Ein gepackter Koffer mit Hut, Kleidung und einer Bibel.
Carsten Leinhäuser über Gebote und Glaube auf Reisen

Urlaub auf gut katholisch

Die Liege mit einem Handtuch reservieren, einen über den Durst trinken, sonntags ausschlafen: Was ist für Christen im Urlaub in Ordnung und was nicht? Pfarrer Carsten Leinhäuser gibt Reisetipps.

Von Johanna Heckeley |  Bonn - 19.07.2016

Frage: Herr Leinhäuser, wir Deutsche sind im Ausland dafür bekannt, dass wir gerne unseren Liegestuhl am Pool mit einem Handtuch reservieren. Ist das aus christlicher Sicht eigentlich in Ordnung?

Leinhäuser: Nein, es ist einfach frech, so zu tun, als würde einem die Liege gehören und schon Stunden bevor man am Pool ist, seinen angeblichen Besitz zu markieren. Ich lege ja auch nicht meine Autoreifen auf den Supermarktparkplatz, weil ich morgen dort einkaufen gehen will. Mein Vorschlag dazu wäre: Wer im Urlaub seine Ruhe haben möchte, bleibt einfach im eigenen Garten. Oder er probiert mal, sein Handtuch am Pool des Nachbarn auszulegen und guckt, was dann passiert. Ansonsten gilt: Was für alle da ist, ist für alle da.

Frage: Wie ist das denn mit den zehn Geboten im Urlaub? Kann man da mal eine Pause machen und es locker angehen lassen?

Leinhäuser: Das Leben im Urlaub locker angehen lassen, das kann und soll man in jedem Fall. Daran hindern einen die zehn Gebote auch nicht - ganz im Gegenteil. Die Gebote geben uns ja sogar die Freiheit, das Leben zu genießen, indem sie sagen: Solange du dich in diesem wirklich weiten Rahmen bewegst, ist alles in Ordnung und du brauchst dir keine Sorgen zu machen.

Frage: Darf ein Katholik im Urlaub über die Stränge schlagen, die Sau rauslassen und "Party machen bis zum Umfallen"?

Leinhäuser: Party machen, verrückte Dinge tun und albern zu sein ist mehr als okay, das brauchen wir alle ab und zu mal: Ich finde es sehr wichtig, dass man sich Auszeiten nimmt, in denen man ganz authentisch sein kann. Ich würde vorsichtig sagen, dass alles erlaubt ist, solange du nicht dir oder einem Mitmenschen schadest. Wenn es für mich in Ordnung ist, mit einem Kater aufzuwachen, und ich weder minderjährig noch Alkoholiker bin, dann wird meine Leber auch mal einen Cocktail zu viel überstehen. Dabei erinnere ich gerne an das erste Wunder von Jesus: Er hat auf einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelt. Für die Leute, die gerne Party machen, habe ich einen praktischen Tipp: Sich im Laufe des Abends immer mal wieder die Frage zu stellen, ob es in diesem Moment okay wäre, wenn jemand ein Foto machen und das bei Facebook hochladen würde. Je nachdem, wie man in der Situation die Frage beantwortet, sollte man vielleicht nochmal überdenken, was man gerade tut.

Linktipp: "Trink nicht nur Wasser"

Der Apostel Paulus reiste lange durch den Mittelmeerraum. Die Briefe, die er den Christen von unterwegs schrieb, enthalten auch viele Ratschläge zum Reisen selbst. Katholisch.de gibt einen Überblick.

Frage: Und wie steht es mit dem Sonntagsgebot? Kann man in den Ferien ausschlafen und nicht zum Gottesdienst gehen?

Leinhäuser: Zunächst finde ich grundsätzlich, dass es nicht meine Aufgabe ist, darüber zu urteilen, wer wie oft den Gottesdienst mitfeiert. Das ist eine Sache, die jeder persönlich mit Gott aushandeln muss. Ich persönlich finde es aber gerade im Urlaub spannend, Gottesdienste zu besuchen. Zwar wird auf der ganzen Welt in katholischen Kirchen die gleiche Liturgie gefeiert, aber es ist doch überall etwas anders. Ich habe den Eindruck, dass gerade im Urlaub, wenn der Alltagsstress weg ist, es Gott leichter hat, uns zu erreichen. Daher sind vielleicht gerade die Ferien eine gute Chance, mal in Ruhe in den Gottesdienst zu gehen. Und: Man kann ja auch Abendgottesdienste besuchen, wenn man morgens ausschlafen will, das steht jedem frei.

