Metal-Gottesdienst in der Heilig-Geist-Kirche in Wacken
Was "milieusensible" Pastoral leisten kann – und was nicht

Wieviel Milieu braucht die Pastoral?

Seit mindestens zehn Jahren kommt keine Pastoralkonzeption ohne dieses Schlagwort aus: Milieusensibilität. Aber bringt dieser Ansatz wirklich etwas? Der Kommunikationsberater Erik Flügge meint: Ja – aber nicht so, wie er üblicherweise in der Kirche verwendet wird.

Von Erik Flügge |  Köln - 29.03.2018

Was braucht es, damit Sie eine Folge von "Schwiegertochter gesucht" gerne anschauen wollen? – Genau, diese Sendung von RTL, bei der verzweifelt einsame Menschen, die mental massiv mit ihrer plötzlichen Rolle in der Öffentlichkeit überfordert sind, mit fadenscheinigen Versprechungen vom Liebesglück dem Publikum wie im Zoo vorgeführt werden. Was braucht es, damit Sie eine Folge davon gerne schauen? – Richtig, da hilft nichts mehr: Es braucht eine andere Sendung auf einem anderen Sender, zu einer anderen Uhrzeit, ohne falsche Versprechen, ohne Täuschung, etwas Authentisches und moralisch Vertretbares. Es braucht alles, aber nicht "Schwiegertochter gesucht."

Dieser Text dreht sich nicht um RTL, sondern um milieusensible Pastoral, die nach neuesten Erkenntnissen unter Beschuss steht. Der Humangeograph Johannes Mahne-Bieder hat nachgewiesen, dass seelsorgerische Bedürfnisse nicht zielgruppenspezifisch sind. Warum also mein Anfang mit dem soziokulturellen Phänomen der Sendung "Schwiegertochter gesucht"? Was auf den ersten Blick klingt wie eine Verteidigung milieusensibler Pastoral, ist es ganz und gar nicht. Jemand, der keinen Gottesdienst braucht, braucht auch keinen anderen Gottesdienst. Er braucht etwas völlig anderes. Eine scheinbare Justierung, eine ästhetische Anbiederung an andere Milieus sorgt nur dafür, dass die Kernzielgruppen verloren gehen. Den treuen Kirchgängern wird genommen, was sie lieben, weil man es für die ändern möchte, die sowieso nicht kommen.

Linktipp: Ist Seelsorge nur eine Frage des Stils?

In der modernen Kirche heißt es oft: "Ein Milieu, ein Seelsorger". Der Humangeograph Johannes Mahne-Bieder hält diesen Ansatz für falsch. Seine deutschlandweite Studie lässt das Milieu-Paradigma wanken.

Milieuanalysen haben ein großes Potential

Jedes Angebot hat seine Zielgruppe und diese ist immer begrenzt. Es gibt nicht das Eine für alle. Seit über zehn Jahren beschäftigt sich die katholische Kirche mit Milieumodellen. Seit über zehn Jahren läuft das viel zu oft falsch. Denn das große Missverständnis bei Teilen des Personals, vermittelt durch manch unreflektierte Berater ohne Hintergrund in der Milieuforschung, ist beim Blick auf die Milieus, dass man das eigene Angebot so verändern könnte, dass die begrenzte Zielgruppe entgrenzt wird. Da kommt es zu abstrusen Sätzen wie "lasst uns einen Gottesdienst für Expeditive machen". Es ist der Wunsch, das, was mir selbst wichtig ist, an jemand anderen heran zu tragen, der das ein Leben lang schon nicht braucht. Es bleibt die Frage: "Was würde 'Schwiegertochter gesucht' für Sie zu einer guten Sendung machen?" – Richtig, nichts. Was macht einen Gottesdienst für jemanden, der nie einen brauchte oder wollte, zu einem guten Gottesdienst?

Was macht einen Gottesdienst für jemanden, der nie einen brauchte oder wollte, zu einem guten Gottesdienst?

