Jacques Hamel: Der Märtyrer, der noch keiner ist
Vor zwei Jahren wurde der französische Priester ermordet

Jacques Hamel: Der Märtyrer, der noch keiner ist

Nach dem Mord vom 26. Juli 2016 waren viele Gläubige überzeugt: Jacques Hamel starb als Märtyrer. Kurz darauf begann das Seligsprechungsverfahren. Viel spricht dafür, dass das Volk Recht behalten wird.

Von Kilian Martin |  Bonn - 26.07.2018

"In zwei Jahren hätte er sein Diamantenes Jubiläum gefeiert, 60 Jahre als Priester", heißt es im Lebenslauf Jacques Hamels, den sein Bistum bereitstellt. Doch der damals 85-Jährige starb knapp einen Monat nach seinem 58. Weihetag durch die Tat zweier islamistischer Terroristen. Der grausame Mord vor zwei Jahren sorgte weltweit für Bestürzung, aber auch für Bewunderung und Gebete. Denn nicht nur in der französischen Erzdiözese Rouen, in der Hamel wirkte, sind viele Katholiken von seiner Heiligkeit überzeugt.

Ein Rückblick: Im bis dahin ruhigen Nachrichtengeschehen am Vormittag des 26. Juli 2016, einem Dienstag, macht die Eilmeldung die Runde, dass in einer Dorfkirche in Nordfrankreich unbekannte Täter mehrere Geiseln genommen hätten. Gegen halb zwölf Uhr teilt die Polizei mit, dass die Geiselnahme beendet sei. Ein Spezialkommando habe zwei Täter beim Einsatz erschossen. Zudem sei eine der fünf Geiseln ums Leben gekommen – es soll sich um einen Priester handeln. 

Die Chronik des Verbrechens

Heute ist der Ablauf der Bluttat von Saint-Étienne-du-Rouvray, einem Vorort von Rouen, längst aufgearbeitet. Der Ruhestandsgeistliche Hamel feierte gerade die 9-Uhr-Werktagsmesse, gemeinsam mit zwei Ordensfrauen und zwei weiteren Gläubigen aus der Gemeinde. Um 9.43 Uhr betraten zwei Terroristen des "Islamischen Staates" die Kirche: ein 19-jähriger Tunesier und sein gleichaltriger Komplize, ein französischer Konvertit. Die beiden kannten sich zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen Tagen, sie waren im Internet zu Radikalen geworden – und der Polizei bereits früher aufgefallen. Das konnte die Tat freilich nicht verhindern.

Weiche, Satan!

Zitat: Letzte Worte Jacques Hamels

Laut den überlebenden Geiseln filmten sich die Attentäter, wie sie im Gotteshaus ihre islamistische Propaganda vortrugen und den Anwesenden die angebliche Überlegenheit ihres Glaubens ins Gesicht brüllten. Dann packten sie den Priester und zwangen ihn auf die Knie. Hamel versuchte noch, sich zu wehren, heißt es in den Berichten; "Weiche, Satan!", habe er seinen Peinigern entgegengerufen. Unter ihrem als Schlachtruf missbrauchten muslimischen Glaubensbekenntnis enthaupteten die Terroristen den 85-jährigen Hamel schließlich auf den Stufen vor dem Altar. Eine weitere Geisel, einen ebenfalls fast 90-jährigen Mann aus der Gemeinde, verletzten sie mit Messerstichen schwer. Einer der beiden Schwestern gelang die Flucht aus der Kirche und der rettende Hilferuf. 58 Minuten nach Beginn des Anschlags wurden die beiden Täter schließlich auf dem Kirchvorplatz von Spezialkräften erschossen, als sie unter "Allahu akbar"-Rufen aus dem Gotteshaus stürmten.

Gedenken an Jacques Hamel

Vor der Kirche Saint Etienne, wo der 85jährige Priester Jacques Hamel am 26. Juli 2016 ermordet wurde, haben Trauernde Bilder zum Gedenken aufgehängt.

Soweit die erschütternde Chronik des Attentats. Doch offen bleibt eine große Frage, die zu beantworten nun Aufgabe der Kirche ist: Starb Jacques Hamel als Märtyrer? Papst Franziskus selbst erklärte schon kurz nach dem barbarischen Akt, dass Hamel "jetzt ein Seliger" sei. Die offizielle Seligsprechung steht noch aus. Denn dazu bedarf es eines umfangreichen kirchlichen Verfahrens, welches zudem frühestens fünf Jahre nach dem Tod eines Gläubigen eröffnet werden darf. Für Hamel jedoch setzte Franziskus die Regel persönlich außer Kraft.

Eines der schnellsten Seligsprechungsverfahren der Geschichte

Rouens Erzbischof, Dominique Lebrun, zögerte nicht und setzte das Verfahren offiziell im April 2017 in Gang. Er sei überzeugt, "dass der Diener Gottes Jacques Hamel, Priester unserer Diözese von Rouen, durch das Geschenk seines Lebens bis zum Tod Christus bis zum Äußersten nachgefolgt ist", schrieb er im Eröffnungsdekret. Am 20. Mai vergangenen Jahres, keine zehn Monate nach dem Tod Hamels, trat die diözesane Seligsprechungskommission in Rouen erstmals zusammen. Das Tribunal will nach Angaben des Erzbistums mindestens 69 Zeugen hören, die über Leben, Wirken und Sterben Hamels berichten sollen. Damit läuft in Nordfrankreich eines der schnellsten Seligsprechungsverfahren überhaupt und wenig spricht dafür, dass es sich noch wesentlich verzögern könnte.

