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Das Wort zum Sonntag vom 19.20.2020 - gesprochen von Benedikt Welter

Unerschütterlich

Seine Hände liegen in Eisen. Sein Bewegungsradius: wenige Quadratmeter Kerkerzelle. In Gestapohaft ist Alfred Delp. Nun schon fast fünf Monate. Das Todes-Urteil ist noch nicht gefällt, aber absehbar. Der Mann in der Todeszelle schreibt mit gefesselten Händen auf kleine Zettel; die schmuggelt der Anstaltspfarrer aus dem Kerker Berlin-Tegel heraus. Delp schreibt Meditationen. Gläubige Gedanken. Auch zum Advent.

Worte wie diese: "Man muss ganz ruhig liegen, sonst reißen die Dornen des Gestrüpps, in das man gefallen ist, nur neue Wunden. Ganz ruhig liegen und seine Ohnmacht wissen und die heilende Hand Gottes suchen." (gesammelte Schriften IV, 292)
Pater Alfred Delp ist Jesuit. Sein letztes Ordensgelübde hat er Anfang Dezember 1944 abgelegt, im Gefängnis. Die Gestapo hatte angeboten, ihn freizulassen, wenn er sich vom Jesuiten-Orden lossagen würde. Kein Deal für ihn. Er bleibt auf seinem Weg – auch wenn der in den Tod führt.
Dieser Mann und seine Adventsgedanken faszinieren mich. Gerade in diesem Corona-Advent und vor einem Corona-Weihnachten. Delp begleitet mich durch diese Krise und richtet mich immer wieder auf. Er zeigt mir, was Glaube in existentieller Krise bewirken kann. Täglich nehme ich mir vor, was Alfred Delp gesagt und aufgeschrieben hat, seine Predigten und vor allem seine Betrachtungen. Sie sind eine Kraftquelle. Sie helfen mir, mit meinem christlichen Glauben dieser Pandemie begegnen zu können. Mit diesem Glauben an den "Herrgott", wie Delp IHN gerne nennt. Mit Gott – nicht ohne ihn; nicht gegen ihn.
"Es ist kein Grund zu Verzagen … und Betrübnis, sondern Zeit der Zuversicht und des unermüdlichen Rufens." Das schreibt der Pater am Vierten Advent 1944. Und:  "Wir müssen uns mit Gott gegen unsere Not verbünden." Wir beten doch, meint er: "Dein Erbarmen komme über uns, in dem Maß wir auf dich hoffen. Da ist das Maß gesetzt, an das Gott sich bindet. Seine Nähe ist so dicht, wie unsere Sehnsucht echt; sein Erbarmen so groß, wie unser Ruf nach ihm ernst." Wie gesagt: Das schreibt Delp mit gefesselten Händen, den Tod vor Augen, am Vierten Advent. Und: Gottes "Befreiung (ist) so nah und wirksam, wie unser Glaube an ihn und sein Kommen unerschüttert und unerschütterlich. Das gilt!"
Wow. Das ist heftig. Weil es mich direkt und ganz persönlich anspricht. Gott ist mir so nah, wie ich eine Sehnsucht nach ihm in mir trage. Gott bindet sich daran, wie sehr ich innerlich nach ihm verlange. Darauf bereiten Christinnen und Christen sich vor, wenn es Weihnachten wird. Gott bindet sich an mich und an jeden Menschen.
Alfred Delp hat seine Zeit im Gefängnis als "Wüste" erlebt und seinen "Advent" genannt. Seine Hoffnung hat er festgehalten und sie über den Tod hinaus an uns weitergegeben. Er sagt: "Das allgemeine Schicksal, meine persönliche Lage, die Botschaft des Festes: (das) alles sammelt sich (in dieser Einladung): Mensch, lass dich los zu deinem Gott hin – und