München, Kirche, Liebfrauendom
Erzbistum München und Freising erprobt neues Leitungsmodell

Wo Pfarreien ohne Pfarrer auskommen

"Laien an die Macht", heißt es bald im Erzbistum München und Freising. In drei Pfarrverbänden wird ein ganz neues Modell der Leitung erprobt. Einen Pfarrer wird es dann nicht mehr geben.

Von Tobias Glenz |  Bonn/München - 29.05.2018

Die Zahlen sind alarmierend: 2017 wurden in den 27 deutschen (Erz-) Bistümern lediglich 76 Männer zu Priestern geweiht. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es etwa doppelt so viele, nämlich 154. Und als die Deutsche Bischofskonferenz 1962 die Zahl erstmals bundesweit erhob, gab es noch 557 Priesterweihen. Ein deutlicher Abwärtstrend also, bei dem eine Wende nicht in Sicht ist. Die Kirche in Deutschland muss sich deshalb einer ernsten Frage stellen: Wer soll, wer kann künftig Pfarreien und Gemeinden leiten? Zwei Lösungsansätze zeichnen sich derzeit  vor dem Hintergrund rückläufiger Priesterzahlen ab: Auf der einen Seite steht das Modell immer größer werdender Seelsorgeeinheiten, denen nur noch ein einziger, sogenannter "leitender Pfarrer" vorsteht. Auf der anderen Seite haben mehrere deutsche Diözesen damit begonnen, Leitungsaufgaben in die Hände von Laien zu legen – bislang wohlgemerkt immer rückgebunden an einen Kleriker, der die Letztverantwortung trägt. Einen Schritt weiter geht nun das neue Leitungsmodell im Erzbistum München und Freising: Darin ist überhaupt kein Pfarrer mehr vorgesehen.

Das Pilotprojekt startet in diesem Jahr in drei Pfarrverbänden der Erzdiözese. Teams aus Haupt- und Ehrenamtlichen sollen dann die Leitung übernehmen. Robert Lappy, Leiter der Hauptabteilung Strategie- und Organisationsentwicklung im Erzbischöflichen Ordinariat, war maßgeblich an der Entwicklung des neuen Modells beteiligt. "Wir tragen damit natürlich zum einen der dünner werdenden Personaldecke Rechnung", so Lappy gegenüber katholisch.de. Zum anderen gehe es aber auch darum, die Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ernst zu nehmen: "Ganz bewusst wollen wir hier das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen, die Verantwortung und Würde aller Getauften und Gefirmten umsetzen." Die Suche nach neuen Leitungsmodellen sei ein ausdrücklicher Auftrag des Münchner Kardinals Reinhard Marx gewesen, so Lappy. Auch die Bischofskonferenz habe mit ihrer pastoralen Arbeitshilfe "Gemeinsam Kirche sein" von 2015 einen entscheidenden Impuls gegeben, das Charisma der Leitung noch einmal neu in den Blick zu nehmen.

Absolute Gleichberechtigung

Derzeit befänden sich die drei Pfarrverbände noch in einem "Findungsprozess", sagt Lappy. "Wie verteilen wir die Aufgaben? Wie sind die Teams strukturiert? Wie finden wir Ehrenamtliche?" Diese Fragen müssten derzeit noch beantwortet werden, wobei Lappy unterschiedliche Lösungen in den Pfarrverbänden nicht ausschließt. "Das muss nicht einheitlich ablaufen, sondern soll sich an den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort orientieren." Klar sei, dass ein Priester in jedem Team vorhanden sein müsse, der im jeweiligen Pfarrverband die dezidiert priesterlichen Aufgaben wie Eucharistiefeiern und Spendung der Sakramente übernehme. Daneben seien weitere hauptamtliche pastorale Mitarbeiter vertreten. Gemeinsam stellen sie die Seelsorge im jeweiligen Pfarrverband sicher. Ergänzt werden soll das Team dann durch Ehrenamtliche, die Aufgaben für das kirchliche Leben vor Ort übernehmen. Entlastung könnten zusätzlich hauptamtliche Verwaltungsleiter bringen. "Ganz wichtig: Die Letztverantwortung für den Pfarrverband liegt nicht bei dem Priester, sondern im ganzen Team, in dem jedes Mitglied gleichberechtigt ist", betont Lappy.