Der Wunsch des Papstes nach einem baldigen Erfolg des Verfahrens ist offenkundig, ebenso denkt der Erzbischof. Vor allem aber sehen unzählige Gläubige in Jacques Hamel einen Märtyrer, der aus Liebe zu seinem Glauben an Gott in  den Tod gegangen ist. "Vox populi vox Dei", heißt es im Lateinischen, wenn Volkes Stimme göttlichen Willen zum Ausdruck bringt. Man konnte dies im Jahr 2005 erleben, als Tausende mit dem Ruf "Santo subito" die Heiligsprechung des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. forderten. Ähnliches spielte sich auch im August 2016 ab, als Hamel zu Grabe getragen wurde

Trauerfeier für den ermordeten Priester Jacques Hamel am 2. August 2016 in der Kathedrale in Rouen. Zwei islamistische Gewalttäter hatten den 85-Jährigen in seiner Kirche in der Nähe von Rouen getötet.
Bild: © KNA

Trauerfeier für den ermordeten Priester Jacques Hamel am 2. August 2016 in der Kathedrale in Rouen.

Und es gibt gute Argumente dafür, dass die Gläubigen auch im Falle des Priesters Hamel richtig liegen. Seine Vita ist die eines einfachen aber vorbildhaften Seelsorgers. Als Sohn eines Eisenbahners und einer Weberin wurde er im Jahr 1930 als erstes von zwei Kindern in einem Vorort Rouens geboren. Als frommes Kind habe Jacques schon mit 10 Jahren die lateinischen Messtexte aufsagen können, berichtete seine Schwester Rosaline. Prägend war sein Kriegsdienst in Algerien in den 1950er Jahren. Er haben sich stets der Offizierslaufbahn verweigert, erzählt seine Schwester, weil er sich einerseits nicht über andere habe erheben wollen, andererseits weil es ihm zuwider gewesen sei, den Befehl zum Töten zu geben. Daher ging er als einfacher Soldat in jenen Einsatz im November 1954, aus dem er als einziger seiner Truppe lebend zurückkehrte.

Ein Priester mit franziskanischem Lebensstil

1958 wurde Jacques Hamel dann in Rouen zum Priester geweiht. Für die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils war er ebenso offen wie für die Nöte seiner Gemeinde. Einen unprätentiösen, franziskanischen Lebensstil habe er stets gepflegt, berichten Gemeindemitglieder. An einer seiner Stationen als Pfarrer zog Hamels Mutter zu ihm ins Pfarrhaus. Bis zu ihrem Tod kümmerten sich beide dreizehn Jahre lang umeinander. Im Jahr 2000 wurde er dann zum Pfarrer von Saint-Étienne-du-Rouvray ernannt, wo er auch nach seiner Pensionierung fünf Jahre später noch als Hilfsgeistlicher tätig blieb und schließlich getötet wurde.

Linktipp: "Für mich ist Abbé Jacques ein Märtyrer"

Der Würzburger Priester Christian Stadtmüller wollte ursprünglich nur als Urlauber nach Rouen kommen. Doch dann hat er beim Requiem für Jacques Hamel konzelebriert. Ein Interview. (Vom August 2016)

Zu den zahlreichen Menschen, die nach Hamels Tod nur Gutes über ihn zu berichten hatten, gehörten sehr prominent die Vertreter der muslimischen Gemeinde. In den letzten Monaten seines Lebens intensivierte der Priester sein Engagement für den islamisch-christlichen Dialog. Unter dem Eindruck der zurückliegenden Terroranschläge von Paris und Nizza, die von Islamisten verübt wurden und das Land zutiefst erschüttert hatten, war sich der 85-Jährige sicher, Frieden nur durch Freundschaft erreichen zu können.

Neben diesem tugendhaften Leben spricht noch etwas dafür, dass die Welt am 26. Juli 2016 den Tod eines Märtyrers beobachtet hat: die Tat selbst. Während die Christenverfolgung in vielen Teilen der Welt erschreckende Ausmaße angenommen hat, blieb Europa von solchen Taten bisher verschont. Mit Hamel wurde erstmals im 21. Jahrhundert ein Priester in einem europäischen Land von islamistischen Terroristen getötet. Dabei war die Tat der beiden Verbrecher erstaunlich unbedacht, geradezu stümperhaft vorbereitet und durchgeführt. Ort, Zeitpunkt und Opfer ihres Anschlags dürften für sie kaum eine Rolle gespielt haben. Die Bluttat von Saint-Étienne-du-Rouvray war die Folge des blinden Hasses auf den christlichen Glauben – des Glaubens Jacques Hamels, den er bis zuletzt nicht vom Hass überwinden lassen wollte.

Von Kilian Martin

Hinweis: Dieser Text wurde ursprünglich am 26.07.2017 zum ersten Jahrestag des Anschlags veröffentlicht.

Linktipp: Ein Priester bis zum letzten Atemzug

Der Priester Jacques Hamel wurde am Altar von Terroristen getötet. Für viele Gläubige ist er damit zum Märtyrer geworden. Doch er war schon vorher ein Vorbild an Dienstbereitschaft. (Porträt vom Juli 2016)