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Das Wort zum Sonntag vom 26.01.2018

25 Jahre "Schindlers Liste" - gesprochen von Benedikt Welter

Was für einen Film wird er nach diesem Drama jetzt noch drehen können? Das habe ich mich damals gefragt. Was kann der Erfolgsregisseur von Jurassic Park und E.T., Steven Spielberg noch mehr herausbringen – nachdem er vor 25 Jahren den Film Schindlers Liste in die Kinos gebracht hatte. Das Leid des Holocaust als Blockbuster? Hollywood in Auschwitz? Das, wovor schon die Sprache versagt, jetzt in bewegten Bildern mit Soundtrack als ein Kassenschlager an Kinokassen?

Es ist Spielberg gelungen. In Deutschland haben sich damals sechs Millionen Menschen Schindlers Liste angeschaut. Und waren – wie ich – zutiefst bewegt. Die Geschichte des deutschen Industriellen Oskar Schindler: er war ein Kriegsgewinnler; und doch hat er außerdem mit vielen Tricks ungefähr 1200 jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern das Leben gerettet. Dieser Film hat in seinen Bildern das unaussprechliche Grauen ebenso nahe gebracht wie er die Menschlichkeit von Menschen hat aufblitzen lassen – inmitten der von Menschen verursachten Pervertierung alles Menschlichen. Ben Kingsley spielt den jüdischen Sekretär Itzhak Stern. Der hält dem Filmhelden Oskar Schindler die Liste mit den Namen hin und sagt nur trocken: "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt." – ein Satz aus dem jüdischen Talmud ?Babylonischer Talmud Traktat Sanhedrin 37a? Ein bewegender Film. Er zeigt den Schrecken der mörderischen Tötungsmaschinerie, für die das Wort "Auschwitz" steht.

Und er zeigt Menschen, die sich dagegen auflehnen, selbst in Gefahr geraten, oft genug scheitern und doch nicht aufgeben. In einem Zeitungskommentar zum Film war damals zu lesen: "Die Zuschauer wollten das Vergessen überwinden." Ja, so habe ich es damals auch empfunden: nach diesem Film wird doch keiner mehr wagen, zu leugnen, dass es dieses Verbrechen gegeben hat, das wir "Holocaust" oder "Shoah" nennen: das mit industrieller Akribie veranstaltete Aufspüren, Deportieren und Vernichten von Menschen, deshalb, weil sie Juden waren. Vor allem deshalb. "Nicht alle Opfer waren Juden. Aber alle Juden waren Opfer" – so hat Ignatz Bubis es einmal formuliert, der verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. 25 Jahre nach dem Film Schindlers Liste kommen mir da Zweifel: habe ich zu früh gehofft gegen das Vergessen? Wenige Jahre nach dem Film hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog, den 27. Januar, den Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz durch Truppen der Roten Armee befreit wurde, zum Nationalen Gedenktag erklärt.

Zum Nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Zu einem Gedenktag also, der den Schrecken wachhält. Den Schrecken darüber, was passiert, wenn Menschen andere Menschen als missliebig oder "lebensunwert" diskreditieren und vernichten: systematisch und brutal. Ein schwieriger Gedenktag, weil sein Inhalt manchmal hinter Formeln oder Floskeln verloren zu gehen scheint. Da kann ein Film wie Schindlers Liste helfen. Gerade jetzt, wo die letzten Zeitzeugen gehen. Jetzt sind es die Schauspieler, die damals gelebtes und erlittenes Menschenleben und Menschenleid sichtbar machen. Gesichter und Namen und Bilder eines Films machen über die Grenze der Vergangenheit lebendig, was Wirklichkeit war und nie wieder Wirklichkeit werden darf – nicht mal in Ansätzen. Morgen, am Gedenktag des 27. Januar, wird Schindlers Liste in vielen Kinos noch einmal gezeigt. Auch eine gute Möglichkeit, diesen schwierigen Tag zu begehen.