Theologe und Kunstexperte Meiering zum 80. Geburtstags des Verhüllungskünstlers Christo

"Es geht um das Enthüllen"

Aktualisiert am 13.06.2015  –  Lesedauer: 
Entwurf des verhüllten Kölner Doms
Bild: © KNA
Kunst

Köln ‐ Die Verhüllung des Kölner Doms blieb ein Entwurf, anders als Christos wohl bekanntestes Projekt: der verhüllte Reichstag. Der hat den Kölner Generalvikar Dominik Meiering so sehr beeindruckt, dass er seine Doktorarbeit darüber schrieb. Im Interview deutet er die künstlerische Verpackung theologisch: Die großen Planen verdecken zwar, was unter ihnen ist - genau damit enthüllen sie aber, worauf es eigentlich ankommt.

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Frage: Herr Generalvikar Meiering, was hat Sie bewogen, sich mit dem Verhüllungskünstler Christo zu befassen? 

Meiering: 1995 bin ich mit Studenten nach Berlin gereist, um den verhüllten Reichstag zu sehen. Bei der Hinfahrt habe ich den Mitreisenden aus einem Buch die kontroversen Debattenbeiträge aus dem Bundestag über die Aktion vorgelesen. Auf der Rückfahrt war für mich klar: Dieses ganze Projekt hat viel mit Religion zu tun. Das wird deine Magisterarbeit. Daraus hat sich dann später die Dissertation entwickelt.

Generalvikar Dominik Meiering
Bild: ©KNA

Der verhüllte Reichstag hat Dominik Meiering so beeindruckt, dass er seine Doktorarbeit darüber schrieb. Heute ist er Generalvikar des Erzbistums Köln.

Frage: Welchen Kick hat Ihnen die Kunst gegeben?

Meiering: Es ist paradox und deshalb so faszinierend: Christo verhüllt zeitlich begrenzt ein Objekt - und rückt es damit in den Mittelpunkt. Es geht also weniger um das Verhüllen, sondern um das Enthüllen.

Frage: Was genau wurde enthüllt?

Meiering: Der Reichstag ist ein Symbol der wechselvollen deutschen Geschichte - von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik, den Sieg über die Nazi-Herrschaft bis hin zum geteilten Deutschland, wo er wie eine Leiche an der Mauer lag. Plötzlich wurde dieser Reichstag durch einen künstlerisch-performativen Akt auferweckt. Eine wirklichkeitsverändernde Kraft. Vorher durfte niemand vom Reichstag sprechen, nur vom Bundestag. Nun lautet die Diktion: der Bundestag im Reichstag. Und mit einem Mal steht das Gebäude nicht mehr für ein in Kaiser-, Nazi- und DDR-Zeit gebeuteltes Land, sondern es wird zum Symbol eines freiheitlichen und weltoffenen Deutschlands.

Der verhüllte Reichstag
Bild: ©KNA

Der von dem Künstler Christo "Verhüllte Reichstag" am 25. Juni 1995 in Berlin.

Frage: Die Kritiker sprachen von Spielerei.

Meiering: Das Gegenteil ist der Fall. Kaum etwas hat dem Reichstag soviel Ehre und Würde verschafft wie diese Verhüllung. Unser heutiger Finanzminister Wolfgang Schäuble war erst ganz dagegen - später dann aber doch auch positiv angetan.

Frage: Was hat das alles mit Religion zu tun?

Meiering: Die Kunstaktion wurde in den Medien meist mit religiösen Begriffen beschrieben: Da kamen die Jünger von Christo, der auf dem Balkon des Roten Rathauses erschien, um uns zu versöhnen. Kleine Stoffstücke wurden verteilt und als Reliquien bezeichnet. Die Menschen machten eine Bekehrung durch - von der Depression eines geteilten Deutschlands hin zu einer frohen freien deutschen Identität. Das Ganze wurde also wie ein Wunder betrachtet.

Frage: Wo zeigen sich in der Verhüllung religiöse Bezüge?

Meiering: In der Bibel kommt Gott ständig verhüllt daher. So geht Gott dem Mose in einer Feuer- oder Wolkensäule voraus. Der Apostel Paulus schreibt mehrfach, dass wir durch Jesus Christus einen Blick hinter den Schleier der Gottheit werfen können - eine ganz spannende Formulierung. Das Alte Testament spricht vom Zelt mit den fünf Büchern Mose. Dieses Zelt ist damit ein Inbegriff der Gegenwart Gottes. Und als der römische Feldherr Pompeius im 1. Jahrhundert vor Christus den Jerusalemer Tempel besichtigte, erwartete er ein großes Götterbildnis. Er zieht den Vorhang des Tempeleingangs zur Seite. Und was findet er dahinter? Nichts. Der Raum ist leer. Der Vorhang selbst ist also das Zeichen für die Gegenwart Gottes. Er ist der, der nicht zu greifen und nicht zu begreifen ist. Auch als Christus am Kreuz stirbt, zerreißt der Vorhang im Tempel. Da wird also deutlich: Gott wird wirklich sichtbar - im Menschen Jesus. 

Frage: Könnten Sie sich auch vorstellen, eine Kirche zu verhüllten?

Meiering: Zur 100-Jahr-Feier der Fertigstellung des Kölner Domes 1980 hat Christo eine Zeichnung erstellt, wie die verhüllte Kathedrale aussehen könnte. Die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner meinte dazu, Christo habe genau verstanden, was der Dom eigentlich ist: die Hülle für den Dreikönigenschrein, der wiederum Hülle für die Gebeine der drei Weisen ist. Und die Gebeine sind die Hülle für den Menschen, der vor Gott niederfällt und ihm begegnet. All diese Hüllen führen zu dem, was dahinter liegt und nicht sagbar ist. Was nicht anders ausgesagt werden kann, als mit dem Schleier der Verhüllung.

Frage: Würden Sie Christo als einen religiösen Künstler beschreiben?

Meiering: Unbedingt. Zwar geht es ihm nicht um Kunstwerke im Rahmen einer christlichen Ikonographie. Aber er bringt die religiöse Grunddimension menschlichen Daseins ins Gespräch, indem er die Frage aufwirft, was eigentlich hinter unserem Leben steckt. Jede Kunst, die den Menschen mit dieser Frage nach dem Woher, Wozu und Wohin konfrontiert, ist religiöse Kunst.

Zur Person

Dominik Meiering ist seit Februar 2015 Generalvikar des Erzbistums Köln. 2006 wurde er an der Universität Bonn mit der Arbeit "Verhüllen und Offenbaren" in Kunstgeschichte promoviert.
Von Andreas Otto (KNA)