Viele bunt bekleidete Arme und Hände, die in der Mitte aufeinander liegen.

Leidenschaftlich unverbindlich

Glaube - Seit vielen Jahren haben ungetaufte Jugendliche in Ostdeutschland die Möglichkeit den Übergang von der Jugend zum Erwachsenendasein zu feiern. Die sogenannten Lebenswendefeiern sind eine Ergänzung zur katholischen Firmung und der humanistischen Jugendweihe. Im Interview mit katholisch.de spricht der Theologie-Professor Hans Joachim Sander über das niedrigschwelle Angebot der katholischen Kirche, das seiner Meinung nach genau das Lebensgefühl der urbanen Jugend widerspiegelt.

Erfurt - 24.02.2013

Frage: Herr Sander, die Lebenswendefeiern sind ein Übergangsritual für Jugendliche, die der Kirche eher fernstehen. Wer nimmt daran teil?

Hans Joachim Sander: Diejenigen, die die Phase zwischen nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsen rituell begleitet haben möchten. Das ist meiner Meinung nach eine Art menschliches Grundbedürfnis. Ob die Jugendlichen ein kirchliches Angebot annehmen, ist nicht das Entscheidende; es geht um die Form, die angeboten wird.

Frage: Warum stößt die Lebenswendefeier in den neuen Ländern auf so großes Interesse?

Sander: Die klassischen Jugendweihefeiern werden durchaus häufiger angefragt – Firmung und Konfirmation ihm Rahmen der kirchlichen Möglichkeiten in Ostdeutschland auch. Es ist eher eine Minderheit, die das Angebot in Anspruch nimmt. Aber diese Minderheit, ist stark ändernden Strukturen unterworfen ist. Menschen, die sich in Ostdeutschland für die Kirche engagieren, tun dies viel entschiedener. Es gibt noch ein paar Restbestände katholischer Milieus, in Eichsfeld etwa. Aber in den Städten ist das alles nicht mehr gegeben. Die Wenigsten gehören formell einer der großen Religionsgemeinschaft an.

Frage: Wäre die Jugendweihe denn auch für die Kirchen in den alten Bundesländern interessant?

Der Theologie-Professor Hans Joachim Sander
Bild: © KNA

Der Theologie-Professor Hans-Joachim Sander lehrt Dogmatik an der Uni Salzburg.

Sander: Ich glaube in den großen städtischen Ballungszentren wären die Lebenswendefeiern eine Alternative. Auf dem Land hingegen nicht. Denn dort funktioniert das kirchliche Angebot noch. Aber der springende Punkt ist ja, dass diese Lebenswendefeiern ein urbanes Lebensgefühl ausdrücken. Dort sind Viele der Religion gegenüber aufgeschlossen; aber sich auch formell einer Kirche anzuschließen, ist weniger interessant. Die Übernahme von Verantwortung, die mit dem Beitritt zu einer Religionsgemeinschaft verbunden ist, wird nicht sehr hoch geschätzt.

Geht es da denn tatsächlich um Religion oder eher um Spiritualität?

Sander: Ich würde das nicht so trennen. Es geht zunächst weder um Religion noch um Spiritualität, sondern um einen Passage-Ritus. Die Jugendlichen nehmen war, dass sich etwas verändert, und sie wissen nicht wie es weiter geht. Und sie müssen auch damit leben, dass sie womöglich schlechtere Lebensbedingungen haben als ihre Eltern. Also das war der Ausgangspunkt und da sortiert man welche Möglichkeiten es noch gibt. Vielen kommt ein solches Angebot dann gerade recht. Es gibt die These, je offener und säkularer Gesellschaften sind, desto aufgeschlossener ist der Einzelne gegenüber religiösen Angeboten: Stichwort ‚public religion‘.

Im Grunde amerikanisieren sich die Verhältnisse: Sie haben diese überaus säkulare Gesellschaft, die zur gleichen Zeit hochreligiös ist. So weit ist es bei uns noch nicht, aber die säkularen Verhältnisse sind religionsproduktiv.

Frage: Jetzt könnten traditionelle Stimmen einwenden, dass damit die heilige katholische Kirche vor dem Zeitgeist kapituliert hat.