Der Milieubegriff hat, wenn er richtig verstanden wird, großes Potential für die Kirche. Er stellt eine mentale Schablone zur Gruppierung von Wertehaltungen dar. Er hilft, Soziokultur aus sich heraus zu verstehen und damit nicht allzu leicht der Abwertung gegenüber anderen Lebensstilen zu verfallen. Ich kann mit Hilfe des Milieubegriffs ohne abzuwerten erklären, warum "Schwiegertochter gesucht" Bedürfnisse bestimmter Milieus erfüllt und diese Sendung deshalb eine Zielgruppe hat. Das muss mich nicht daran hindern, die Macher von RTL für diese Sendung zu verurteilen, aber es hilft mir, diejenigen nicht sofort abzuwerten, die es schauen.

Nicht an fremde Milieus "heranwanzen"

Der Auftrag der Gemeindepastoral ist es, zu verstehen, welche Milieus man erreicht und wie man für diese Milieus besser wird. Mit Sicherheit ist es kein Beitrag dazu, für das Kernmilieu besser zu werden, wenn man versucht, sich an ein anderes heranzuwanzen. Traditionelle, Bürgerliche und Konservativ-Etablierte haben einen Anspruch darauf, dass wir uns Sonntag für Sonntag Mühe geben, einen "guten" Gottesdienst mit ihnen zu feiern. Sie haben Anspruch auf eine ernsthaft gefeierte Liturgie. Sie haben Anspruch auf eine Außenkommunikation, die nicht peinlich ist im verzweifelten Versuch, moderner zu sein als man tatsächlich ist.

Das Angebot für kirchliche Kernzielgruppen muss besser werden. Das gelingt nur, wenn man nicht auf andere Milieus schielt und sie nachäfft. Was aber auch durch Milieuanalysen erkannt werden muss, ist, dass im Gottesdienst und in den klassischen Formen der Gemeindepastoral schlicht eine Begrenzung kirchlicher Reichweite begründet liegt. Das Problem ist nicht, dass wir in der Gemeinde keine Angebote für andere Milieus haben, das Problem ist, dass wir nur in Angeboten denken.

Erik Flügge

Der Autor Erik Flügge ist Geschäftsführer einer Agentur für politische Strategieberatung. Er war jahrelang Ministrant und in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv. Nach einigen Semestern Theologie studierte er schließlich Politik und Germanistik. 2016 veröffentlichte er das Buch "Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt".

Wer Zielgruppen über das Kernmilieu der Kirche hinaus erreichen will, muss weg von der Logik der Angebotserstellung hin zu einem seelsorgerischen Kontakt. Dieser kann über Milieugrenzen hinweg gelingen. Weil es sich bei der Seelsorge (wie man im Namen schon hätte erahnen können) um ein psychologisches und nicht um ein soziokulturelles Bedürfnis nach Gespräch und Nähe handelt. Ein Seelsorger ist ein Mensch mit Zeit für mich statt mit einem bunten Flyer für eine tolle neue Gottesdienstform.

Wenn die Kirche beginnt, ihre Kontaktarbeit zum Beispiel mit Hausbesuchen zu stärken, dann hilft es, das Milieumodell im Hinterkopf zu haben. Es hilft Gesagtes einzuordnen und nicht zu schnell in eine wertende Haltung zu rutschen. Man kann mit Hilfe des Modells Distanz überbrücken, um dann individuell einem Menschen zuzuhören, um schließlich dessen ganz eigenes, völlig milieuunabhängiges Bedürfnis wahrzunehmen. Ein Bedürfnis, das in der seelischen Konstitution des Gegenübers begründet liegt und nicht in dessen Musikgeschmack.

Keine Kirchenmitglieder aufgeben!

Der Humangeograph Mahne-Bieder hat also Recht, wenn er für die Pastoral den Versuch unternimmt, Menschen nicht anhand ihrer Soziokultur zu gruppieren, sondern anhand ihrer gelebten Glaubenspraxis. Seinen Kategorien gibt er Namen wie "volksfromme Traditionalisten" oder "spirituelle Experimentalisten". Ein Schelm, wer sich dabei dann doch irgendwie an die Milieu-Namen des Sinus-Instituts erinnert fühlt.

