Der BDKJ übergibt in Rom tausende Postkarten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Papst Franziskus
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BDKJ-Vorsitzender Andonie spricht bei der Bischofssynode

Deutscher Jugendvertreter an Bischöfe: Nur noch Taten zählen

Der deutsche Auditor bei der Jugendsynode Thomas Andonie hat am Freitagvormittag vor dem Papst und den Bischöfen gesprochen. Sein zentrales Thema: sexueller Missbrauch durch Kleriker. Katholisch.de dokumentiert das Statement in voller Länge.

Von Thomas Andonie |  Vatikanstadt/Düsseldorf - 05.10.2018

Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Thomas Andonie (27), hat die katholischen Bischöfe der Weltkirche aufgefordert, sexualisierte Gewalt in der Kirche radikal zu bekämpfen. "Jetzt zählen keine Worte mehr, es zählen nur noch Taten", sagte Andonie am Freitag vor der Jugendsynode in Rom. Katholisch.de dokumentiert das vom BDKJ verbreitete Redeskript im Wortlaut:

"Sehr geehrter Papst Franziskus, liebe Teilnehmende der Synode,

ich bin Thomas Andonie, Vorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, und vertrete über 660.000 junge Menschen, die in Deutschland in katholischen Jugendverbänden engagiert sind. Aktuell treibt uns ein Thema besonders um: In Deutschland werden fünf Prozent aller Diözesanpriester von Mitte des letzten Jahrhunderts bis 2014 beschuldigt, sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausgeübt zu haben. Und nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, in Mexiko, in Australien, in Chile, überall ist es passiert und wir müssen davon ausgehen, dass es weiterhin passiert. Das ist eine Katastrophe.

Es braucht jetzt ein Hören auf und die Sorge um die Betroffenen, angemessene Entschädigungszahlungen, unabhängige Untersuchungen der Vertuschung, Übernahme der Verantwortung, Entfernung der Täter aus dem kirchlichen Dienst und standardisierte und strukturell abgesicherte Präventionsmaßnahmen. Aber: Das reicht nicht! Wir müssen klerikalistische Strukturen aufdecken. Es geht nicht um Einzelfälle, das Problem liegt im System! Keine Begründung für kirchenrechtliche Regelungen kann sich halten, wenn klar wird, dass durch sie sexualisierte Gewalt begünstigt wurde. Es gibt keinen Paragraphen im Kirchenrecht, der heiliger ist als die Würde eines Menschen! Jetzt zählen keine Worte mehr, es zählen nur noch Taten. Wenn die Kirche dieses Unrecht nicht entschlossen bekämpft und beendet, wird sie ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen – besonders der jungen Menschen – nicht wiedererlangen. Dann ist alles umsonst, was wir hier besprechen.

Neben diesem wichtigen Thema möchte ich noch drei weitere ansprechen, die für junge Menschen das Thema 'authentisch Kirche sein' im Kern betreffen.

  1. Zur Rolle der Frau: Wir können nicht weiterhin fünfzig Prozent der Bevölkerung von der Leitung der Kirche ausschließen. Viele junge Frauen finden aufgrund dieser Ungerechtigkeit in der Kirche keine Heimat mehr. Und mit der Frage der Leitung hängt auch die Frage der Weihe zusammen. In den Jugendverbänden arbeiten Frauen und Männer, Laien und Priester bereits gleichberechtigt und geschlechterparitätisch zusammen und zeigen, wie bereichernd es ist, so vielfältig Kirche zu sein.
  2. Zur Sexualmoral der Kirche: Ein Großteil der jungen Menschen lehnt die Sexualmoral der Kirche, vor allem ihre Haltung zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und zu vorehelichem Geschlechtsverkehr, ab. Sie verstehen sehr gut, was die Kirche von ihnen fordert, vertreten aber– als getaufte und gefirmte Christinnen und Christen – schlichtweg eine andere Auffassung. Dabei sind ihnen Werte wie Treue und Verantwortung füreinander übrigens besonders wichtig. Nur wenn die Kirche bereit ist, diese Lebenswirklichkeiten anzuerkennen, wird sie in diesen wichtigen Fragen mit jungen Menschen neu ins Gespräch kommen können.
  3. Zur Begleitung: In unseren Jugendverbänden unterstützen sich junge Menschen gegenseitig dabei, ihre Berufung zu finden. Dies entspricht unserem Grundsatz: Jugend leitet Jugend! Dazu brauchen sie allerdings eine gute Ausbildung und die Unterstützung guter Seelsorgerinnen und Seelsorger. Es bereitet uns große Sorge, dass in Deutschland immer weniger Menschen bereit sind, einen pastoralen Beruf zu ergreifen. Auch hier braucht es Veränderungen, um ein gutes personales Angebot für junge Menschen vorzuhalten! Berufungspastoral muss in ihrer Breite gedacht werden und selbstverständlicher Bestandteil einer vielfältigen Jugendpastoral sein.

Wir wissen, dass die Verwirklichung einer 'authentischen Kirche' auch in unserer Verantwortung liegt. Diesen Auftrag nehmen wir an! Und genau deshalb spreche ich hier offen zu Ihnen: Wir brauchen mehr Mitbestimmung durch junge Menschen! Lassen Sie uns offen diskutieren. Gehen Sie die Probleme, die ich benannt habe, konkret an. Fördern Sie die Dezentralisierung. Es ist Zeit, dem Auftrag Jesu und seinem Reich besser zu entsprechen! Vielen Dank."

Von Thomas Andonie

Themenseite: Jugendsynode

Was beschäftigt junge Menschen heute? Woran glauben sie? Und wie kann die Kirche sie bei einem gelingenden (Glaubens-)Leben unterstützen? Darüber diskutieren die Bischöfe bei ihrerer weltweiten Synode vom 3. bis 28. Oktober 2018 im Vatikan.