Eintauchen in Gott
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Vor 50 Jahren starb die französische Mystikerin Madeleine Debrel

Eintauchen in Gott

Die Kirche und damit auch die Glaubwürdigkeit der Christen standen in jüngster Vergangenheit immer wieder in der Kritik. Weltweite Spannungen - Kriege, Terror , Gewalt, Naturkatastrophen und die zunehmende soziale Ungerechtigkeit - sind eine täglich erfahrbare Realität. Hat der Glaube vor diesem Hintergrund überhaupt noch eine Chance? Vor 50 Jahren, am 13. Oktober 1964, starb eine Frau, die in ihrer Zeit vor ähnlichen Herausforderungen stand und diese in der Kraft ihres Glaubens gemeistert hat.

Bonn - 13.10.2014

Sie lebte viele Jahre in einer Umwelt, die diesen Glauben nicht unterstützte, ja sogar bekämpfte. Wer war diese außergewöhnliche Frau? Madeleine Delbrel wurde 1904 in Südfrankreich geboren. Sie war ein Einzelkind, musikalisch und künstlerisch hochbegabt. Ihre religiöse Sozialisation ging im skeptisch-nihilistischen Umfeld ihres Vaters fast verloren. Rückblickend bekennt sie: "Mit 15 war ich streng atheistisch und fand die Welt jeden Tag absurder."

Mit 19 Jahren erlebte sie eine radikale Wende. Ihr Freund Jean Maydieu, mit dem sie schon fast verlobt war, trennte sich plötzlich von ihr und wurde Dominikaner . Diese überraschende Entscheidung schockierte Madeleine zutiefst. Doch dann begegnete sie an der Pariser Universität überzeugenden christlichen Studenten, die ihre bisherige Weltsicht in Frage stellten und sie nachdenklich machten. "Ich entschloss mich zu beten ... indem ich betete, habe ich geglaubt, dass Gott mich findet und dass er die lebendige Wahrheit ist und dass man ihn lieben kann, wie man eine Person liebt."

"Das Wort Gottes trägt man nicht in einem Köfferchen"

Zunächst wollte sie in den Karmel eintreten, schiebt den Wunsch aber wegen der Erblindung des Vaters und der daraus folgenden Zerrüttung der Familie auf. Abbe Lorenzo, ein "vom Evangelium Begeisterter", steckt sie an, so dass sie die Entdeckung machte, dass das Wort Gottes uns täglich sagt, was Gott von uns will. So schrieb sie: "Alles Leben aus dem Wort ist dynamisch, wächst, entwickelt und bewegt sich, wird fruchtbar. ... Das Wort Gottes trägt man nicht in einem Köfferchen bis zum Ende der Welt: Man trägt es in sich, man nimmt es in sich mit auf den Weg."

Diese umwerfende Erfahrung brachte sie 1927 dazu, nicht in den Karmel zu gehen, sondern den gewöhnlichen Alltag einer Christin zu leben. Sie wurde Sozialarbeiterin und lebte die evangelischen Räte ohne Gelübde mitten in der Welt. Zwei weitere Frauen schlossen sich ihr an. Die drei Frauen zogen nach Ivry, eine Arbeitervorstadt von Paris. In dieser Hochburg des militanten Kommunismus lebte Madeleine 30 Jahre bis zu ihrem Tod.

Sozialarbeiterin statt Karmelschwester

Die Konfrontation mit der Wirklichkeit, die sie dort erlebte, stellte eine harte Bewährungsprobe für ihren Glauben dar: Katholiken und Kommunisten grüßten sich mit Steinwürfen und rüden Beschimpfungen. Was Madeleine am meisten schockierte, waren die katastrophalen Arbeitsbedingungen der Menschen in Ivry: "Die Ungleichheit der Lebensbedingungen, das Arbeiterleben jener Zeit - vor 1936 - bestürzten mich." Die Christen in Ivry schien das nicht zu stören. "Die Arbeitgeber und Besitzer der drei Fabriken, welche die geringsten Löhne bezahlten, waren ortsansässige Katholiken." Nur durch intensives einsames Eintauchen in Christus, den Gott des Evangeliums, konnte sie der Versuchung des Marxismus widerstehen. Sie erlebte hautnah die soziale Ungerechtigkeit einerseits und den überzeugenden Einsatz der Kommunisten andererseits.

Madeleine lehnte jedes parteipolitische Engagement ab, arbeitete aber mit den Kommunisten zusammen für alle menschlichen Ziele, die mit den christlichen Geboten vereinbar waren. So tauchte sie eindrucksvoll unspektakulär und selbstverständlich bei allen Menschen auf, besonders den Benachteiligten, die ihre Hilfe brauchten. Von 1939 bis 1946, während des Zweiten Weltkriegs also, als die Kommunisten Ivry verlassen mussten, war Madeleine für den städtischen Sozialdienst zuständig. Ivry wurde durch sie ein vorbildlicher Ort sozialer Hilfeleistung. Den Verdienstorden der Resistance, den sie nach dem Krieg erhalten sollte, lehnte sie aus ihrer christlichen Motivation heraus ab.

Je kirchenloser die Welt ist, in die man hineingeht, umso mehr muss man Kirche sein.

Zitat: Madeleine Debrel

Madeleine lebte die Liebe zur Kirche

Als 1941 die französischen Bischöfe das überdiözesane Priesterseminar "Mission de France" gründeten, um Priester für die innere Mission Frankreichs auszubilden, gehörte sie als einfache Christin zu den wenigen Ratgebern. Nachdem das Experiment der Arbeiterpriester 1954 von Rom verboten wurde und damit scheiterte, zog sich Madeleine nicht zurück, sondern lebte ihre Liebe zur Kirche noch intensiver: "Je kirchenloser die Welt ist, in die man hineingeht, umso mehr muss man Kirche sein." Sie verkraftete diese Enttäuschung in einsamer Anbetung und aus ihrer nie versiegenden Freude des Glaubens, die sie durch alle Anfechtungen hindurch trug.

Madeleine hat diese Freude 1949 in dem Gedicht "Der Ball des Gehorsams" wunderbar zum Ausdruck gebracht, das mit einer visionären Gebetsbitte endet: "Gib, dass wir unser Dasein leben ... wie ein endloses Fest, bei dem man dir immer wieder begegnet, wie einen Ball, einen Tanz in den Armen deiner Gnade, während Musik der Liebe uns allseits umfasst." In einem Vortrag kurz vor ihrem plötzlichen Tod wenige Tage vor ihrem 60. Geburtstag hat sie die Quelle genannt, aus der ihr Christsein seine überzeugende Dynamik empfing: "Ich bin von Gott überwältigt worden und bin es immer noch."

Madeleine Delbrel hat sich radikal auf den Anruf des Evangeliums eingelassen und in einem intensiven Gebetsleben in Treue zur Kirche Kraft geschöpft für die vorbehaltlose Solidarität mit den Menschen ihrer Umgebung, besonders mit den Hilfsbedürftigen. Das Lebenszeugnis der katholischen Mystikerin ist wohl für jeden Christen heute eine Provokation, sich von der "betäubenden Kultur des Wohlstands" (Papst Franziskus) abzuwenden und sich wie Madeleine vom Jesus des Evangeliums neu finden und senden zu lassen zu den vielen, die auf Zuwendung und Hilfe warten, auf unsere Einladung zu dem Fest, das Gott für uns und mit uns feiern will und zu dem er uns immer wieder einlädt.

Von Elke Deimel (KNA)