Robert Lappy (56) ist Leiter der Hauptabteilung Strategie- und Organisationsentwicklung im Erzbischöflichen Ordinariat München und hat das neue Pfarrei-Leitungsmodell mitentwickelt.

Doch ist das überhaupt legitim? Das Kirchenrecht sieht ausdrücklich die Möglichkeit vor, dass wegen Priestermangels ein Laie oder eine "Gemeinschaft von Personen an der Ausübung der Hirtensorge einer Pfarrei" beteiligt sein können (CIC Can. 517 § 2). Allerdings wird an derselben Stelle die Einschränkung gemacht, dass der Bischof einen Priester zu bestimmen hat, der "mit den Vollmachten und Befugnissen eines Pfarrers ausgestattet" ist und somit die Letztverantwortung in der Pfarrei trägt. Doch gebe es in Übereinstimmung mit dem Kirchenrecht auch Regelungen für Sondersituationen, wie Lappy betont: "Was ist, wenn eine Pfarrei auf längere Zeit nicht mit einem Pfarrer besetzt ist, einfach nicht besetzt werden kann?" Einen solchen Fall kenne der CIC (Codex Iuris Canonici – Codex des kanonischen Rechtes, 1983) nicht. "Wir haben das kirchenrechtlich prüfen lassen", sagt Lappy. "Hier fällt die Verantwortung an den Bischof, der sicherstellen muss, dass die Rechte der Gläubigen in der Pfarrei gewahrt bleiben: zum Beispiel das Recht auf Verkündigung oder die Sakramentenspendung." Dafür könne und müsse der Bischof eine neue Lösung finden – wie etwa in Form eines Leitungsteams aus Haupt- und Ehrenamtlichen, so Lappy.

Pfarrer- statt Priestermangel

Wenn in den Teams allerdings ohnehin immer ein Priester vertreten sein soll, warum wird dieser dann nicht einfach zum Pfarrer ernannt? Lappy: "Ein Problem ist heute ja nicht allein der Priestermangel. Es sinkt auch die Zahl derjenigen,  die eine Pfarrei oder einen ganzen Pfarrverband gut leiten können und wollen." Dass geweihte Priester immer automatisch Pfarrer sein könnten, sei eine Kurzschlussgleichung. Nicht jedem sei es gegeben, Leitungsverantwortung zu übernehmen – zumal die Leitungsaufgaben in den Seelsorgebereichen immer komplexer würden. "Das heißt allerdings nicht, dass wir jetzt zwischen Priestern erster und zweiter Klasse unterscheiden – so als ob die einen kompetent wären und die anderen nicht." Vor allem gehe es auch um den Schutz der Priester vor Überforderung: "Die Frage muss doch lauten, wie zufrieden bin ich in meinem Beruf und wie bleibe ich über einen langen Zeitraum einsatzfähig?", so Lappy. Priester, die nach dem neuen Modell in Teams eingesetzt würden, seien also nicht "degradiert", sie könnten vielmehr den Aufgaben nachgehen, die ihren persönlichen Fähigkeiten und ihrer Belastbarkeit entsprächen.

Künftig ohne eigenen Pfarrer auszukommen, muss freilich auch von den Gläubigen einer Pfarrei beziehungsweise eines Pfarrverbandes akzeptiert werden. "Natürlich führt das neue Modell zu Irritationen", sagt Lappy. "Wir sind alle mit bestimmten Bildern von Kirche und kirchlichem Handeln aufgewachsen – neue Wege stellt man da gerne in Frage." In den betroffenen Pfarrverbänden hätte es daher vorab Informationsveranstaltungen gegeben, bei denen es anfangs zu hitzigen Diskussionen gekommen sei. Allerdings habe man deutlich machen können, dass sich für die Gläubigen prinzipiell nichts ändere. "Solange das gottesdienstliche Angebot,  Seelsorge und kirchliches Leben weiter gehen, dann ist es den Menschen doch prinzipiell egal, wer im Hintergrund leitet und ob der Priester 'Pfarrer' heißt oder nicht", so Lappy.

