Warum die Kirche nicht immer "Nein" sagen sollte

Björn Odendahl über kirchlichen Kulturpessimismus

Standpunkt | Bonn - 08.11.2017

Die Kirche kennt sich aus mit dem Wörtchen "Nein". Über Jahrhunderte war es eine ihrer Waffen, um die eigenen Schäfchen unter Kontrolle zu halten, ihnen mitzuteilen, was richtig, vor allem aber was schlecht und falsch ist – und das bis hinein in die Schlafzimmer. Doch spätestens seit den Umfragen vor den beiden Familiensynoden 2014 und 2015 ist klar: Im Alltag der Gläubigen spielt dieses "Nein" der Kirche nur noch eine marginale Rolle.

Sollte die Kirche also gleich ganz darauf verzichten? Natürlich nicht. Es gibt Themen, bei denen die Kirche ihre Stimme erheben muss. Vor allem, wenn es um Leben und Tod geht: bei der Sterbehilfe, der Abtreibung, Krieg und Gewalt – oder auch der in Deutschland wachsenden Fremdenfeindlichkeit. Da ist das "Nein" nötig. Da schützt es die Alten, Schwachen, Kranken und Ausgegrenzten. Doch das "Nein" der Kirche ist nur dann etwas wert, wenn es sich nicht abnutzt, wenn es gut begründet ist, wenn es den Menschen vermittelt werden kann und wenn es nicht allzu kulturpessimistisch daherkommt.

Umso erstaunlicher ist es, welche Nebenkriegsschauplätze kirchliche Verbände und Hilfswerke alljährlich eröffnen, um ihre moralischen Patronen leichtfertig zu verschießen: nein zu frühen Ostereiern und Weihnachtsgebäck in den Supermärkten, nein zu Halloween und nein zum Weihnachtsmann. Natürlich ist und bleibt es die Pflicht der Kirche, den Menschen zu erklären, warum sie Heilige verehrt. Aber warum auf Kosten von Halloween? Auch sollten Kinder wissen, dass der Nikolaus nicht nur den Stiefel vor der Haustür befüllt, sondern ein beeindruckendes Zeugnis gelebter christlicher Nächstenliebe ist. Aber braucht es dafür eine "Weihnachtsmannfreie Zone"?

Eine Kirche, die sich reflexartig echauffiert und sich durch Abgrenzung definieren möchte, macht sich mit den Kräften in Politik und Gesellschaft gemein, die sie ansonsten zu recht kritisiert. Und vor allem: Wer gegen den Weihnachtsmann kämpft, offenbart seinen tatsächlichen Bedeutungsverlust. In einer modernen Gesellschaft, die von Freiheit geprägt ist, sind es also nicht die Verbote, die überzeugen, sondern die besseren Angebote. Sobald der fair gehandelte Nikolaus besser schmeckt als das hirtenstablose Lindt-Produkt, regelt der Markt sich von alleine.

Von Björn Odendahl

Anmerkung: Nach dem freundlichen Hinweis einer Leserin auf einen existierenden "Milka"-Nikolaus wurde das Wort "Milka" im letzten Satz durch "Lindt" ersetzt.

Der Autor

Björn Odendahl ist Redakteur bei katholisch.de.

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Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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