Papst Franziskus verlässt die Synodenaula
Bild: © KNA
Ein Wirtschaftsmagazin zählt den Papst zu den mächtigsten Menschen der Welt

Der Papst punktet

In der Vatikan-Kolumne "Franz & Friends" geht es diese Woche um die Macht des Papstes. Ein amerikanisches Magazin schrieb ihm unlängst weitreichenden Einfluss auf die Welt zu. Aber was bedeutet Macht für den "Diener der Diener Gottes" überhaupt?

Von Alina Rafaela Oehler |  Bonn - 11.11.2015

Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" kürte Franziskus zum viertmächtigsten Mann der Welt. Vor ihm auf der Liste stehen nur Putin (#1), Merkel (#2) und Obama (#3). Der Papst gehört damit zu einer globalen Elite, deren "Taten den Planeten bewegen", so "Forbes". Wie die Planetenbewegung gemessen wird, erklärt Redakteur David M. Ewalt auf der Internetseite des Magazins. Es gibt ein Punktesystem, ein Gremium aus Redakteuren prüft mögliche Kandidaten, 73 Plätze gibt es insgesamt. 

Bewertet wird in vier Kategorien. Erster Punkt: Macht über möglichst viele Menschen. Mit Einfluss auf über eine Milliarde "Seelen" weltweit liegt Franziskus weit vorn. Zweitens: Finanzielle Ressourcen – bei Staatsoberhäuptern gilt das BIP, bei Firmen und Privatpersonen zählen auch Vermögenswerte und Erträge. Hier dürfte der Papst, gemessen am Gesamtvermögen der Kirche, in der obersten Liga mitspielen. Drittens sollte sich der ausgeübte Einfluss nicht nur auf einen Bereich begrenzen, sondern vielseitig sein. Angesichts einer multinationalen Kirche wird Franziskus hier auch gepunktet haben. Bei viertens wird es spannend – hier schaute die Jury darauf, ob der jeweilige Kandidat die Macht, die er hat, auch nutzt. Ewalts Paradebeispiel: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un, insgesamt Platz 46, hat die "nahezu absolute Kontrolle über das Leben von 25 Millionen Menschen" bis hin zur Todesstrafe. Zu Franziskus finden sich an dieser Stelle keine Anmerkungen.

Dafür an anderer Stelle: In einer Art Steckbrief steht, der Papst habe "es sich zur Mission gemacht, das langjährige konservative Bild der katholischen Kirche zu ändern". Bezug genommen wird dabei auf seinen USA-Besuch im September, als er vor dem Kongress und den Vereinten Nationen sprach und auf konkrete Maßnahmen gegen Klimawandel und Christenverfolgung drängte. Außerdem predige der Papst "Mitgefühl für die Armen und eine bedeutendere Rolle für Frauen, während er der Kirche signalisiert, ihren Fokus weniger stark auf Fragen wie 'Abtreibung, Homo-Ehe und dem Umgang mit Verhütungsmitteln' zu richten". Ein interessanter Blick von Übersee aufs Pontifikat ist das allemal. 

"Forbes" scheint seinen Machtbegriff an Max Weber geschult zu haben. Der sagte: "Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht." Nur so erklärt sich der Spitzenreiter: Wladimir Putin. Der habe gezeigt, dass er mächtig genug sei, "zu tun, was er will – und damit davonzukommen".

Damit dürfte sich der Papst, als selbst ernannter "Servus servorum Dei" – "Diener der Diener Gottes" –, nicht identifizieren können. Sein Auftrag ist es, die Kirche auf Jesus Christus hin auszurichten – er ist Lehrer und Hirte. Dazu braucht es Macht, doch glaubt man den kirchlichen Dokumenten, wollen die Päpste "gute" Mächtige sein – ihre eigentlichen Kategorien heißen daher: Wahrheit und Liebe. Dafür hat "Forbes" kein Punktesystem. 

Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

Von Alina Rafaela Oehler