Menschen mit Palmzweigen
Wie die Liturgie aus dem Heiligen Land in die Welt "exportiert" wurde

Die Feier der Heiligen Woche: Jerusalemer Liturgie und deutsche Palmen

Weite Teile der Liturgie von Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern sind in Jerusalem entstanden. Die Christen feierten dort, wo Jesus selbst gelitten hat. Dadurch entstanden liturgische Bräuche, die sich in der ganzen Welt verteilten – auch wenn manchmal Improvisationstalent gefragt war.

Von Benedikt Bögle |  Bonn - 04.04.2020

Vielerorts versammeln sich Christen am Palmsonntag schon früher als üblich. Die Messfeier beginnt nicht wie sonst in der Kirche, sondern an einem anderen Ort. Gemeinsam mit Priester und Ministranten zieht die Gemeinde dann feierlich in die Kirche ein. Sie tut das in Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem. Während er bei diesem Einzug noch bejubelt wurde, musste er nur wenige Tage später am Kreuz sterben.

Das hat viel mit der Liturgie in Jerusalem zu tun. Ursprünglich feierten die Christen Ostern in einem einzigen Gottesdienst. Während einer langen Nacht vergegenwärtigten sie das letzte Abendmahl, das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz und auch seine Auferstehung. Im Lauf der Zeit änderte sich das allerdings. Als das Christentum nicht mehr staatlich verfolgt wurde, entwickelte sich gerade in Jerusalem eine neue Art, Ostern zu feiern. Die Christen versammelten sich an den Orten, die man der Tradition nach mit einzelnen Stationen von Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu in Verbindung brachte. Zudem feierte man die einzelnen Abschnitte an den jeweiligen Tagen: Jesus hatte am Donnerstag das letzte Mahl mit seinen Jüngern gefeiert, war am Freitag gestorben und in der Nacht auf den Sonntag von den Toten auferstanden.

Eine Feier an drei Tagen

Bis heute ist diese Aufteilung in der Liturgie der Kirche sichtbar: Der Gottesdienst am Gründonnerstag beginnt wie üblich mit Kreuzzeichen, endet aber ohne Segen. Am Karfreitag gibt es keinen "klassisches" Anfang und kein Ende. Die Feier der Osternacht beginnt zwar nicht mit einem Kreuzzeichen, endet dafür aber mit dem Segen – der eine einheitliche Gottesdienst beginnt also am Gründonnerstag und endet erst in der Osternacht.  Der Priester trägt am Karfreitag auch ein Messgewand – obwohl er keiner Messfeier vorsteht. Das ist unüblich, symbolisiert aber, dass die Kirche eigentlich nur eine einzige, große Messe feiert, die am Gründonnerstag beginnt und erst in der Osternacht endet.

In Jerusalem konnte man diese Gottesdienste an den passenden Orten feiern. In der Nacht auf den Karfreitag beteten die Christen wie Jesus selbst im Garten Getsemani. Am Karfreitag kamen sie in der Grabeskirche zusammen und verehrten dort das Kreuz Christi. In anderen christlichen Kirchen gab es dieses Kreuz nicht – die Verehrung aber wurde auch hier in den Gottesdienst integriert, nun eben mit einem Holzkreuz, das feierlich von der Gemeinde enthüllt wurde. "Wir schaffen uns heilige Orte, um die Entfaltung des einen Mysteriums deutlicher zu machen", sagt Martin Stuflesser, Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Würzburg, dazu. Die Liturgie aus Jerusalem wurde so auch nach Deutschland übertragen – auch wenn die passenden Orte wie der Garten Getsemani oder die Grabeskirche hier nicht greifbar waren.

Im spanischen Zamora wird der Einzug Jesu auf dem Palmesel in Jerusalem nachgestellt.

So geschah es auch am Palmsonntag: In Jerusalem zog man in die Stadt ein – so wie Jesus selbst es nur wenige Tage vor seinem Tod getan hatte. Auch das übertrug sich auf die Gemeinden anderer Länder. So feiert die Kirche heute den Palmsonntag überall mit einer kleinen Prozession, in der die Gläubigen Palmenzweige in den Händen halten. Wo es keine Palmen gibt – wie etwa in Deutschland – bedient man sich anderer Pflanzen; etwa der sogenannten "Palmkätzchen", die um den Sonntag vor Ostern herum bereits regelmäßig wachsen und so die echten Palmen ersetzten. In einigen Gemeinden kommt in Erinnerung Jesu sogar ein echter Esel zur Palmprozession zum Einsatz; an anderen Orten begnügt man sich mit einem hölzernen Esel.

Auch hier hat sich eine alte kirchliche Tradition von Jerusalem aus über die ganze Kirche verbreitet. Wie in der gesamten Kar- und Osterwoche lebt die Liturgie hier von besonders alten Traditionen – und großen Zeichen. Martin Stuflesser betont, dass gerade in den österlichen Tagen Teile der Liturgie besonders alt sind und auf die früheste Kirche zurückgehen. Das gilt vor allem für die Zeichenhandlungen:"„Ich glaube, vieles aus der Karwoche spricht Menschen unmittelbar an: Das Verhüllen und Enthüllen, die Fußwaschung", sagt der Liturgiewissenschaftler. "Wir müssen diese Zeichen so feiern, dass sie zum Sprechen kommen."

Von Benedikt Bögle