Ein Diakon im Kreuzgang
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Sechs Gründe, warum fast niemand mehr Pfarrer werden will

Priestermangel: Hilft nur noch Beten?

Die Zahl der Priesteramtskandidaten sinkt rapide. Das Tragische: Eine Trendwende scheint nahezu unmöglich. Denn an den sechs wichtigsten Ursachen für den Priestermangel lässt sich kaum etwas ändern.

Von Thomas Jansen |  Bonn - 12.01.2018

"Schlaflose Nächte" bereite ihm der Priestermangel in Deutschland, verriet Hartmut Niehues am Mittwoch im "Deutschlandfunk". Die Zahlen, die dem Regens des Priesterseminars im Bistum Münster den Schlaf rauben, sollten jeden, dem die Zukunft der Kirche am Herzen liegt, aufrütteln: 2017 wurden in Deutschland insgesamt nur noch 76 Priester geweiht, 2000 waren es noch etwa doppelt so viele, nämlich 154; Als die Deutsche Bischofskonferenz diese Zahl 1962 erstmals bundesweit erhob, gab es sogar noch 557 Priesterweihen.

In Niehues Heimatbistum Münster wurden 2017 immerhin noch drei neue Priester geweiht. Im Nachbarbistum Osnabrück war es hingegen erstmals seit 1900 kein einziger; auch das Bistum Mainz ging 2017 leer aus. Spitzenreiter war das Erzbistum Köln mit 9 neuen Priestern.

Der Hinweis, dass die Zahl der praktizierenden Katholiken in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt rückläufig war, ist wenig tröstend. Denn die Zahl der Priester sinkt offensichtlich noch schneller als jene der Gottesdienstbesucher: Letztere ging laut Statistik der Deutschen Bischofskonferenz von 2000 bis 2016 "nur" von 4,2 Millionen auf 2,4 Millionen zurück, das heißt um weniger als 50 Prozent. Lediglich wenn man allein die Zahl der jungen Gottesdienstbesucher betrachtet, ist der Abwärtstrend ähnlich rapide.

Leider deutet alles darauf hin, dass der Priestermangel in den kommenden Jahren noch größer wird. Denn die Ursachen und Faktoren, die hierbei eine Rolle spielen, lassen sich oft nur schwer ändern oder sind nicht verhandelbar.

1. Der Glaubensschwund

Dass immer weniger junge Männer gibt, die Priester werden wollen, hat zunächst damit zu tun, dass es insgesamt immer weniger junge praktizierende Katholiken gibt. Damit wird auch das Reservoir an potenziellen Kandidaten immer kleiner. Diese Entwicklung trägt Züge einer Abwärtsspirale. Denn die persönliche Begegnung mit überzeugenden Vorbildern gilt als eine der stärksten Motivationen dafür, selbst Priester werden zu wollen. Wenn es aber immer weniger Priester gibt und die Auswahl geringer wird, werden auch die Vorbilder seltener und damit werden weniger junge Leute motiviert.

2. Die fehlende Unterstützung aus dem Elternhaus

Auch Eltern im katholischen Rest-Milieu wollen heute zumeist nicht, dass ihr Sohn Priester wird. Sie tun in der Regel nichts, um diesen Wunsch in ihrem Kind zu fördern oder gar zu wecken, er wird allenfalls hingenommen und akzeptiert. Sie haben einen anderen Wunsch, der stärker ist: Enkelkinder. Früher, als Familien mit drei und mehr Kindern noch keine Ausnahme waren, und Eltern damit rechnen konnten, dass ihre Söhne und Töchter auch selbst Kinder bekommen würden, ließ sich beides noch mit einander vereinbaren: Der eine Sohn wurde Priester und seine Geschwister sorgten für den Familienzuwachs. Im Single-Einzelkind-Zeitalter heißt es nun für Eltern aber Entweder-oder. Die Konsequenz: Priester werden muss man heute oft ohne Unterstützung der Eltern. Hinzu kommt, dass Eltern früher stolz waren, wenn einer ihrer Söhne Priester wurde. Und das nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch wegen des hohen Sozialprestiges, das Geistliche damals genossen.

