Schwarz--Weiß-Foto, mit einem dunkelhäutigen Mann, der einer Menschenmenge zuwinkt.
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Heute vor 50 Jahren startete Martin Luther King seinen "Marsch auf Washington"

"Erzähl ihnen von dem Traum, Martin!"

Heute gilt er als einer der Gründungsväter der Nation. Das "Time-Magazin" nennt ihn einen der Architekten der Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert. Vor 50 Jahren hörten Martin Luther King mehr als 250.000 Menschen zu. Dennoch war er damals für viele nur ein Nigger. Heute sind seine Schuhabdrücke in die Stufen zum Lincoln-Memorial eingelassen, genau dort, wo er damals stand.

Bonn - 28.08.2013

Der "Marsch auf Washington für Freiheit und Jobs" am 28. August 1963 war der Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung und der Moment, in dem Martin Luther King in die Geschichte einging – denn er hatte einen Traum. Dass er davon erzählte, war zunächst gar nicht geplant. Denn in der Rede, die King ursprünglich für diesen Tag vorbereitet hatte, stand nichts von einem Traum. Er sprach von einem Scheck, den Abraham Lincoln den Schwarzen exakt 100 Jahre zuvor ausgestellt habe, indem er die Sklaverei de jure abschaffte. Er sprach davon, dass dieser Scheck bisher nie gedeckt war, dass nun aber die Zeit gekommen sei, ihn einzulösen.

Schwarze und Weiße

Sein Kampf für die Rechte der Schwarzen begann gleich nach dem Studium: Als die Bürgerrechtlerin Rosa Parks sich im Dezember 1955 weigerte, ihren Sitzplatz in einem öffentlichen Bus für einen Weißen frei zu machen und daraufhin zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, organisierte King den "Montgomery Bus Boycott". Es war sein erster großer Erfolg, der darin gipfelte, dass der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt Montgomery für verfassungswidrig erklärte. In den Jahren darauf reiste er durch das ganze Land, hielt hunderte Reden und musste sich immer wieder mit fragwürdigen Urteilen der Justiz herumschlagen. So wurde King zu sechs Monaten Zwangsarbeit verurteilt, weil er vergessen hatte, sein Auto umzumelden, als er nach Atlanta gezogen war. Im Laufe der Jahre gelang es ihm jedoch, auch immer mehr Weiße für seinen Kurs zu begeistern.

Auf einem Schwarz-Weiß-Foto spricht ein dunkelhäutiger Mann ins Mikrofon.
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Der amerikanische Bürgerrechtler und Baptistenpfarrer Martin Luther King hält eine Rede.

Und dann Washington. Die Kundgebung sollte den Druck auf Präsident John F. Kennedy und den Kongress erhöhen, endlich ein umfassendes Bürgerrechtsgesetz zu verabschieden und mehr gegen Arbeitslosigkeit und Armut zu unternehmen. Die Stimmung war extrem angespannt in diesem Sommer. Drei Monate zuvor hatte die Polizei in Alabama farbige Demonstranten, darunter viele Frauen und Kinder, mit Wasserschläuchen brutal verletzt und die Hunde auf sie gehetzt. Kennedy wollte eine Versammlung aufgebrachter Schwarzer am liebsten verhindern.

Doch in der Hauptstadt war von den Aggressionen nichts zu spüren. Die Fernsehsender zeigten live, wie Schwarze und Weiße gemeinsam friedlich demonstrierten. "Zwischenzeitig war da der Hauch eines Volksmusikfestes, als Gruppen von Schulkindern in die Hände klatschten und bekannte Lieder über die Freiheit sangen", berichtete die "New York Times" am Folgetag. Musiker wie Bob Dylan, Joan Baez und Peter, Paul and Mary unterhielten das Publikum, unter das sich zahlreiche Stars wie Marlon Brando, Paul Newman oder Charlton Heston gemischt hatten. "Wir hatten den Broadway geschlossen", erinnert sich der Sänger Harry Belafonte im "Time"-Magazin.

King legt das Manuskript beiseite

In den ersten zehn Minuten hielt King eine gute Rede, aber keine, die der Nation ihren Stempel aufdrücken könnte. Die Jazz- und Gospelsängerin Mahalia Jackson saß auf dem Podium wenige Meter hinter ihm: "Erzähl ihnen von dem Traum, Martin", raunte sie ihm zu. King legte das Manuskript beiseite und umfasste das Rednerpult mit beiden Händen: "Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird." Der Wendepunkt. Der Fotograf und Zeitzeuge Bob Adelmann sagte später: "Er sprach über seinen Traum, wie große Jazz-Musiker Musik spielen, er legte einfach ein brilliantes Solo hin."

Kennedy hatte die Rede am Fernseher verfolgt und die Organisatoren des Marsches kurzerhand zu sich ins Weiße Haus eingeladen. Doch King wusste, dass seine Rede nicht das Ende sondern erst der Anfang des Weges zur Gleichberechtigung war – ein Meilenstein in der Geschichte der USA. Doch obwohl 1964 der Civil Rights Act tatsächlich Gesetz wurde, und 1965 das Wahlrechtsgesetz den Afro-Amerikanern ein gleiches Wahlrecht gewährte, wurde das zunächst nicht als Folge des im kollektiven Gedächtnis verblassten Marsches gewertet.

Er sprach über seinen Traum, wie große Jazz-Musiker Musik spielen, er legte einfach ein brilliantes Solo hin.

Zitat: Bob Adelmann, Fotograf und Zeitzeuge

Zum einen gab es auch unter den Schwarzen radikale Gruppen, die nichts von Kings Philosophie des gewaltlosen Widerstandes hielten, ihn als sinnlosen Rummel abgetan. Der radikale Bürgerrechtler Malcom X etwa nannte ihn "die Farce von Washington". Zum anderen gab es in den Jahren danach so viele blutige Rassenzusammenstöße und Rückschläge, dass King selbst häufiger davon sprach, wie sich sein Traum in einen Alptraum verwandelt. Doch als er wie sein großes Vorbild Mahatma Gandhi 1968 einem fanatischen Mörder zum Opfer fiel, wurde der improvisierte Teil seiner Rede schnell zu seinem größten Vermächtnis erhoben. "Der Traum ist nicht mit ihm gestorben", sagte Präsident Lyndon B. Johnson bei Kings Trauerfeier in Washingtons National Cathedral. "Sein Traum trägt uns immer noch", meinte Präsident Jimmy Carter, als er ihm posthum 1977 die höchste zivile Auszeichnung der USA verlieh.

Erster schwarzer Präsident

Wie viel von Kings Traum bisher Wirklichkeit geworden ist, symbolisiert niemand besser als Barack Obama. Der erste schwarze Präsident der USA wurde im November 2011 wiedergewählt . Doch als Reaktion auf den umstrittenen Freispruch des Nachbarschaftswächters Georg Zimmerman, der den 16-jährigen Schwarzen Trayvon Martin erschossen hatte, sagte Obama: "Es gibt wenige Afro-Amerikaner, die noch nicht erlebt haben, dass Menschen ihre Autos verschließen, wenn sie sehen, dass ein Schwarzer die Straße überquert – das schließt mich ein." (mit Material von KNA)

Von Michael Richmann