann. Für die damalige Zeit war dieser Ansatz, das eigene Leben in den Vordergrund zu stellen, revolutionär! Und das ist auch heute noch aktuell.

Pater Heinrich Walter ist der Vorsitzende des internationalen Generalpräsidiums Schönstatts und Generaloberer der Schönstatt-Patres.
 SICT

Frage: In der Gründungszeit vor 100 Jahren kämpften viele junge Männer der Schönstatt-Bewegung im Ersten Weltkrieg. Wie kamen sie in so einem schwierigen Umfeld darauf, sich ausgerechnet für die Erneuerung der Kirche zu engagieren?

Walter: Sie fanden die Kraft dazu durch die Erfahrung der Gemeinschaft, den Austausch und den Glauben an die Realität Gottes in diesem schwierigen Kontext. Kentenich sagte ihnen, dass sie sich etwa in der freien Zeit an der Front keinen Priester einladen sollten, der ihnen einen Vortrag hält, sondern stattdessen selbst einander erzählen sollen, wie sie das Leben meistern. Daraus ist dann die Zeitschrift MTA ("Mater Ter Admirabilis", dreimal wunderbare Mutter) entstanden, in denen sie beschrieben, wie sie mit ihren Ängsten und Nöten im Krieg umgehen. Diese Zeitschrift erreichte in den Lazaretten auch andere Soldaten und Krankenschwestern, sodass aus diesen Kreisen langsam eine Bewegung entstand.

Frage: Wie hat der Zweite Weltkrieg Kentenich geprägt? Er war schließlich knapp vier Jahre im KZ Dachau.

Walter: Für ihn war die gesamte Zeit des Nationalsozialismus – da waren schon mehrere Schönstatt-Gemeinschaften entstanden – die Feuerprobe. Nach dem Krieg hat er selbstbewusst davon gesprochen, dass diese Erfahrung für ihn die göttliche Besiegelung der Bewegung sei. Er hat im KZ Dachau erlebt, dass Gott real ist, dass er ihn und sein Lebenswerk schützt. Bis dahin hatte er sich nicht in der Öffentlichkeit gezeigt und stellte andere in den Vordergrund. Erst seine Dachau-Erfahrung und das innere Mitgehen der Schönstattfamilie hat ihm klar gemacht, welche Bedeutung er als Gründungspersönlichkeit hat.

Frage: Wie stellte sich Kentenich die moderne Kirche vor?

Walter: Das, was uns heute aus seinem Kirchenverständnis inspiriert, stammt aus den 1930er bis 1960er Jahren und war nah an dem, was später das Zweite Vatikanische Konzil formuliert hatte. Im Keim wünschte er eine arme Kirche, die auf Privilegien verzichtet, eine geistbewegte und eine dynamische Kirche, eine Kirche, die wie eine Familie der Glaubenden erlebt wird. Er hätte heute seine helle Freude an der Botschaft von Papst Franziskus.

Frage: Nach dem Krieg geriet er in Konflikte mit den deutschen Bischöfen. In den 1950ern wurde Kentenich sogar für 13 Jahre ins Exil in die USA geschickt. Das hatte wohl auch Konsequenzen für die Bewegung...

Walter: Ja, konkrete Kritikpunkte gab es an den sogenannten Sonderideen wie etwa der starken Beziehung zum Gründer. Die Kirche hat wohl befürchtet, dass man im Zweifelsfall eher "diesem Kentenich" gehorchen würde und weniger dem Bischof. Auch das Wort "Liebesbündnis", wie wir die persönliche Glaubensentscheidung in Beziehung zu Maria nennen, wurde theologisch hinterfragt.

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Dietger Kuller erklärt die Spiritualität einer Schönstatt-Kapelle.
 katholisch.de

In Deutschland hatte diese Zeit, in der Schönstatt teilweise verboten war, eine Art Katakombendasein zur Folge. Dieses Gefühl "man muss sich verteidigen" und "man versteht uns nicht" ist lange geblieben. Erst in den letzten zehn Jahren erleben wir, dass Schönstatt mehr und mehr angenommen wird. Es gibt neben dem starken Engagement im Leben der Gemeinden eine wachsende Zusammenarbeit mit der Kirche, etwa beim Katholikentag oder den Weltjugendtagen. Aber durch diese Situation hat sich unsere Bewegung bis in die 1980er Jahre zu stark auf das Verteidigen und Kämpfen um unsere Identität in der Kirche konzentriert. Symbolisch wichtig war die Wahl des Erzbischofs Robert Zollitsch zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz. Ein Schönstatt-Diözesanpriester, das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen.

Frage: Die Bewegung stellt Maria ins Zentrum Ihrer Spiritualität. Wie prägt das Ihr Bild von der Gesellschaft – etwa in Hinblick auf Familie und Erziehung?

Walter: Unser Ausgangsort ist die kleine Schönstatt-Kapelle in Vallendar. Hier spürte Kentenich, dass Gott durch Maria eine neue Initiative ergreifen möchte und dass Maria die Herzen der jungen Leute berührte und sie in ihrer Entwicklung begleitete. Die pädagogische und psychologische Wirkung der Beziehung zu Maria unterscheidet sich stark von anderen Arten der Marienfrömmigkeit. Wir sind auch keine "Marienanbeter", sondern stellen sie immer mit Jesus oder mit dem Kreuz dar, als eine, die Jesus immer begleitet hat.

Unsere Familienbewegung ist tatsächlich das, was derzeit weltweit am stärksten wächst. Es gibt viele Angebote, sich auf die Ehe vorzubereiten, den Familienalltag und die Erziehung der Kinder zu gestalten. Unsere Familien sprechen von der Ehe als einer Berufung. Auch bei der Art wie wir familienpolitisch denken, haben wir natürlich eine katholische Position, aber durchaus mit einer eigenen Färbung.

Frage: Wie entwickelt sich die Bewegung derzeit in Deutschland? Vor welchen Herausforderungen stehen Sie?

Walter: Wir stehen in einer Umstrukturierung, weil die flächendeckende Arbeit in Projekten und Zentren, die es bis zu den 1980er Jahren gab, immer schwieriger wird, denn die Mitgliederzahlen gehen in Deutschland zurück. Der Umgang mit der Alterung der Gesellschaft und damit auch der Bewegung ist ein Impuls, den wir beim 100-jährigen Jubiläum aufnehmen. Die Frage an uns lautet: Wie sichern wir, dass Schönstatt jung und dynamisch bleibt um einen Beitrag für die Kirche und Gesellschaft heute geben zu können?

Das Interview führte Agathe Lukassek

100 Jahre Schönstatt

Die Schönstatt-Bewegung feiert ihr großes Jubiläum vier Tage lang vom 16. bis 19. Oktober - an dem Ort und Tag, an dem vor 100 Jahren alles begonnen hat, in Vallendar. Die Jubiläumsfeierlichkeiten haben den Charakter einer großen internationalen Wallfahrt; erwartet werden bis zu 10.000 Teilnehmer aus 50 Ländern.

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