Sinus-Milieus
Bild: © Sinus 2013

Die berühmten "Milieu-Kartoffeln" prägen viele Pastoralpläne – aber werden die soziologischen Erkenntnisse, die dahinter stecken, auch richtig eingesetzt?

Mahne-Bieders Typologie hilft, sich nicht dem Fehler hinzugeben, für den die milieusensible Pastoral anfällig ist, nämlich ständig neue Zielgruppen mit einer Modernisierung der immer gleichen traditionellen Methoden erreichen zu wollen. Er zeigt deutlich auf, wie begrenzt einzelne religiöse Formen in ihrer Reichweite sind. Der Gottesdienst ist eben nur etwas für traditionell fromme Menschen, egal mit welcher Soziokultur. Und natürlich kommt dieser Typus im traditionellen Milieu öfter vor als unter den experimentalistischen Hedonisten.

Doch wie die milieusensible Pastoral, die viel zu oft als Anbiederung daher kommt, hat auch Mahne-Bieders Typologie eine Achillesferse. Er schreibt ganze Gruppen von Menschen in der Kirche einfach ab. Die "Zweifler" wie er sie nennt – immerhin die zweitgrößte unter seinen Gruppen von Kirchenmitgliedern – brauchen bei ihm nichts Religiöses. Sie verbleiben in der Kirche nur, weil diese sich sozial betätigt. Wer mit einem solchen Blick auf Kirchenmitglieder schaut, der bereitet dem Katholizismus auf lange Sicht das Grab. Denn wenn eine religiöse Gemeinschaft aufgibt, alle ihre Mitglieder auch religiös erreichen zu wollen, dann kann sie nicht dauerhaft bestehen.

Lieber Hausbesuch als neue Gottesdienstform

Daher steckt eine Chance darin, wenn man die Typologie von Sinus und die Typologie von Mahne-Bieder nicht konkurrierend begreift, sondern als sich ergänzende Ansätze zur Erklärung der Wirklichkeit, auf der man dann aufbauend Strategien entwickeln kann. Sinus öffnet den Blick dafür, wie andere soziale Milieus Werte konstruieren und Mahne-Bieders Typologie mahnt dazu, nicht zu glauben, man könnte diese anderen sozialen Milieus einfach mit verrückten neuen Formen erschließen.

Gläubige beten das Vaterunser in einer Messe in Paris.

"Den treuen Kirchgängern wird genommen, was sie lieben, weil man es für die ändern möchte, die sowieso nicht kommen."

In der Konsequenz ist meine Empfehlung für die Kirche klar: Man kann und sollte sich mit soziokulturellen Modellen beschäftigen. Das Wissen um Milieus ist kein Fehler. Man kann aus diesen ableiten, wie man die eigene Zielgruppe mit Angeboten in der Gemeinde besser und professioneller bedient. An dieser Stelle gibt es ausreichend viel Verbesserungspotential. Man sollte sich, wenn man weitere Zielgruppen erreichen will, aber auch Mahne-Bieder zu Herzen nehmen. Das religiöse Selbstverständnis von Menschen unterscheidet sich genauso wie die Soziokultur.

Will man nun also ernsthaft neue Zielgruppen erreichen – was de facto nichts anderes bedeutet, als Gruppen anzusprechen, die in der Kirche Mitglied sind, aber nicht mit dieser in Kontakt stehen, dann sollte man sich tatsächlich aufmachen und an den Haustüren klingeln, statt sich neue Wundergottesdienste auszudenken. Denn ist ein Gespräch erst einmal entwickelt, kann die Kirche ihre eigene, milieuunabhängige Stärke im seelsorgerlichen Gespräch auch denjenigen Milieus zu Teil werden lassen, die nicht in die Gemeinde kommen, aber häufig genug Mitglied der Kirche sind. So entsteht ein Glaubensdialog auch mit denjenigen, die Mahne-Bieder vielleicht zu früh schon aufgegeben hat.

Von Erik Flügge