Sander: Ja, diese Stimmen gibt es. Ich glaube, die sind bei den Protestanten noch lauter als bei den Katholiken. Nun sind die Lebenswendefeiern, die zuerst im Bistum Erfurt angeboten wurden, ein großer Erfolg. Und der damalige Domprobst Reinhard Hauke, der sie eingeführt hat, ist mittlerweile Weihbischof. Das macht es natürlich ein bisschen leichter. Aber Kritik ist trotzdem da. Man kann sehen, dass es den Leuten leichter gemacht wird, einen Passage-Ritus zu bekommen, ohne der Kirche beitreten zu müssen – also ohne sich taufen zu lassen, ohne Kirchensteuer zu zahlen und all das, was damit zusammenhängt. Diese Stimmen gehen davon aus, dass den Lebenswendefeiern etwas fehlt, dass sie ein Defizit haben.

Ich glaube aber, dass dies die falsche Perspektive ist. Sie haben kein Defizit; sie bieten denjenigen, die der Kirche fernstehen, etwas an. Dieses reduzierte Angebot passt besser in die städtischen, pluralen, sehr dynamischen und sehr kurzlebigen Lebenswelten.

Frage: Ist diese Flexibilität denn auch vorbildhaft für andere Bereiche der Kirche?

Sander: Es ist insofern vorbildhaft, dass etwas in die Liturgie hineindrängt, was dem Zweiten Vatikanischen Konzil entspricht – auch, wenn das nicht unbedingt beabsichtigt ist. Niemand kann beeinflussen, dass Jugendliche wirklich zur Lebenswendefeier kommen. Das ist aber genau diese „Kirche in der Welt von heute“, was damals beim Zweiten Vatikanum speziell in der Pastoralkonstitution zum Ausdruck gekommen ist. Darin heißt es: „Freude, Trauer und Angst der Armen und Bedrängten aller Art sind auch Freude, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Hier wird dem Genüge getan. Hoffnungen von Jugendlichen, Ängste die sie haben– kriegen sie einen Job, hält die Beziehung – werden ernst genommen. Und zweite Punkt: Man setzt bei den Jugendlichen an und nicht bei der Kirche. Man nimmt eben nicht den traditionellen Passage-Ritus – also die Firmung –, nicht den expliziten Glauben, sondern man nimmt die Not der Menschen ernst. Und da setzt man an.

Frage: Die katholische Kirche war sich ja auch in ihren Anfängen nicht zu schade, heidnische Bräuche aufzunehmen. Ist das vielleicht genau der richtige Weg, auch die neuen Trends in sich aufgehen zu lassen, wenn man mit der Zeit gehen möchte?

Sander: Naja, die Verhältnisse relativieren sich: Man bleibt nicht sein ganzes Leben lang in derselben Beziehung, man macht sein ganzes Leben lang denselben Job, man bleibt noch nicht einmal sein ganzes Leben lang am selben Ort. Alles ist sehr viel kurzlebiger geworden, und damit auch zwangsläufig sehr viel unverbindlicher. Aber zugleich gilt: Wenn ich eine Beziehung habe, dann habe ich sie entschieden. Wenn ich einen Beruf habe, dann bin ich hochengagiert. Wenn ich einen Wohnort habe, dann identifiziere ich mich mit dem, so lange ich da bin. Das gilt natürlich auch in Sachen Religion.

Und eine größere Verbindlichkeit – das ist ja auch ein Element des städtischen Lebensgefühls – ist nicht prinzipiell ausgeschlossen. Eine Beziehung, die einen dazu animiert, ein Schloss an eine Brücke zu hängen, kann auch zu einer Ehe führen. Und die Spiritualität, die jemand Lebenswendefeiern – da sind die Leute sehr engagiert dabei. Das kann später dazu führen, dass man denkt: Die Kirche ist doch mehr als ein alter Traditionsverein. Und es wäre von Seiten der Kirche ein großer Fehler, darauf hinzudrängen, dass es verbindlich wird. Auf diese Weise würde man die Leute nur abschrecken.

Das Interview führte Michael Richmann