Mehr als eine alte Tradition

Die Magie der handschriftlichen Briefe

Aktualisiert am 03.10.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Schwester Gabriela Zinkl hat eine Rarität im Briefkasten gefunden: einen handgeschrieben Brief. Jetzt liegt er auf ihrem Schreibtisch und sie schaut ihn immer wieder an. Aber warum fasziniert er sie so, obwohl sie täglich zig Nachrichten bekommt?

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Neulich fischte ich eine echte Rarität aus unserem Briefkasten, wohlgemerkt aus dem echten Briefkasten, nicht aus dem E-Mail-Postfach. Es war ein Briefumschlag mit einer handgeschriebenen Karte von einer Familie, die sich mit lieben, persönlichen Worten für einen Aufenthalt in unserem Kloster und Gästehaus bedankte. "Kleines Dankeschönchen" heißt es auf der Vorderseite der Karte, die seit einigen Tagen gut sichtbar auf meinem Schreibtisch steht. Seitdem huscht immer, wenn mein Blick darauf fällt, ein Lächeln über mein Gesicht. Es geht mir ein wenig wie der Bettlerin auf den Straßen von Paris, von der der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) erzählte, sie lebte eine Woche lang allein vom unerwarteten Geschenk einer Rose.

Mails haben gegen einen handgeschriebenen Brief keine Chance

Ein handgeschriebener Brief oder eine Karte ragen immer heraus aus den unzähligen Text-, Bild- und Video-Nachrichten, die uns rund um die Uhr erreichen. Da können deren Absender noch so gute Freunde in unserer Kontaktliste sein und uns die romantischsten Sonnenuntergänge oder witzigsten Situationen als Video schicken, gegen so einen Brief haben sie keine Chance.

Über 40 Millionen Briefe werden in Deutschland jeden Tag per Post verschickt. Die meisten dieser Briefsendungen in unseren Postkästen sind Drucksachen, Rechnungen, Informationsbriefe, Werbung oder Ähnliches. Sie haben alle etwas Langweiliges und Trauriges an sich: das gleiche eintönig weiß-graue Querformat, die aufgedruckte Adresse, die standardisierten, unpersönlichen Floskeln im Briefinhalt, die schnöden Aufforderungen und Mahnungen an uns, von der Krankenkasse, Bank, Stromgesellschaft, von einer Firma oder Behörde. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit erreichten uns so viele, persönlich an uns an adressierte, reale und digitale Nachrichten und Informationen wie heute. Und doch bleibt er der wahre und unerreichbare König aller Mitteilungen an uns: der handgeschriebene Brief.

Schöne Gestaltung und authentischer Inhalt

Wie schafft es ein einziger persönlicher Brief, in unserer Wahrnehmungswelt, all den digitalen, perfekt aufgemotzten Wunderbotschaften den Rang abzulaufen? – Durch seine geniale wie ansprechende Kombination schöner Gestaltung mit authentischem Inhalt. Das äußere Erscheinungsbild eines solchen Briefes oder einer Postkarte hebt sich deutlich ab von all den künstlichen Nachrichten und vorgefertigten Serienbriefen. Oft ist schon der Umschlag mit Adresse, von Hand beschriftet, auf feinem Papier, in schönem Farbton. Oder wir halten eine Postkarte in Händen, die wir von mehreren Seiten betrachten können und die uns sofort an einen fernen Urlaubsort entführt oder uns über einen Hamster im Jogginganzug schmunzeln lässt. All das bleibt, es wird nicht verjagt von der nächsten Nachricht und es wird nicht sofort oder aus Versehen von uns gelöscht. Es bleibt dauerhaft, wir können es im realen Leben ganz einfach aufbewahren und dort zur Schau stellen, wo es uns am besten gefällt, auf dem Schreibtisch, am Fensterbrett, an der Kühlschranktür oder in einer besonderen Schachtel mit anderen persönlichen Schätzen dieser Art.

Eine Sternschnuppe ist am Himmel zu sehen.
Bild: ©dpa/Patrick Pleul

Bei einem per Hand geschriebenen Brief sind die Worte sorgsam gewählt.

So ein persönlicher Gruß, egal ob in sorgfältig geschwungener Schrift oder mühsam hingekritzelt, verzaubert jede Empfängerin und jeden Empfänger, einfach so, ohne großes Tamtam. Das fängt schon beim Öffnen eines solchen Briefes an. Wir zelebrieren das in gewisser Weise, denn diese besondere Post wird nicht mal eben schnell aufgeklickt, sondern vorsichtig geöffnet, dann sorgfältig gelesen, oft mehrmals, um ihren Inhalt Wort für Wort zu verkosten. Und ganz anders als bei einer E-Mail oder sonstigen Messages, klingt in unserem Kopf beim Lesen solcher handschriftlichen Zeilen sogar die Stimme des Verfassers an. Wie die Handschrift so sind normalerweise auch die Worte so eines Briefes handverlesen, sorgfältig gewählt und mit Liebe aufs Papier gebracht. Auch das ist eine besondere Botschaft für all diejenigen, die ihre eigene Handschrift heute nur mehr zur persönlichen Unterschrift einsetzen.

Ein echter Freundschafts- und Liebesbeweis

Ein handgeschriebener Brief ist mehr denn je ein echter Freundschafts- und Liebebeweis, ganz ähnlich wie ein Lebkuchenherz von der Kirmes, ein Metallschloss am Brückengeländer über dem Fluss, ein Blumenstrauß oder Geburtstagsgeschenk. Ein persönlich verfasster Brief ist sogar noch viel mehr, denn er bleibt, er verdirbt oder verrostet nicht, es dauert eine halbe Ewigkeit, bis er sich in Staub auflöst. So ein Brief ist ein Kulturgut, er gibt Zeugnis von unserer speziellen Art der Kommunikation. Schon allein deshalb sollten wir die Tradition und Form persönlicher, handschriftlich verfasster Briefe unbedingt bewahren, sie schützen und pflegen. Und das nicht nur, um auch in Zukunft noch Johann Wolfgang von Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" zu verstehen.

Apropos Form, nach so vielen am Computer geschriebenen und gelesenen Sätzen ist es jetzt auch für mich an der Zeit, selbst zu Papier und Stift zu greifen, um jemandem mit ein paar persönlichen Zeilen eine kleine Freude und Überraschung zu bereiten! Dass das ein echter Freundschafts- und Liebesdienst ist, wusste schon der heilige Augustinus, als er um 400 nach Christus in seinen "Bekenntnissen" (Confessiones) schrieb:

"Miteinander reden und lachen, sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen, zusammen schöne Bücher lesen, sich necken, dabei aber auch einander Achtung erweisen, mitunter sich auch streiten – ohne Hass, wie man es auch mit sich tut, manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen und damit die Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen, die Abwesenden schmerzlich vermissen und die Ankommenden freudig begrüßen – lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe, die aus dem Herzen kommen, sich äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten, und wie Zündstoff den Geist in Gemeinsamkeit entflammen, so dass aus Vielheit Einheit wird."

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.