Was sind Engel? Wir erklären es.
Diener Gottes oder Wegbegleiter? Über die Entstehungsgeschichte der Engel

Was sind Engel? Wir erklären es.

Sie sind älter als das Christentum. Schon den Völkern des alten Orients und den Azteken waren Engel vertraut. Welchen Stellenwert haben sie in der Kirche?

Von Margret Nußbaum |  Bonn - 06.01.2015

Wer kennt ihn nicht - Wim Wenders Film "Der Himmel über Berlin": ein meditatives Meisterwerk und Filmpoesie vom Feinsten. Die Handlung: Zwei Engel - Damiel und Cassiel - kommen auf die Erde und schenken Menschen neuen Lebensmut. Das Zentrum des Films bildet die Liebesgeschichte zwischen Damiel und der Seiltänzerin Marion. Der Engel gibt seine himmlische Existenz und damit seine Unsterblichkeit auf. Wenders greift damit das Motiv der Menschwerdung einiger Engel auf. Im Buch Genesis des Alten Testaments (6,1-2) heißt es: "Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne (Engel), wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel."

Die "himmlischen Geschöpfe" haben von jeher Künstler und Komponisten inspiriert. Ein musikalisches Meisterwerk etwa ist die 19. Kantate von Johann Sebastian Bach. Sie beinhaltet den Kampf des Erzengels Michael gegen die gefallenen Engel unter ihrem Anführer Satan. Am Ende greift der Komponist die Worte des 91. Psalms auf: "Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen." Engel sind auf unzähligen Bildern dargestellt worden, etwa von Marc Chagall. Ein eindrucksvolles Beispiel seines Werkes bietet die Kirche St. Stephan in Mainz – die einzige deutsche Kirche, für die Chagall Fenster schuf. Durch die Buntverglasung fällt blaues Licht in den Kirchenraum. In diesem Licht bewegen sich scheinbar schwerelos Engel und andere biblische Gestalten.

Engel haben durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder auch Literaten inspiriert, etwa den deutsch-baltischen Dichter Werner Bergengruen, dessen Gedicht "Engel, sei du mein Geleit" mit den Worten endet: "Nimm von meiner Brust den Stein. Lass mich, Engel, nicht allein."

Überirdische Wesen, die die irdischen Geschicke leisten

Nicht nur Christen, Juden und Muslime kennen Engel. Schon in Vorzeiten glaubten Menschen an überirdische Wesen, die ihre Geschicke leiteten - ob im Guten oder im Bösen. Diese konnten ihnen in der Natur erscheinen oder auch im Traum. Manche waren den Menschen freundlich gesinnt, andere fügten ihnen Schaden zu. Die bösen Geistwesen wurden in der antiken Welt als Dämonen, später im Christentum auch als Teufel bezeichnet. In den guten Geistwesen sahen Menschen zunächst Götterboten. Das Wort "Engel" – im Englischen "angel", im Französischen "ange" - ist ein Lehnwort für das lateinische "angelus". Dieses wiederum wird aus dem griechischen "angelos" abgeleitet - die wörtliche Übersetzung von "mal'ak". Damit werden in der Hebräischen Bibel Boten bezeichnet.

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Engel gehören zur unsichtbaren Schöpfung Gottes, zeigen sich aber manchmal, wenn sie von Gott auf die Erde geschickt werden.

"Viele Kulturen kennen neben den Hochgöttern und Menschen Wesen, die zwischen beiden stehen und eventuell auch zwischen ihnen vermitteln: Ahnen, Seelen, Geister, Dämonen, Engel, Mächte", erklärt Johann Evangelist Hafner, Professor für Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Christentum an der Universität Potsdam. "In den Religionen finden sich viele Parallelen." Viele dieser Geistwesen wurden mit Flügeln dargestellt, etwa die "apsaras" in der vedischen Religion, einem Vorläufer des Hinduismus. Die Apsaras waren Wassergeister, die sich mit Hilfe der Flügel fortbewegten und den Menschen Weisungen der Götter überbrachten.

