Dossier: Pilgern

Karriere oder Jakobsweg?

Für Sabine Dankbar war das Pilgern ein wichtiger Wendepunkt

- 06.01.2015

Im Oktober 2005 fasste Sabine Dankbar den Entschluss, ihr Leben grundlegend zu verändern. Sie kündigte ihren Topjob in der Modeindustrie als Geschäftsleiterin im Unternehmen der Familie. Den nötigen Abstand vom bisherigen Alltag bekommt sie im Juni 2006 durch ihre Pilgerwanderung von St. Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela. Heute sieht ihr Leben ganz anders aus, wie sie im Interview mit katholisch.de berichtet.

Frage: Frau Dankbar, Sie sind im Mai und Juni 2006 den Jakobsweg von St. Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen nach Santiago de Compostela gepilgert. Auf den Pfaden Hape Kerkelings…?

Dankbar: Nein, überhaupt nicht. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass Hape Kerkeling auch den Jakobsweg gepilgert ist. Sein Buch kam ja erst Ende Mai 2006 heraus.

Frage: Warum wollten Sie unbedingt pilgern?

Dankbar: Ich habe 2003 das erste Mal etwas von Pilgern auf dem Jakobsweg gehört. Das hat mich total fasziniert, sodass ich mir das Buch "Die Sehnsucht ist größer" von Andrea Schwarz gekauft habe. Die Vorstellung, ganz alleine unterwegs zu sein und wirklich nur das Nötigste auf dem Rücken zu tragen und in der Einfachheit zu sein, hat mich gereizt.

Frau mit Hut und Rucksack. Im Hintergrund weite Landschaft.
Sabine Dankbar auf dem Jakobsweg.  Privat

Frage: Waren Sie damals nicht zufrieden mit Ihrem Leben?

Dankbar: Ich war nicht unzufrieden, aber ich war auch nicht richtig glücklich. Ich hatte einen tollen Job, aber kein gutes Privatleben. Ich wollte immer eine Familie und Kinder haben und dennoch in meinem Job arbeiten, aber dazu hatte ich bis dato nie den richtigen Partner gefunden. Ich habe immer mehr gearbeitet, weil ich in meinem Privatleben ein Defizit hatte. Ich hatte es satt, mich ständig zu fragen "Arbeite ich so viel, weil ich keine Familie habe oder habe ich keine Familie, weil ich so viel arbeite?". Dazu kam, dass ich mich innerlich veränderte. Ich wurde immer härter und unausgeglichener. Da wusste ich, ich muss die Notbremse ziehen, sonst bin ich irgendwann nicht mehr ich selbst.

Frage: Gab es ein bestimmendes Ereignis für die Entscheidung den Jakobsweg zu pilgern?

Dankbar: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt eine sehr mühselige Fernbeziehung, wollte einfach mehr Verbindlichkeit. An einem Sonntagabend haben wir die Beziehung beendet. Ich habe auf der Heimreise in meiner ganzen Traurigkeit gespürt, dass ich einen radikalen Schnitt brauche, weil ich mich sonst immer im Kreis drehe.

Frage: Und da haben Sie einfach Ihren Job gekündigt?

Dankbar: Na, so einfach war das nicht. Zu der Zeit habe ich in unserem Familienunternehmen als Geschäftsleiterin gearbeitet. Dieser Loslösungsprozess ging über fast drei Jahre, immer wieder habe ich über den Jakobsweg nachgedacht. Im Sommer vor der erwähnten Trennung hatte ich schon versucht, sechs bis acht Wochen Urlaub zu bekommen, um den Jakobsweg zu pilgern. Aber das war einfach nicht drin. Also musste ich mich entscheiden.

Frage: Und Sie haben sich für die Kündigung entschieden. Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?