Hartmut Niehues
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Hartmut Niehues ist Regens des Münsteraner Priesterseminars und Vorsitzender der Deutschen Regentenkonferenz. Ihm bereiten die niedrigen Priesterzahlen schlaflose Nächte.

3. Priester müssen heute Supermänner sein

Früher, als es noch überschaubare Pfarreien gab und Gläubige, die taten, was der Priester sagte, war auch das Berufsbild des Pfarrers noch überschaubar. Heute, im Zeitalter der XXL-Seelsorgeeinheiten und Gläubigen, die immer höhere Ansprüche stellen und überall mitreden wollen, muss ein Priester ein Alleskönner sein: Gesucht wird ein Don-Camillo-Seelsorger mit Top-Manager-Qualitäten und Mediatoren-Ausbildung, der obendrein noch ein geduldiger Autofahrer ist, um auch die entlegensten Winkel seines Seelsorgereichs anzusteuern. Eine solche Perspektive macht das Berufsbild des Priesters nicht attraktiver.

4. Die Bistümer drücken heute kein Auge mehr zu

Früher haben Bistümer bei Priesteramtskandidaten, die psychologisch oder intellektuell nicht ganz den Anforderungen entsprachen auch schon mal ein Auge zugedrückt, wenn sie nur fromm genug erschienen. Diesen Zeiten sind seit dem Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche vorbei. Seither wurden die Aufnahmekriterien deutlich strenger. Wahrscheinlich waren die Anforderungen der Priesterausbilder an ihre Kandidaten nie so hoch wie heute.

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Sascha Heinrich hat sich erst spät dazu entschieden. Doch für ihn ist es eine Berufung, Priester zu werden. Ausgebildet wird er dazu in einem speziellen Spätberufenenseminar.

5. Die Tage des Priester-Imports sind gezählt

Abgefedert wurde der Priestermangel in Deutschland in den vergangen Jahrzehnten durch den Import von Geistlichen aus dem Ausland, vor allem aus Afrika und Indien. Die Äußerungen von Papst und Vatikan in den vergangenen Jahren deuten jedoch daraufhin hin, dass man diese Praxis eindämmen möchte. Der für Afrika und Asien zuständige Kurienkardinal Fernando Filoni forderte afrikanische Priester zuletzt ungewohnt deutlich dazu auf, lieber in die Slums ihrer Heimatländer zu gehen.

6. Die Verpflichtung zur Ehelosigkeit fällt schwerer

Dass immer weniger junge Männer Priester werden wollen, hängt offenbar auch damit zusammen, dass es heute schwerer fällt, sich lebenslänglich zu Ehelosigkeit und sexueller Enthaltsamkeit zu verpflichten, als früher. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) flammte immer wieder die Debatte darüber auf, ob der Zölibat für alle Priester verpflichtend bleiben muss. Das Konzil hatte festgestellt, dass er zwar nicht zum Wesen des Priestertums gehöre, aber " in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen" sei.

Wie könnte an diese Situation ändern? Den Glaubensschwund in Deutschland aufzuhalten, erscheint ebenso unrealistisch wie einen Bewusstseinswandel herbeizuführen, der Eltern dazu bringt, ihre Söhne in der Entscheidung zum Priesteramt zu stärken. Bei den Aufnahmekriterien von Priesterseminaren Abstriche zu machen, ist ebenfalls keine Option. Auch wie man das Berufsbild des Priesters unter den gegenwärtigen Umständen wieder attraktiver machen kann, weiß niemand wirklich. Den Import von Priestern aus dem Ausland anzukurbeln, erscheint fragwürdig und angesichts der Signale aus dem Vatikan kaum möglich. Und selbst wenn Papst Franziskus in Regionen mit eklatantem Priestermangel aus seelsorgerischen Gründen unter bestimmten Bedingungen verheiratete Priester zulassen würde, wäre dies wohl kein Allheilmittel gegen den Priestermangel, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Wenn sich all dies nicht oder allenfalls langfristig ändern lässt: Bleibt also tatsächlich nur noch Beten übrig, das Beten um neue Priester? Oder müssen wir uns auf eine weitgehend priesterlose Kirche einstellen?

Von Thomas Jansen