Flügel waren auch das Erkennungszeichen von Isis, dem Todesengel im alten Ägypten, oder vom griechischen Götterboten Hermes. Aus der griechisch-römischen Welt übernahmen Künstler die Vorstellung, dass Engel Ähnlichkeit mit Menschen haben. Doch im Laufe der Geschichte wechselten die geflügelten Wesen immer wieder mal ihr Geschlecht. In der Gotik wurden sie als junge Männer, in der Frührenaissance als liebliche Jungfrauen dargestellt. Im 14. Jahrhundert kamen die Putten auf (vom italienischen putto = Kleinkind), die ihre Vorbilder in den antiken Eroten, den Begleitern des Dionysos, hatten. Putten sind - auch wenn sie oft so bezeichnet werden - keine Engel, sondern lediglich Kunstfiguren.

Der christliche Mystiker Pseudo-Dionysius Areopagita aus dem sechsten Jahrhundert gab den Geistwesen eine Ordnung und unterteilte sie in neun so genannte Chöre. Gott am nächsten sind demnach die Serafim, die vor Liebe Brennenden. Es folgen die Kerubim - geflügelte Lebewesen - ganz durchdrungen von Gotteserkenntnis, die Throne, die Herrschaften, die Mächte oder Kräfte, die Gewalten und die Fürstentümer. Die Erzengel gehören dem achten Chor an, die anderen Engel, zu denen auch die Schutzengel zählen, dem neunten. Dionysius gliederte die neun Engelchöre in drei Dreiergruppen und nannte sie "heilige Ordnung". Kein Zufall, denn die Drei bezieht sich im Christentum auf die heilige Dreifaltigkeit: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Seine Arbeit wurde bewundert und anerkannt, warf sie doch ein klärendes Licht auf die Welt der "himmlischen Geschöpfe".

Ein steinerner Engel vor blauem Himmel.

Ein steinerner Engel vor blauem Himmel.

Diese Kategorisierung wurde vor allem in der Kunst zum Gliederungsprinzip. Das Wirken der Engel hat eine große Bandbreite und geht weit über die Funktion als Bote Gottes oder als Schutzengel hinaus. Johann Hafner erklärt, woher das Gedankengut der frühchristlichen Engelforschung stammt: "In Mesopotamien, wo die Hebräische Bibel endredigiert wurde, herrschte die Vorstellung: Wenn es einen hohen Gott gibt, dann ist er umgeben von einem Hofrat. Das Buch Hiob weist darauf hin: Gott fragt seinen Rat, ob er den Hiob prüfen soll oder nicht."

Engel als Ausdruck der Größe Gottes

Im Gegensatz zur Naturwissenschaft stellte die Kirche die Existenz der Engel nie in Frage. Als Lehrmeinung gilt, dass sie ursprünglich als gute Wesen erschaffen wurden und sich aus eigenem Willen heraus gegen Gott erhoben. Beim Vierten Laterankonzil 1215 wurde festgelegt: "Gott, der Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, des Geistigen und des Körperlichen schuf in seiner allmächtigen Kraft vom Anfang der Zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht".

Papst Benedikt XVI. schreibt in seinem Buch "Gott und die Welt", es gehöre zum biblisch begründeten Wissen der Kirche, dass Engel Ausdruck der Größe und Güte des Schöpfergottes seien. Anselm Grün, Benediktinerpater und Autor vieler Engelbücher, bricht ebenfalls eine Lanze für die Wesen: "Von der kirchlichen Lehre her sind sie mehr als nur ein Bild für die heilende und liebende Nähe Gottes. Engel sind Mächte. Sie haben eine Kraft in sich. Und sie haben eine Aufgabe für den Menschen. Und wenn wir die kirchliche Lehre ernst nehmen, so dürfen wir mit gutem Recht von den Engeln sprechen, in denen uns Gott seine Nähe zeigt und durch die er selbst an uns wirkt."

Von Margret Nußbaum