Dankbar: Mein Vater und meine Mutter haben reagiert wie wohl alle Eltern. "Wovon willst Du leben? Hast du dir das auch gut überlegt?" haben sie gefragt. Mein Bruder, der unser Familienunternehmen als Geschäftsführer leitet, fand es schade, hat es aber akzeptiert und nicht versucht, mich zu überreden. Von keiner Seite gab es Vorwürfe, dass ich das Unternehmen im Stich lassen würde oder ähnliches. So haben sie mir es einfacher gemacht.

Frage: Mal eben die Arbeitsstelle kündigen, um den Jakobsweg zu pilgern - das ist für viele Leute rein finanziell gesehen gar nicht drin...

Dankbar: Ja, sicher. Ich würde auch nicht jedem einfach so dazu raten. Ich hatte mir ein finanzielles Polster angespart, sodass ich erst mal in Ruhe überlegen konnte, was passiert jetzt, was mache ich, eben ohne gleich meinen Lebensstandard radikal verändern zu müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Schritt gegangen wäre, wenn ich diese finanziellen Rücklagen nicht gehabt hätte.

Muschel des Jakobswegs hängt an einer Türklinke
Das Pilgersymbol für die Wanderer auf dem Jakobsweg.  Andrea Goeppel

Frage: 799 Kilometer an 33 Pilgertagen - gab es in dieser Zeit ein schönstes Erlebnis?

Dankbar: Ganz am Ende in Santiago de Compostela habe ich den Tag zusammen mit Hans-Jakob verbracht, den ich auf meiner Pilgerfahrt immer wieder getroffen hatte. Er hat mich dann abends zu meinem Hotel begleitet und mich abschließend gesegnet. Es hört sich vielleicht profan an, weil es so viele schöne Ereignisse und Begegnungen gab, aber ich hatte in diesem Moment das Gefühl, dass dies alles auf den Punkt bringt: Ich war gesegnet auf einem langen Weg und ich gehe nun gesegnet in meinen neuen Alltag.

Frage: Wie sieht der neue Alltag nach der Pilgerreise aus?

Dankbar: Beruflich habe ich mich total verändert, biete nun systemische Beratung an. Ich habe viele Aus- und Weiterbildungen gemacht, um meinen beruflichen Weg zu finden. Auch privat bin ich nun glücklich. Ich habe den richtigen Mann gefunden und geheiratet.

Frage: Wie hat die Pilgerreise Ihren Glauben verändert?

Dankbar: Ich habe meinen Glauben neu entdeckt. Ich bin katholisch erzogen worden, vieles war einfach so: sonntäglicher Gottesdienst, beten am Tisch, Beichte, Erstkommunion, Firmung. Aber es hat in meinem erwachsenen Leben damals keine wirkliche Rolle mehr gespielt. Das ist nun anders. Auch das Bild vom "lieben Gott im Himmel", was ich als Kind hatte, habe ich jetzt nicht mehr. Für mich ist Gott nicht mehr so personenhaft, er ist eine Mischung aus Mann und Frau, er ist in allem, in mir und in allem, was mich umgibt. Die Schöpfung spielt jetzt eine größere Rolle in meinem Gottesbild und ich gehe wieder regelmäßig zum Gottesdienst.

Frage: Sie engagieren sich heute auch ehrenamtlich, zum Beispiel in einem Hospiz oder als Internetseelsorgerin. Ist das auch eine Folge der Pilgerreise?

Dankbar: Ja, das habe ich früher nicht gemacht. Es ist ein gutes Gefühl, wenn ich Menschen am Rande des Todes oder in sehr schwierigen Situationen unterstützen kann. Außerdem ist es nicht so, dass dort nur Leid herrscht, sondern bei diesen Menschen in Krisen ist immer auch ganz viel Hoffnung und Zuversicht. Denn wenn Menschen durch Krisen gehen, halten sie stärker zusammen und finden sich selbst auch ein Stück neu. Das finde ich auch als Außenstehende sehr berührend.

Hinweis

Hinweis: Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.sabinedankbar.de und www.karriere-oder-jakobsweg.de .

Von Nadine Ortmanns

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