Evangelische Kirche richtet zentrale Anlaufstelle zu Missbrauch ein
Dringliches Anliegen aus Sicht der Betroffenen

Evangelische Kirche richtet zentrale Anlaufstelle zu Missbrauch ein

Im Herbst hatte die Evangelische Kirche in Deutschland elf Punkte zur Aufarbeitung von Missbrauch beschlossen. Dazu zählt die Schaffung einer zentralen, unabhängigen Anlaufstelle für Betroffene. Schon in Kürze nimmt die ihre Arbeit auf.

Hannover - 11.06.2019

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) richtet zum 1. Juli eine unabhängige zentrale Anlaufstelle zum sexuellen Missbrauch ein. Betroffenen von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche oder der Diakonie stünden in der "Zentralen Anlaufstelle.help" Fachkräfte für Beratungsgespräche im geschützten Rahmen zur Verfügung, teilte die EKD am Dienstag in Hannover mit. Einen entsprechenden Vertrag habe die Kirche mit der Fachberatungsstelle "Pfiffigunde Heilbronn" geschlossen. Das Angebot ergänze die Ansprechstellen in einigen Landeskirchen.

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs als Sprecherin des EKD-Beauftragtenrats erklärte am Rande eines Experten-Fachtags, eine zentrale Anlaufstelle sei ein dringliches Anliegen aus Sicht der Betroffenen. Die dezentralen, anti-hierarchischen Strukturen in der evangelischen Kirche hätten es erschwert, die richtigen Ansprechpersonen zu finden. Die Einrichtung der Stelle ist Teil eines 11-Punkte-Handlungsplans, den die Synode der EKD im vergangenen November in Würzburg verabschiedet hatte. Für dessen Umsetzung stellt die EKD 2019 rund eine Million Euro bereit.

Im Mittelpunkt des Fachtags im Kirchenamt der EKD, zu dem mehr als 40 Wissenschaftler und Betroffene gekommen waren, stand die Konzeption einer im Rahmen des Handlungsplans beschlossenen wissenschaftlichen Aufarbeitungsstudie. Eine öffentliche Ausschreibung der Studie wird das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) unter der Projektleitung von Ingo Schäfer ausarbeiten. "Besonders wichtig finden wir, dass auch Betroffenen eine bedeutsame Rolle im Rahmen der Aufarbeitung zukommen soll", betonte der Leiter der Arbeitsgruppe Trauma und Stressforschung am UKE. Erste Ergebnisse des zweistufigen Prozesses, die auf regionaler Ebene gewonnen werden, sollen bis Ende 2021 vorliegen.

Der Fachtag beriet auch über die ebenfalls beschlossene Dunkelfeldstudie, mit der Kennzahlen zu sexualisierter Gewalt durch haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende der evangelischen Kirche und der Diakonie erhoben werden sollen. Derzeit sind rund 600 Fälle in der evangelischen Kirche bekannt. Im März hatten sich die EKD und der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung darauf verständigt, bis zum Herbst zu Eckpunkten einer Vereinbarung zwischen dem Unabhängigen Beauftragten und der EKD zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche zu kommen.

Betroffeneninitiative will "Gauck-Behörde" zu Missbrauch

Die Betroffenengruppe "Missbrauch in Ahrensburg" beklagte bei der Tagung eine unzureichende Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der evangelischen Kirche. Die bisherigen Schritte blieben "weit hinter den Erwartungen der Betroffenen zurück", erklärten die Sprecher der Initiative, Anselm und Stephan Kohn, am Dienstag in Hannover. Der Fall von Ahrensburg (Nordkirche) gilt als der bisher größte Missbrauchsskandal in der evangelischen Kirche.

Die Präventionsbemühungen der Kirchen und des Bundesbeauftragten für den sexuellen Missbrauch greifen nach Ansicht der Initiative immer noch zu kurz und blieben deshalb zum Scheitern verurteilt. Als "Nachweis ernsthaften Aufarbeitungswillens" fordert die Initiative "eine Art Gauck-Behörde für Missbrauchsinformationen". Zudem gelte es, Strukturen und Prozesse innerhalb der Organisation - in diesem Fall der EKD - zu überprüfen und zu verändern und "tätige Reue" durch Kompensation und Entschädigung zu zeigen. (tmg/KNA)