Der Preis der Geschlossenheit

Ludwig Ring-Eifel über die AfD und den Katholikentag

Standpunkt | Bonn - 25.05.2016

Immer wieder müssen sich die Veranstalter des Leipziger Katholikentags in diesen Tagen dafür rechtfertigen, dass sie Vertreter der AfD auf keines der vielen Diskussionspodien eingeladen haben. Zur Begründung erklären sie, das Programm der AfD sei unchristlich und streckenweise menschenverachtend  (Stichwort: Schießbefehl-Debatte), die Partei sei "nicht diskursfähig" und man dürfe ihr kein Podium bieten. Toleranter gehen die Veranstalter mit den Vertretern der Partei Die Linke um. Von ihnen verlangt vor der Einladung auf ein Katholikentags-Podium niemand, ihr Programm müsse mit christlichen Werten kompatibel sein oder ihre Redner müssten sich vom Schießbefehl ihrer Vorgängerpartei SED distanzieren.

Ob da mit zweierlei Maßstäben gemessen wird? Aber vielleicht sind ja die Positionen der AfD so singulär schlimm und gefährlich volksverhetzend, dass man mit solchen Leuten wirklich nicht öffentlich reden sollte. Man fragt sich allerdings, warum diese Partei dann zu Wahlen antreten und Volksvertreter in Parlamenten stellen darf. Konsequent wäre es, analog zur NPD, gegen die AfD einen Verbotsantrag gemäß dem Parteiengesetz zu stellen - oder dies wenigstens zu fordern. Tut man das nicht, gesteht man ihr indirekt zu, dass sie zu den demokratischen Parteien auf dem Boden des Grundgesetzes gehört - auch wenn einige ihrer Positionen, etwa zur Religionsfreiheit, im Konflikt mit der Verfassung stehen. (Aber das kann man von einigen Positionen der Linken ebenfalls sagen, und das hindert - siehe oben - nicht daran, dass man mit ihnen öffentlich debattiert).

Was bleibt, ist der Eindruck, dass man mit Leuten, die den schwarz-rot-grünen Konsens beim Zuwanderungsthema und in der Familienpolitik in Frage stellen, nicht reden möchte. Der Funktion von Katholikentagen, wie ich sie einst kannte, entspricht das nicht. Immerhin waren die großen Christentreffen in den vergangenen vier Jahrzehnten unter anderem so etwas wie gesellschaftliche Labore, wo im herrschaftsfreien Diskurs neue Themen und Positionen kontrovers debattiert werden konnten - übrigens auch solche, die radikal systemkritisch und alles andere als staatstragend waren. Nun aber bleiben die Menschen mit der korrekten Gesinnung lieber unter sich. Wer auf dem Katholikentag spricht, gehört zur politischen Orthodoxie. Und die Schmuddelkinder von der AfD müssen draußen bleiben. Ob das eine freie Gesellschaft weiterbringt?

Der Autor

Ludwig Ring-Eifel ist Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Ludwig Ring-Eifel

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