Die Bundesminister bei der Ernennung des neuen Bundeskabinetts Merkel IV durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue.
Über die Zusammensetzung der neuen Bundesregierung

Pro und Contra: Braucht das Kabinett die Katholiken?

In der neuen Bundesregierung stellen Katholiken die Mehrheit. Völlig egal, sagt Kilian Martin - im Kabinett zähle vor allem die Sachkompetenz. Kollegin Gabriele Höfling hält dagegen.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 17.03.2018

Pro: Wir brauchen christliche Minister!

Diese Ansicht ist auch unter Christen oft zu hören: Minister seien vor allem Behördenleiter und dafür sei es irrelevant, ob sie einer Religion angehören. Einer genaueren Betrachtung hält dieses Argument jedoch nicht stand. Natürlich gilt auch für Christen im Ministeramt, dass sie zu allererst in der jeweiligen Sache kompetent sein müssen. Aber gar nicht so selten spielt der religiöse Hintergrund auch bei Sachentscheidungen eine Rolle. Natürlich kann der neue Finanzminister Olaf Scholz auch ohne Kirchenzugehörigkeit verantwortungsvoll mit dem Vermögen der Bundesrepublik vorgehen. Wenn ich aber an den Lebensschutz denke  - etwa die immer wieder aufflackernde Diskussion um Abtreibungen oder aktive Sterbehilfe - bin ich doch froh, dass der neue Gesundheitsminister Jens Spahn ein bekennender Katholik ist. Gleiches gilt für Wissenschaftsministerin Anja Karliczek - die passende Assoziation wäre hier etwa die Diskussion um die Forschungsmethode CRISPR/Cas, mit der das menschliche Erbgut ganz einfach manipuliert werden kann. Hinzu kommt, dass kirchliche Lobbyisten im politischen Berlin wie Prälat Karl Jüsten mit ihren Themen bei christlichen Ministern vielleicht doch eher auf ein offenes Ohr stoßen als bei Politikern, die der Kirche eher skeptisch gegenüber stehen.

Viel wichtiger aber noch ist die Symbolkraft, die vom neuen Kabinett ausgeht. Wenn immer weniger Menschen einer Kirche angehören und die Kirche immer mehr an gesellschaftlichem Einfluss einbüßt, ist eine mehrheitlich christliche Bundesregierung doch ein wichtiger Kontrapunkt. Die in der Regel doch sehr angesehenen Minister bekennen vor einer säkularen Öffentlichkeit, dass ihnen der Glaube wichtig ist. Schon durch die viel beachtete Formel "So wahr mir Gott helfe" bei ihrer Vereidigung zeigen sie, dass sie mehr sind als nur Mitläufer. So können sie auch für sogenannte "Taufscheinchristen" zum Vorbild werden. Und vielleicht helfen sie ja auch, innerkirchlichen Debatten nach außen ein anderes Gehör zu verschaffen. Könnte es nicht sein, dass der ein oder andere Fernstehende vielleicht interessierter hinhört, wenn Heiko Maas über seinen Glauben spricht, als wenn es Kardinal Reinhard Marx tut, von dem man das erwartet?

Wem es egal ist, ob und wieviele Mitglieder der deutschen Bundesregierung Christen sind, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob es dann auch egal ist, an welchen anderen Schlüsselstellen der Gesellschaft noch Christen und deren Werte vertreten sind – in den Vorständen von Unternehmen etwa, den Chefredaktionen von Medien oder unter prominenten Schauspielern oder Musikern. Mir ist das jedenfalls wichtig. Will die Kirche in Deutschland nicht noch mehr an Bedeutung verlieren, muss sie positiv in die Gesellschaft hineinwirken. Christliche Minister sind dazu ein wichtiger Baustein.  

Von Gabriele Höfling

Katholiken im Kabinett

Neun der 16 Mitglieder im Kabinett Merkel IV sind Katholiken.

Contra: Kompetenz geht vor Katholizismus

Deutschland hat endlich wieder eine Bundesregierung und, Hurra!, das Kabinett ist pickepackevoll mit Katholiken! Mit neun von sechzehn Mitgliedern stellen sie gar die Mehrheit der Minister. Zugegeben, auch katholisch.de hatte prominent über diese Statistik berichtet. Dabei ist die Konfession der Behördenleiter bestenfalls nachrangig. Das Bekenntnis gar zum Kriterium der Eignung eines Bundesministers zu machen, ist ignorant. Auch Katholiken können – aus christlicher Perspektive – schlechte Entscheidungen treffen.

Unmittelbar zu Dienstbeginn haben zwei der prominentesten Katholiken im neuen Kabinett deutlich gemacht, wie wenig sich ihr religiöses Bekenntnis in ihren politischen Äußerungen finden lässt. Zunächst zog Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit einem despektierlichen Kommentar über Arbeitslose die Kritik insbesondere kirchlicher Verbände und Vertreter auf sich. Just am Freitag legte dann sein CSU-Kollege Horst Seehofer im neuen Heimatministerium nach: Deutschland sei christlich und hätte zwar Platz für Muslime, nicht aber für den Islam. Damit bemächtigte sich der Katholik einer Argumentationslinie, die in anderen Teilen der Welt für eine massive Einschränkung der Religionsfreiheit und mithin für die blutige Unterdrückung der Kirche sorgt. Antrittsaussagen wie die von Spahn und Seehofer lassen einen nicht unbedingt verstehen, welchen Vorzug ihr katholisches Bekenntnis für das Ministeramt haben sollte.

Ohnehin müssen die Bundesminister vor allem anderen in der Lage sein, eine Oberste Bundesbehörde zu führen. Dazu gehört die sinnvolle Verwendung teilweise mehrerer tausend Mitarbeiter und Steuergelder in Milliardenhöhe. Wenn sich ein Minister dabei von christlichen Motiven leiten lässt, ist das gewiss lobenswert. Vor allem aber muss er seiner Aufgabe fachlich gewachsen sein und sich an Recht und Gesetz halten. Dem untadeligen Katholiken Michael Glos (CSU) etwa hat sein Glaube scheinbar herzlich wenig geholfen, als er von 2005 bis 2009 ein recht glückloser Wirtschaftsminister war. Später bekannte Glos: "Ich hatte kaum eine Ahnung davon, was die Aufgaben dieses Ministeriums sind, um was es sich alles zu kümmern hat." Wen kümmert da noch seine Kirche?

Von Kilian Martin