Franziskus bittet Karekin II. um Segen
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Symbolträchtige ökumenische Geste des Papstes in Armenien

Franziskus bittet Karekin II. um Segen

Am dritten und letzten Tag seiner Armenien-Reise setzte der Papst ein symbolträchtiges ökumenisches Zeichen. Am Vorabend hatte er Armenier und Türken zur Versöhnung aufgerufen.

Etschmiadzin - 26.06.2016

In einem Grußwort rief Franziskus zu einem ökumenischen Dialog in gegenseitigem Respekt auf. In allen Christen sollte die Sehnsucht nach einer Einheit herrschen, die weder darauf ziele, "einander zu unterwerfen noch sich gegenseitig einzuverleiben", so der Papst. Es gehe vielmehr darum, "alle Gaben anzunehmen, die Gott jedem gegeben hat". Zum Abschluss bat Franziskus den Katholikos um seinen Segen für ihn selbst sowie die gesamte katholische Kirche.

Karekin II. nannte den Papst in seiner Predigt einen "geliebten Bruder". Sein Besuch habe deutlich gemacht, dass die "Heilige Kirche Christi" geeint das Evangelium in der Welt verkünde, für die Bewahrung der Schöpfung eintrete und die großen Herausforderungen der Menschheit angehe. Die sogenannte Göttliche Liturgie fand auf einem Platz am Sitz des Katholikos statt. Der Papst trug bei der Feier eine Stola mit dem Wappen seines Vorgängers Benedikt XVI. Vor der Liturgie traf Franziskus in Etschmiadzin mit den 14 armenisch-katholischen Bischöfen des Landes zusammen.

An dem Gottesdienst in Etschmiadzin nahmen auch Vertreter religiöser und ethnischer Minderheiten sowie ausländische Gäste teil. Katholikos Karekin II. erwähnte in seiner Predigt unter anderem assyrische Christen, Juden, Jesiden und Kurden, aber auch Deutsche, Russen und Polen.

Ökumene als zentrales Thema der dreitägigen Armenien-Reise

Die Ökumene ist ein zentrales Thema der dreitägigen Armenien-Reise gewesen. Katholikos Karekin II. begleitete den Papst zu nahezu allen Terminen seines Besuchsprogramms. Während eines ökumenischen Friedensgebets in der Hauptstadt Eriwan mahnte Franziskus dazu, die Einheit der Christen nicht als "strategischen Vorteil" zu sehen, der aus gegenseitigem Interesse anzustreben sei. Sie sei das, "was Jesus von uns verlangt".

Franziskus und das armenisch-apostolische Kirchenoberhaupt wollen deshalb zum Abschluss des Papstbesuchs auch eine ökumenische Erklärung unterzeichnen. Das teilte ein Sprecher der armenischen Kirche am Sonntag in Etschmiadzin mit. Der Inhalt der Erklärung werde erst nach der Unterzeichnung bekanntgegeben.

Vatikansprecher Federico Lombardi sagte, man habe den Text am Samstagabend beschlossen. Die Unterzeichnung finde vor dem Besuch des Klosters Khor Virap statt, dem letzten Programmpunkt des Papstbesuchs. Die Erklärung gebe den Stand der ökumenischen Beziehungen der beiden Kirchen wieder, sagte Lombardi.

Bereits am Samstagabend hatte der Papst zur Versöhnung zwischen Armeniern und Türken aufgerufen. "Gott segne eure Zukunft und gewähre, dass der Weg der Versöhnung zwischen dem armenischen und dem türkischen Volk wiederaufgenommen werde", sagte er anlässlich eines ökumenischen Friedensgebets auf dem Platz der Republik in Eriwan. Zugleich mahnte er eine friedliche Beilegung des Konflikts zwischen Armenien und dem Nachbarland Aserbaidschan um die Region Bergkarabach an.

Armenier sollen "Friedensstifter" sein

Die Armenier müssten sich engagieren, "um die Fundamente für eine Zukunft zu legen, die sich nicht von der trügerischen Kraft der Rache vereinnahmen" lasse, sagte Franziskus mit Blick auf die Massaker an den Armeniern, die das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg beging.

Franziskus rief die Armenier auf, "Friedensstifter" und "aktive Förderer einer Kultur der Begegnung und Versöhnung" zu sein. Sie dürften nicht "Notare des Status quo" bleiben. Auch die Erfahrung der "ungeheuren und wahnsinnigen Vernichtung" während der Massaker vor 100 Jahren könne im Licht des christlichen Glaubens ein "Same des Friedens" werden. Wenn das Gedächtnis der Armenier von Liebe geprägt sei, könnten sie "neue und überraschende Wege" einschlagen, um die "Machenschaften des Hasses" in "Pläne der Versöhnung" zu verwandeln, so der Papst. Am Freitag hatte er die Geschehnisse während des Ersten Weltkriegs abweichend von seinem Manuskript abermals als "Völkermord" bezeichnet. (bod/KNA)

UPDATE: Auszug aus der gemeinsamen Erklärung

(...) Leider sind wir aber Zeugen einer ungeheuren Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt, einer Tragödie zahlloser unschuldiger Menschen, die getötet, vertrieben oder durch andauernde ethnische, wirtschaftliche, politische oder religiöse Konflikte im Nahen Osten und in anderen Teilen der Welt in ein schmerzliches und ungewisses Exil gezwungen werden. Folglich sind religiöse und ethnische Minderheiten zum Ziel von Verfolgung und grausamer Behandlung geworden, bis zu dem Punkt, dass das Leiden für den eigenen Glauben zur täglichen Realität geworden ist.

Die Märtyrer gehören allen Kirchen an und ihr Leiden ist eine "Ökumene des Blutes", die die historischen Trennungen zwischen Christen übersteigt und uns alle aufruft, die sichtbare Einheit der Jünger Christi zu fördern.

Gemeinsam beten wir - auf die Fürsprache der heiligen Apostel Petrus und Paulus, Thaddäus und Bartholomäus - für eine Umkehr des Herzens all derer, die solche Verbrechen begehen, und derer, die in der Lage sind, die Gewalt zu beenden. Wir bitten die Leiter der Nationen inständig, auf das Flehen von Millionen von Menschen zu hören, die sich nach Frieden und Gerechtigkeit in der Welt sehnen, die die Achtung ihrer gottgegebenen Rechte verlangen, die dringend Brot brauchen, nicht Waffen.

Leider beobachten wir eine Darstellung von Religion und religiösen Werten in einer fundamentalistischen Weise, die benutzt wird, um die Verbreitung von Hass, Diskriminierung und Gewalt zu rechtfertigen. Die Rechtfertigung solcher Verbrechen aufgrund religiöser Vorstellungen ist unannehmbar, denn "Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens" (1. Korintherbrief 14,33). Außerdem ist die Achtung religiöser Unterschiede die notwendige Bedingung für das friedliche Zusammenleben verschiedener ethnischer und religiöser Gemeinschaften.

Gerade weil wir Christen sind, sind wir aufgerufen, Schritte zu Versöhnung und Frieden zu suchen und umzusetzen. In dem Zusammenhang bringen wir auch unsere Hoffnung auf eine friedliche Lösung der Probleme um Berg-Karabach zum Ausdruck. (...) (KNA)