Osterpredigt von Kardinal Reinhard Marx

Neue Leitungsmodelle für Pfarreien zu finden, war ein Auftrag des Münchner Kardinals Reinhard Marx.

Am Anfang steht nun die Aufgabe, geeignete Ehrenamtliche für die Teams zu finden. Dafür könne man zum Beispiel eine Art "Findungskommission" im Pfarrverband bilden, die ein Anforderungsprofil erstelle und sich anhand dessen auf die Suche mache, sagt Lappy. Er rate davon ab, auf diejenigen zurückzugreifen, die "direkt ins Auge springen" und bereits vorher in Gremien vertreten waren. "Hier bietet sich doch die einmalige Gelegenheit zu schauen, welche Charismen es vor Ort gibt und welche kompetenten Personen man bisher vielleicht noch gar nicht im Blick hatte." Wenn geeignete Kandidaten gefunden wurden, dann wäre es laut Lappy eine gute Vorgehensweise, diese noch einmal durch gewählte Gremien wie den Pfarrgemeinderat legitimieren zu lassen. Dadurch würde die Akzeptanz im gesamten Pfarrverband zusätzlich gestärkt werden.

Bei der Auswahl für die Teams kommt es laut Lappy einerseits darauf an, dass jemand aus seinem beruflichen oder einem ehrenamtlichen Kontext bereits Leitungserfahrung mitbringt. "Ganz wichtig ist darüber hinaus eine klare Sicht darauf, was diese Leitungsverantwortung bedeutet." Es gehe nicht um persönliche Macht, um eigene Befindlichkeiten, sondern um den Dienst für andere, darum, für das kirchliche Leben vor Ort Verantwortung zu übernehmen. Daneben seien Teamfähigkeit und ein gewisses kirchliches Know-how unabdingbar, so Lappy. "Wenn die Teams dann gebildet sind, sollte einer zum Teammoderator gewählt werden – jemand, der zu den Teamtreffen einlädt, Themen setzt und die Moderation bei den Sitzungen übernimmt."

Ein Anliegen des Papstes

Das Pilotprojekt im Erzbistum München und Freising ist zunächst auf drei Jahre begrenzt; bis Ende dieses Jahres sollen die Teams stehen. Fortlaufend soll es dann Lerneffekte geben, die Diözese will die Ehrenamtlichen durch Coaching und Fortbildungsangebote unterstützen. Zugleich stehe man im Austausch mit anderen Bistümern, die mit ähnlichen Modellen experimentieren, so Lappy. Hierzu zählt beispielsweise das Bistum Osnabrück, das künftig ebenfalls eine Gemeindeleitung durch hauptamtliche Laien erprobt, oder die Diözese Rottenburg-Stuttgart, in der nach dem "Rottenburger Modell" bereits seit Jahrzehnten Priester und Laien gemeinsam Leitungsverantwortung übernehmen. Es gehe nun darum, das "Portfolio an Leitungsmodellen" zu erweitern, sagt Lappy. Ob das neue Münchner Modell ein Erfolg ist, ob es funktioniert, soll nach den drei Jahren evaluiert werden. "Wir sind da aber sehr zuversichtlich – und motiviert", sagt Lappy. "Nicht zuletzt, weil mehr Leitungsverantwortung durch Laien auch ein großes Anliegen von Papst Franziskus ist."

Noch geklärt werden muss – und das von Ordinariatsseite – die Frage nach der Siegelführung, die rechtlich eigentlich Aufgabe des Pfarrers ist. Dafür muss das Bistum in den betreffenden Pfarrverbänden nun eigens jemanden beauftragen, damit dort – wie in jeder ordentlichen Behörde – auch weiter gestempelt werden kann.

Von Tobias Glenz