Eine Transportbox für Organe und ein Arzt am Computer

Nötigung oder Nächstenliebe?

Organspende sei ein christlicher Akt der Nächstenliebe: "Nach seinem irdischen Leben einer anderen Person noch das Leben retten zu können, halte ich für eine selbstverständliche Angelegenheit", so Jonas Borgwardt auf der Facebook-Seite von katholisch.de. Damit hat er sich bereits für die Organspende entschieden. Eine Entscheidung, die für Millionen Deutsche noch aussteht.

Bonn - 02.11.2012

Die Krankenversicherungen möchten von ihren Mitgliedern eine klare Entscheidung für oder gegen die Organspende und haben entsprechend Post verschickt. Befürworter freuen sich, dass nun jeder Position in dieser Frage beziehen muss. Kritiker befürchten jedoch, dass dadurch nur unnötig Druck ausgeübt wird.

Auch katholisch.de wollte wissen, was die Nutzer von dem Plan halten und welche Gründe für oder gegen die Organspende sprechen. Das Resultat: Trotz des Organspende-Skandals sind noch immer viele Nutzer bereit, ihre Organe anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. So etwa Hannelore Madle: "Wenn ich tot bin, brauche ich die Organe nicht mehr und wann ich tot bin, kann ich selbst nicht feststellen. Das überlasse ich vertrauensvoll anderen Menschen. Trotz der Skandale weiß ich, dass man mit dieser Entscheidung Leben retten kann." Pater Georg Steinberg vertraut dem System: "Ich halte die in Deutschland übliche Praxis der Organspende für seriös und möchte das unterstützen." Michi Stegi stellt zudem folgenden Dreisatz auf: "Gottvertrauen ist Menschenvertrauen ist Nächstenliebe", und folgert daraus: "Nächstenliebe ist Organspende."

Organspende unchristlich?

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Zum Thema Organspende will der Bundestag jetzt festlegen: Alle Bürger sollen jährlich dazu befragt werden. Für Bruder Paulus, der keine Organe spenden will im Fall der Feststellung seines Hirntodes, eine gute Art, sich jährlich mit der Frage auseinanderzusetzen für jeden im Land, um sich dann bewusst für oder gegen eine Organspende im Fall der Hirnzodfeststellung zu entscheiden.

Das Spontane "Ja" vieler Nutzer setzt jedoch auch diejenigen unter Druck, die Organspende ablehnen. Nina Speicher wehrt sich beispielsweise und fragt: "Bin ich automatisch ein schlechter Christ, weil ich keine Organe Spende?" Sie empfinde diese Einstellung als "Nötigung der perfidesten Art". Marion Ursula Kaiser hält Organspende sogar für unchristlich und bezieht sich dabei auf die Zehn Gebote: "Ich würde keine lebenswichtigen Organe spenden, da der klinische Tod, nicht der echte Tod ist und Organe nur von noch versorgten (also nicht toten) Organen entnommen werden können. In der Bibel steht aber: Du sollst nicht morden, und das wäre es ja, wenn mir zum Beispiel ein Herz entnommen wird."

Auch Sascha Boetel bezeichnet die Organentnahme bei einem hirntoten Menschen als Mord. Seiner Meinung nach beweist der Hirntod nichts weiter als, dass das Hirn "unumkehrbar außer Funktion" ist.

Für Julia Imig gibt es noch einen weiteren Grund, einen Organspende-Ausweis bei sich zu tragen – völlig unabhängig, ob man seine Organe wirklich spenden möchte oder nicht: "Ich trage einen Organspende-Ausweis, damit meine Eltern nicht in der schwersten Stunde entscheiden müssen, ob ihrer Tochter die Organe entfernt werden dürfen oder nicht. So eine schwere Entscheidung in einer emotionalen Situation möchte ich niemandem auferlegen."

(mir)

Hintod versus Herztod

Jenseits der Frage, ob Organspende per se christlich ist oder nicht, beschäftigt die Leser ein Thema, das gleichermaßen philosophisch wie medizinisch ist: Was ist die gültige Definition von Tod? Kulturell betrachtet galt über lange Zeit das Herz als das Zentrum des Lebens. Demnach wäre ein Mensch Tod, wenn das Herz nicht mehr schlägt und der Körper nicht mehr atmet. Eine Definition, die zwei Nachteile hat: Zum einen zeigen die vielen erfolgreichen Wiederbelebungsversuche, dass Menschen auch nach dem Herz- und Atemstillstand überlebensfähig sind. Zum anderen können Organe nur transplantiert werden, wenn sie der Körper, dem sie entnommen werden, noch mit Blut und Sauerstoff versorgt – Organspende wäre sonst nicht mehr möglich. Ende der 1960er Jahre hat sich die Hirntod-Definition durchgesetzt. Demnach gilt ein Mensch als tot, wenn das Hirn nachhaltig geschädigt ist und der Körper nur noch mit Maschinen funktioniert. Dieser Definition hat auch die Bundesärztekammer zugestimmt. Damit wäre Organspende medizinisch zwar möglich, allerdings befürchten viele Leser, dass sie noch nicht 'wirklich tot' sind, wenn ihnen Organe entnommen werden, während das Herz noch schlägt. (mir)

Ihre Meinung ist gefragt!

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