Man sieht, wie die Hände einer Frau mit Nadel und Taschenlampe einen alten, edlen Stoff untersuchen.
Forscher nehmen sich Gewänder der Bamberger Bistumspatrone vor

Des Kaisers alte Kleider

Ein Bamberger Forscherteam untersucht seit Monaten die ältesten erhaltenen Gewänder europäischer Herrscher. Sie stammen von dem heiligen Ehepaar Kaiser Heinrich II. und Kunigunde. Jetzt gibt es erste Ergebnisse zu einem liturgischen Gewand.

Von Julia Haase (KNA)  |  Bamberg - 09.03.2016

"Wir nehmen an, dass bewusste und tiefgreifende Veränderungen vorgenommen wurden, um einen Kaiser- und Heiligenkult zu befördern", sagt die Kunsthistorikerin Tanja Kohwagner-Nikolai. Bereits im 15. Jahrhundert und zuletzt Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die kaiserliche Garderobe aufwändig restauriert. Grund genug, am Originalzustand der Stickereien zu zweifeln. Die Forscher nutzten die Winterpause des Bamberger Diözesanmuseums, um die dort ausgestellten Stücke wie Sternenmantel, Rationale, Reitermantel, Tunika und Kunigundenmantel unter die Lupe zu nehmen - und zwar wortwörtlich.

Kunigundenmantel im 15. Jahrhundert wenig verändert

Ein ganz neuer Forschungsansatz kombiniert unterschiedlichste Methoden. Seit dem Startschuss für das Langzeitprojekt im vergangenen Oktober arbeitet ein interdisziplinäres Team um Leiter Stephan Albrecht vom Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Universität Bamberg zusammen. Textilrestauratorin Sibylle Ruß untersucht mit Kunsthistorikerin Kohwagner-Nikolai die Mäntel im Ausstellungsraum unter einem speziellen Mikroskop. Winzigste Textilproben, darunter einzelne Fäden, wertet die Biologin Ursula Drewello anschließend im Labor aus.

Ein Paar mit kaiserlichen Herrschaftssymbolen liegt als Mamrmor-Relief auf einem Grab. Es handelt sich um das Kaisergrab im Bamberger Dom.
Bild: © KNA

Das marmorne Kaisergrab von Tilman Riemenschneider (1460-1531) zeigt Kunigunde mit ihrem Gatten Heinrich II. (978-1024). Ihre Kleidungsstücke werden nun untersucht.

Beim Kunigundenmantel hat sich die Forschungsthese einer stärkeren Überarbeitung nicht bestätigt. "Wir haben an verschiedenen Stellen unter der Stickerei originale Vorzeichnungen gefunden. Dass der Mantel im 15. Jahrhundert so wenig verändert wurde, überrascht uns wirklich", so Kohwagner-Nikolai. An einer Stelle sei sogar zu sehen, welche unterschiedlichen Methoden dabei ausprobiert wurden. Allerdings sei der Mantel "gewachsen". Der Grund: Die Stickereien wurden kleinteilig übertragen und dabei Zwischenstücke eingefügt. Würde heute jemand den Mantel tragen wollen, müsste er über einen Meter 90 sein.

Zeichen für Weltoffenheit

Die vermutete Originallänge deutet auf ein liturgisches Gewand hin, das nur im Stehen angezogen wurde. "Dafür spricht auch die Anordnung der Figuren und die unterschiedliche Sticktechnik an Front- und Rückseite", erklärt die Wissenschaftlerin. Aus der Literatur weiß man, dass drei verschiedene und sehr erfahrene Sticker, möglicherweise sogar eigene Hofsticker des Kaiserpaars, am Mantel gearbeitet haben. Indizien dafür sind die hohe Qualität und die verschiedenen Einflüsse aus anderen Kulturen, wie zum Beispiel aus Italien.

Zwei Frauen packen ein großes mittelalterliches Kleidungsstück

Textilrestauratorin Sibylle Ruß untersucht mit Kunsthistorikerin Tanja Kohwagner-Nikolai den Kunigundenmantel (im Bild) und den Sternenmantel, ein Rationale, den Reitermantel und eine Tunika.

Auch arabische Schriften finden sich auf den Gewändern - zur damaligen Zeit ein Zeichen von Weltoffenheit und Prestige. Bis die entziffert sind, wird es aber noch dauern. Klar ist bereits, dass im 15. Jahrhundert eine Frau die Restaurierungsarbeiten am Kunigundenmantel maßgeblich durchgeführt hat. Ungewöhnlich für diese Zeit. "Wir wollen wissen, wer diese Frau war und warum sie gerade dieses Stück restauriert hat", erklärt Kohwagner-Nikolai.

Und dann gibt es ja auch noch die anderen Kaisergewänder: Die Wissenschaftler haben noch viel zu tun. Zeit haben sie bis 2020. "Dann haben wir auch kein Geld mehr", sagt die Historikerin und lacht. Die Erkenntnisse sollen dann in einer Sonderausstellung im Diözesanmuseum präsentiert werden.

Alle Fragen rund um die alten Klamotten werden auch dann noch nicht beantwortet sein. Aber die Forscher hoffen, dass ihr bei dem Projekt erprobtes "Handwerkszeug" verlässlichere Ergebnisse als bisher liefert und neue Diskussionen anregt.

Linktipp: Kaiserin und Nonne

Kunigunde gilt als Gründerin des Bistums Bamberg und wird dort besonders verehrt. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Kaiser Heinrich II. fand sie im Bamberger Dom ihre letzte Ruhestätte. Der Gedenktag der Heiligen ist der 3. März.

Von Julia Haase (KNA)