Frage: Wie ist das eigentlich, wenn ich Urlaub an einem Ort mache, in dem es nur evangelische oder orthodoxe Gemeinden gibt? Kann ich da einfach den Gottesdienst mitfeiern?

Leinhäuser: Na klar. Ökumene lebt dort, wo Christen gemeinsam beten - auch im Urlaub. Beim Besuch eines orthodoxen Gottesdienstes empfehle ich, darauf zu achten, wie sich die anderen Menschen in der Kirche verhalten. Aus dem einfachen Grund, dass dort die Liturgie schon etwas anders und ungewohnt für uns Katholiken ist. Dann passieren auch keine peinlichen Fehler. Ansonsten gilt: Mitfeiern und die Antenne auf Gott ausrichten. Der ist schon da und freut sich über meinen Besuch.

Carsten Leinhäuser
Bild: © privat

Carsten Leinhäuser ist BDKJ-Diözesanpräses und Leiter der Abteilung Jugendseelsorge im Bistum Speyer - hier während des Weltjugendtags 2013 in Rio de Janeiro.

Frage: Ein anderes Thema - ist es mit unserem Glauben vereinbar, in armen Ländern All-inclusive-Urlaub zu machen oder dahin zu reisen, wo Flüchtlinge stranden?

Leinhäuser: Da hätte ich eine Gegenfrage: Wie kann ich entspannen und die Füße hochlegen, wenn in der Nähe Menschen leiden? Damit tue ich mich schwer. Vielleicht wäre es, bevor man den Urlaub bucht, grundsätzlich nicht blöd, sich die Frage zu stellen, wohin das Geld fließt, das man für den Urlaub ausgibt. Davon abgesehen ist für mich persönlich All-inclusive-Urlaub sowas wie Fast Food: Das kann man mal machen, aber es ist bestimmt nicht das Leckerste. Ich finde es spannender, ohne Vollpension in ein Land zu reisen, um es entdecken zu können.

Frage: Ist es also umgekehrt - nur ein nachhaltiger Urlaub ist ein christlicher Urlaub?

Leinhäuser: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Ich finde aber, je mehr Nachhaltigkeit in meinem Urlaub drinsteckt, desto mehr kann ich ihn genießen. Das heißt aber nicht, dass man nur in die Berge zum Wandern gehen darf! (lacht) Jeder kann ja für sich sehen, dass er achtsam ist und einen guten Mittelweg findet, indem er sowohl auf Nachhaltigkeit achtet, aber sich ebenso etwas gönnt. Ich glaube, dass wir Christen einen besonderen Auftrag und auch eine Verantwortung haben, Gottes Schöpfung zu schützen. Ich würde mir aber wünschen, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Glauben darauf achtet. Das ist es ja eben: Wenn jeder mithilft, unseren Planeten zu bewahren, dann heißt das auch, dass er noch in zehn Jahren an den schönen Urlaubsort zurückkehren kann - und seine Kinder ebenso!

Linktipp: Kirche an der frischen Luft

Im Urlaub kann man loslassen und sich neuen Erfahrungen öffnen. Die Tourismus-Seelsorge ist da, wo diese Prozesse in Gang kommen. An vielen Urlaubsorten gibt es interessante Angebote. Eine Übersicht.

Frage: Was kann man machen, wenn man möchte, dass der Glaube auch zum Beispiel am Strand nicht vollkommen in den Hintergrund tritt?

Leinhäuser: Mein erster Tipp ist: Setz dich jeden Abend, vorzugsweise mit einem guten Getränk, kurz hin, schau dir den Sternenhimmel an, wenn das Wetter gut ist, und sag Gott einfach Danke für den Tag. Das ist nichts Großes, aber ein schöner Tagesabschluss. Der zweite Tipp ist, am Urlaubsort mal zu schauen, was die Kirchen so zu bieten haben - auch, wenn man die Sprache nicht versteht. Da gibt es vielleicht mehr zu entdecken, als man zunächst denkt.

Frage: Wie entspannen Sie denn?

Leinhäuser: Entspannen heißt für mich, dass ich das Leben genieße und mich darüber freue, wie unglaublich schön Gott diesen Planeten gemacht hat - und dass er in all dem Chaos auf der Welt und in meinem Alltag Oasen bereithält, an denen ich ausspannen kann und meine Sorgen für ein paar Tage vergessen darf. Dazu gehören für mich genügend Schlaf, gutes Essen und nette Begegnungen. Aber da muss jeder für sich selbst sehen, was er braucht, um entspannen zu können.

Von Johanna Heckeley